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Singen wie auf einem Trampolin

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In acht Meisterkursen des Schleswig-Holstein Musik Festivals erhalten Nachwuchstalente Tipps von Stars der Klassik

shz.de von
erstellt am 01.Aug.2013 | 04:59 Uhr

Lübeck | "Glitter and be gay, thats the part I play!" Es ist heller Vormittag, eigentlich keine gute Zeit für Singstimmen. Aber die Kraft, mit der die Arie aus Leonard Bernsteins "Candide" den Kammermusiksaal erobert, lässt selbst Gerd Uecker (Foto, links) aufmerken. "Eine Meisterleistung so früh am Morgen", bescheinigt er der schwedischen Sopranistin Karin Fjellander (Foto), "bravo!" Die 29-Jährige aus Göteborg ist eine von sieben Sängerinnen und Sängern, die sich in diesem SHMF-Sommer in seinem Meisterkurs eingefunden haben. "Interpretationskurs für Opernsänger" - so schlicht der Titel, so gehaltvoll der Unterricht.

Dieses Jahr sind es acht Meisterkurse und die Dozenten wie gewohnt hochkarätig: Iveta Apkalna (Orgel), Elisabeth Leonskaja (Klavier), Wolfram Rieger (Liedgestaltung), Evelyn Glennie (Percussion), Margreet Honig (Gesang), David Geringas (Violoncello), Donald Weilerstein (Violine und Kammermusik) und eben Gerd Uecker, Musiker und Musikpädagoge, bis 2010 Intendant der Semperoper Dresden und seit 2007 Vorsitzender des Hochschulrates der Musikhochschule Lübeck. Die Aufnahmeregeln sind streng. Zu Uecker kommt man in der Regel nur mit abgeschlossenem Gesangsstudium und einer Liste mit zehn fertig studierten Opernarien in Originalsprache, aus der vier oder fünf Arien für die Kursarbeit ausgewählt werden.

Bühnenerfahrung haben sie alle schon gesammelt, Karin Fjellander zum Beispiel an der Oper Göteborg. Aber, sagt sie, "Schweden ist ein kleines Opernland." Also streckt sie ihre Fühler europaweit aus. Der Meisterkurs ist dabei eine sehr gute Visitenkarte.

Uecker hört sich die Bernstein-Arie konzentriert und hocherfreut an. Natürlich hat er verbesserungswürdige Momente entdeckt, aber er beginnt den Unterricht stets mit Lob. Erst dann ruft er der Schwedin in Erinnerung, dass die Arie eine leichte Geschichte und keine dramatische erzählt, weist er auf die Stütze hin, die der Schwedin "manchmal ein bisschen" verloren geht. "Stell dir vor, du singst, während du auf einem Trampolin springst", rät er. Karin Fjellander versteht sofort. Ansonsten ist der Vormittag Mozart-geschwängert. An diesem Komponisten könne man grundlegende Werte des Gesangs darlegen, sagt Uecker. "Non mi dir" aus Don Giovanni ist die zweite Arie, die Karin Fjellander üben möchte. "Great music", murmelt Uecker. Mozart ist auch von den anderen vier Kursteilnehmerinnen des Vormittags zu hören. Mit der 27 Jahre alten Mezzosopranistin Patricia Osei Kofi aus Dresden etwa arbeitet Uecker an der Cherubino-Arie aus "Le nozze di Figaro". Zuvor stand der Octavian aus Strauss "Rosenkavalier" auf dem Plan. "Den musst du dir erschaffen", sagt Uecker und karikiert den Liebhaber als unerfahrenen Jungen mit intellektuell dünnem Bodensatz, schlägt wenig später einen Bogen zum Cherubino, der ebenfalls mehr Körper als Geist besitzt: "Das ist das Schwierige für eine Sängerin: einen unstimmigen Geist zu verdeutlichen." Dem Dozenten gelingt das mit Worten umso besser und er schickt hinterher: "Wir arbeiten hier in Bereichen, in die viele Sängerinnen gar nicht vordringen."

Tatsächlich sind die Stimmen wunderbar: ausdrucksstark und eigen allesamt. "Und auf hohem Niveau", lobt Uecker. Die Arbeit macht ihm Freude. Und den Sängerinnen, die sich ja noch einmal in eine öffentliche Lernsituation begeben? "Es ist wunderbar, mit ihm zu arbeiten", sagt Patricia Osei Kofi.

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