Beutekunst : Soll der Parthenon-Fries zurück nach Athen?

Marmor-Relief mit zwei Reitern, Teil des Parthenon-Fries von der Akropolis in Athen, im British Museum.
Marmor-Relief mit zwei Reitern, Teil des Parthenon-Fries von der Akropolis in Athen, im British Museum.

Großbritanniens Museen sind voll von Kunstschätzen aus der Kolonialzeit. Viele davon sind Beutestücke. Trotzdem tut sich London schwer mit Forderungen nach Rückgabe. Am ehesten könnten wohl Vereinbarungen zur Leihgabe das Problem lösen.

shz.de von
13. August 2018, 11:23 Uhr

Es müssen dramatische Szenen gewesen sein, die sich im Jahr 1868 im Hochland von Äthiopien abspielten. Der abessinische Kaiser Theodor II., bedrängt von einer britisch-indischen Strafexpedition, hatte sich in seine Felsenfestung Magdala zurückgezogen.

Als die feindlichen Truppen das Tor durchbrachen, tötete er sich mit einer Pistole selbst. Die Eindringlinge nahmen nicht nur seinen sechsjährigen Sohn, sondern auch Hunderte Manuskripte, Gemälde, Schmuck, Kleider und rituelle Objekte mit, die heute auf verschiedene Sammlungen in Großbritannien verteilt sind.

Die äthiopische Regierung fordert die Kunstschätze inzwischen zurück, doch London tut sich schwer. Die Museen des Landes sind voller Artefakte, die die einstige Kolonialmacht teils erbeutet, teils unter heute zweifelhaften Umständen erworben oder in Sicherheit gebracht hat. Niemand will einen Präzedenzfall schaffen, der die Schleusen öffnet für eine unaufhörliche Reihe von Forderungen.

Die bekanntesten Objekte, um die gestritten wird, sind die Teile des Frieses von der Athener Akropolis im British Museum in London. Die Marmor-Statuen gehören zu den bedeutendesten Relikten der griechischen Antike und sind eine der Hauptattraktionen im meistbesuchten Museum Großbritanniens. Ein britischer Lord hatte sie Anfang des 19. Jahrhunderts mit Zustimmung der osmanischen Oberherren im damaligen Griechenland abtransportiert und nach London geschafft.

Die Regierung in Athen fordert seit Jahren die Rückgabe, doch London stellt sich stur. Star-Anwältin Amal Clooney, die Frau von Hollywood-Schauspieler George Clooney, wollte bereits für Athen vor internationale Gerichte ziehen, aber die griechische Regierung winkte ab. Zu unsicher sei der Ausgang eines solchen Verfahrens.

Athen hofft auf eine politische Lösung. Zumindest Oppositionschef Jeremy Corbyn von der Labour-Partei kündigte an, er wolle Verhandlungen über eine Rückgabe mit Athen aufnehmen, sollte er zum Premierminister gewählt werden.

Hartwig Fischer, der Direktor des Britischen Museums, legt den Fokus auf den universellen Charakter seines Hauses. Es sei «ein Museum der Welt für die Welt», sagte er dem «Guardian». «Diese Organisationen sind eine Kraft des Guten, sie fördern das Gemeinwohl und ziehen jedes Jahr Millionen Besucher an», fügte er auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur hinzu. Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras entgegnete dieser Haltung bei einem Besuch in London im Juni, die Statuen seien ein Vermächtnis der Weltkultur, «aber ihr natürlicher Platz ist der Parthenon».

Im Fall des äthiopischen Schatzes von Magdala kam im Frühjahr etwas Bewegung. Der Direktor des Victoria-and-Albert-Museums, wo ein Großteil der Artefakte aufbewahrt werden, Tristram Hunt, teilte mit, sie könnten in Form einer Dauerleihgabe ans Horn von Afrika zurückkehren. Doch die äthiopische Regierung zeigte sich wenig begeistert.

Trotzdem könnte sich das Modell der Leihgabe als Erfolg erweisen. Vorbild könnte eine Lösung in der Debatte um die sogenannten Benin-Bronzen werden. Mehrere Tausend der filigranen Metall-Tafeln und Skulpturen mit Darstellungen von Königen, Kriegern und Hofszenen aus dem Palast des Königs von Benin im heutigen Nigeria, waren 1897 bei einer britischen Strafexpedition geraubt worden. Sie sind heute verstreut in Museen der westlichen Welt. Die meisten sind in Großbritannien und Deutschland.

Die sogenannte Benin-Dialog-Gruppe verhandelt seit Jahren darüber, wie sie wieder an ihrem Herkunftsort gezeigt werden können. An den Gesprächen beteiligen sich mehrere europäische Museen sowie die nigerianische Regierung und das Königshaus in Benin City. Zuletzt gab es Anzeichen, dass es zu einer Lösung kommen könnte. Berichten zufolge steht wohl eine Dauerausstellung in Nigeria zur Debatte, die mit Leihgaben, Dauerleihgaben und zurückgegebenen Objekten bestückt werden könnte.

Die Regierung in Abuja teilte auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit, es gäbe noch keine konkreten Gespräche über Leihgaben, das könne aber «ein Ausgangspunkt» sein. Im Herbst soll ein weiteres Treffen der Dialog-Gruppe am Museum für Völkerkunde im niederländischen Leiden stattfinden. Hartwig Fischer vom Britischen Museum, der im Sommer verschiedene westafrikanische Länder besucht, lässt vor seiner Abreise noch einmal ausrichten, wie wichtig ihm die Zusammenarbeit mit Partnern auf der ganzen Welt ist.

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