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Auszeichnung für Schriftstellerin : „Stimme der Vernunft“: Swetlana Alexijewitsch erhält Literaturnobelpreis 2015

vom
Aus der Onlineredaktion

„Fantastisch“: Die weißrussische Schriftstellerin wird mit dem mit acht Millionen Schwedischen Kronen dotierten Preis ausgezeichnet.

shz.de von
erstellt am 08.Okt.2015 | 15:49 Uhr

Stockholm | Der diesjährige Literaturnobelpreis geht an die weißrussische Journalistin und Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch (67). Das gab die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm bekannt.  Die Preisträgerin ist vor allem für ihre literarischen Reportagen aus dem tagtäglichen Leben in ihrer Heimat Weißrussland und der Ukraine bekannt.

Alexijewitsch fühle sich durch die Vergabe des Preises an sie sehr geehrt, sagte sie in einer ersten Reaktion. „Das ist ganz groß, diesen Preis zu bekommen“, sagte sie dem schwedischen Fernsehsender SVT am Donnerstag kurz nach der Verkündung am Telefon. Es sei eine Ehre, in einer Reihe mit großen Schriftstellern wie Boris Pasternak zu stehen.

Auf die Neuigkeit, die ihr Nobel-Jurorin Sara Danius per Telefon überbracht hatte, habe sie mit dem Wort „fantastisch“ reagiert, hatte Danius zuvor gesagt. Die Schriftstellerin und Journalistin bekam den Preis in Stockholm für ihr „vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“.

Danius nannte Alexijewitsch „eine außergewöhnliche Schriftstellerin“. „In den vergangenen 30 oder 40 Jahren hat sie sich damit beschäftigt, das Individuum der Post-Sowjet-Zeit zu kartografieren. Aber sie beschreibt keine Geschichte der Ereignisse. Es ist eine Geschichte der Gefühle. Was sie uns bietet, ist eine Welt der Gefühle.“ Alexijewitsch hat einen ganz eigenen literarischen Stil, der mit Collagen das Leid und die Katastrophen der Menschen in ihrer Heimat aufarbeitet. Vor zwei Jahren erhielt sie bereits den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Als wohl wichtigstes Werk der gelernten Journalistin gilt „Secondhand-Zeit“ von 2013 - eine Sammlung von Stimmen über schlimme Erfahrungen im kommunistischen Experiment in der Sowjetunion.

Der Literaturkritiker Denis Scheck („Druckfrisch“) nannte die weißrussische Autorin eine „brillante Dokumentaristin der Blutspur des Totalitarismus und des Krieges“ und „eine Stimme der Vernunft im Chor der Irren“. Der Kritiker Volker Weidermann („Der Spiegel“, „Das Literarische Quartett“) bezeichnete die Entscheidung der Nobel-Jury als „ideale Wahl“: „Alexijewitsch schreibt über die russische Geschichte, aber mit ihrem Blick auf die Vergangenheit erklärt sie uns Russland und die Kriege von heute.“

Ihr deutscher Verleger vom Verlag Hanser Berlin, Karsten Kredel, teilte mit: „Ihre Bücher sind eine Chronik des homo sovieticus, für die sie ein eigenes, zwischen Belletristik und Dokumentation liegendes Genre geprägt hat.“ Alexijewitsch wurde am 31. Mai 1948 im westukrainischen Stanislaw (heute Iwano-Frankowsk) geboren. Sie arbeitete nach einem Journalistik-Studium zunächst bei einer Lokalzeitung sowie als Lehrerin. Da sie im autoritären Regime in Weißrussland kein Gehör fand, lebte sie lange im Ausland. 2011 zog sie trotz ihrer oppositionellen Haltung zurück nach Minsk.

Der Literaturkritiker Volker Weidermann hat die Vergabe des diesjährigen Preises als „ideale Wahl“ bezeichnet. Der Stockholmer Jury werde oft vorgeworfen, eher Gesinnungsentscheidungen zu treffen als literarische, sagte der „Spiegel“-Literaturchef und neue Gastgeber des „Literarischen Quartetts“ am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. „In diesem Fall stellt sich die Frage nicht, weil Alexijewitsch auf großartige Weise in ihrem Werk literarische Kraft und politische Notwendigkeit in eins zusammenführt“, so Weidermann. „Alexijewitsch schreibt über die russische Geschichte, aber mit ihrem Blick auf die Vergangenheit erklärt sie uns Russland und die Kriege von heute.“

Verliehen wird die mit acht Millionen Schwedischen Kronen (etwa 850.000 Euro) dotierte Auszeichnung traditionell am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, in der schwedischen Hauptstadt.

Letzte deutschsprachige Preisträger waren Herta Müller (2009), Elfriede Jelinek (2004) und Günter Grass (1999). Nominiert waren in diesem Jahr knapp 200 Schriftsteller. Fünf schaffen es auf eine Shortlist, aus der die Schwedische Akademie den Nobelpreisträger auswählt.

Im vergangenen Jahr hatte die Jury den Franzosen Patrick Modiano (70) für seine „Kunst der Erinnerung“ geehrt, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen habe. Letzte deutschsprachige Preisträgerin war Herta Müller im Jahr 2009.

Hintergrund: Autorin Sweltana Alexijewitsch

Swetlana Alexijewitsch (67) ist mit einem ganz eigenen literarischen Stil zum moralischen Gedächtnis des zerfallenen Sowjetimperiums geworden. Die weißrussische Schriftstellerin hat mit ihren Collagen das Leid, die Katastrophen und den harten Alltag der Menschen in ihrer Heimat aufgearbeitet. 2013 erhielt sie dafür den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Jetzt wurde sie mit den Literaturnobelpreis geehrt.

Alexijewitschs Werke sind „Romane in Stimmen“. Erstmals wandte die gelernte Journalistin ihre literarische Methode 1983 im Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ an. Mit Interviews dokumentierte sie das Schicksal sowjetischer Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg.

Für „Zinkjungen“ (1989) sprach sie mit mehr als 500 Veteranen des sowjetischen Afghanistan-Feldzugs und Müttern gefallener Soldaten.

Genauso porträtierte sie 1997 die Überlebenden der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Als ihr Großwerk gilt „Secondhand-Zeit“ von 2013 - eine Sammlung von Stimmen über die erschütternden Erfahrungen des kommunistischen Experiments in der Sowjetunion.

Alexijewitsch wurde am 31. Mai 1948 im westukrainischen Stanislaw (heute Iwano-Frankowsk) geboren. Sie arbeitete nach einem Journalistik-Studium zunächst bei einer Lokalzeitung sowie als Lehrerin. Da sie unter dem autoritären Regime in Weißrussland öffentlich kein Gehör fand und ihre Werke nicht verlegt wurden, hielt sie sich viele Jahre im Ausland auf. 2011 zog sie trotz ihrer oppositionellen Haltung zurück nach Minsk. „Ich will zu Hause leben, unter meinen Leuten, meinen Enkel aufwachsen sehen“, sagte sie. Außerdem sei Quelle ihres Schaffens immer das Gespräch mit den Menschen gewesen. „Und das kann ich am besten hier und in meiner Sprache“, sagt Alexijewitsch.

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