Krimis vom Kiez : Simone Buchholz sammelt Stoff auf St. Pauli

Simone Buchholz schaut auch in die dunklen Ecken von St. Pauli.
Simone Buchholz schaut auch in die dunklen Ecken von St. Pauli.

Zu Deutschlands erfolgreichsten Krimi-Autorinnen gehört Simone Buchholz. Wie die Heldin ihrer Reihe lebt sie auf St. Pauli, jährlich schreibt sie einen Roman. Nach der Lektüre gerät ein «Tatort»-Kommissar ins Schwärmen.

shz.de von
21. August 2018, 12:42 Uhr

Wenn Krimiautorin Simone Buchholz durch St. Pauli geht, ist sie selten allein. Staatsanwältin Chastity Riley lässt sie nicht los. Zehn Jahre ist es her, dass Buchholz den ersten Band ihrer Riley-Reihe veröffentlichte.

«Am Anfang schaut man seine Serienfigur von außen an, aber irgendwann guckt sie aus einem raus», sagt die 46-Jährige. Im Sommerkleid sitzt sie in einem Café in Hamburgs berühmtesten Stadtteil in der Sonne und spricht über dessen nicht so helle Flecken. Ihre Heldin bringe sie dazu, auch im eigenen Viertel immer wieder anders hinzusehen. «Ich schaue automatisch in die dunklen Ecken, an die Ränder - dahin, wo die Leute sitzen, denen es nicht gut geht, und frage mich, wie das denn passieren konnte und wer vielleicht seinen Anteil daran hatte.»

Als Chas Riley in «Revolverherz» den ersten Auftritt hatte, ließ Buchholz in der Geschichte einen Killer tote Tänzerinnen aus einem Kiez-Stripclub an der Elbe drapieren und die Staatsanwältin tief im Rotlichtmilieu ermitteln. «In das Leben der Menschen hier greift das Rotlicht zwar nicht mehr so wahnsinnig ein, sehr viel weniger als der Ausverkauf des Stadtteils», sagt die gebürtige Hessin, die ihren persönlichen Kiez in der Gegend zwischen Millerntor-Stadion und Seilerstraße gefunden hat. «Aber St. Pauli ist eben auch ein schönes gesellschaftliches Brennglas: ein Viertel, das in sich relativ geschlossen ist, das Zusammenhalt und eine dörfliche Struktur hat. Alles, was toll ist, findet hier auf kleinem Raum statt, aber auch alles, was scheiße ist.»

Mit «wunderbaren Formulierungen, einer überzeugenden Ermittlerfigur, einer schlüssigen Krimihandlung und einer ganz eigenen Atmosphäre» überzeugte sie im vergangenen Jahr die Jury des Radio-Bremen-Krimipreises. «Das Schreiben von Simone Buchholz ist von einem tiefen Verständnis für menschliches Handeln und seine Beweggründe geprägt und lässt die Leser miterleben, wie ihre Heldin Chastity Riley immer wieder an ihre Grenzen stößt und doch immer wieder Möglichkeiten findet, sie zu überwinden», urteilten die Juroren. Die Romanreihe brachte der Autorin Preise und Plätze in Bestenlisten ein – und das Lob eines «Tatort»-Kommissars: «Gelesen und mehr davon gewollt!», wird Schauspieler Wotan Wilke Möhring vom Verlag zu «Blaue Nacht» zitiert.

Seit 17 Jahren lebt Buchholz auf St. Pauli. Vieles hat sich seitdem verändert, nicht zuletzt sie selbst. «Ich bin von der Rumtreiberin zur Mutter geworden und sehe manches inzwischen anders», erzählt die Mutter eines Zehnjährigen. Natürlich sei der Stadtteil in den vergangenen Jahren wahnsinnig hip geworden. «Als ich hierher gezogen bin, zog man nicht hierher.» Dann kamen die Bewohner, die Jacken tragen, «die eine Monatsmiete kosten». Doch das Viertel schlucke mit seiner Kraft und Lebendigkeit fast jeden. «Plötzlich bleiben die teuren Jacken im Schrank, man geht mit auf Demos und in den Second-Hand-Laden.» Und wen St. Pauli nicht für sich einnehme, der ziehe ohnehin spätestens nach einem Jahr wieder weg.

Was die Schriftstellerin, die zuvor als Journalistin arbeitete, wie viele St.-Paulianer ärgert, sind «die Großveranstaltungen, die immer wieder durchs Viertel getrieben werden.» Und wenn die Frau, die ihre blonden Haare gern hochsteckt, am Hafen joggt, sieht sie noch ein Ärgernis: die Elbphilharmonie. «Die 800 Millionen Euro, die der Bau die Stadt gekostet hat, hätten auch Krankenhäuser und Schulen gebrauchen können. Und hier im Viertel haben junge Musiker, Maler, Autoren, nicht mehr die Möglichkeit zu wohnen oder die Mieten für Ateliers und Probenräume zu bezahlen.» In ihren Büchern existiert das Konzerthaus nicht. «Da ist der Bau gescheitert, es wurde zurückgebaut und ein Skatepark darauf errichtet.»

Rund 150 Tage im Jahr ist Buchholz unterwegs, zu Lesungen auch in Italien. Von dort stammt ihr Mann, der ihr auch ein guter Ratgeber beim Krimi-Schreiben sei. «Wäre er in Neapel aufgewachsen, wäre er entweder Carabiniere oder Drogendealer geworden, sagt er immer.» Ihr Sohn habe bei «Johnny und die Pommesbande» geholfen. Zumal das Kinderbuch ebenfalls in jenem Stadtteil spielt, in dem sie die Brücke 10 am Hafen so liebt. «Dort ein Fischbrötchen, ein eiskaltes Astra und den Schiffen nachschauen - das macht mich glücklich.» Staatsanwältin Riley ist auch dann dabei.

«Solange sie mir Geschichten serviert, bin ich nicht durch mit ihr», sagt Buchholz über ihre Hauptfigur. Am 10. September erscheint mit «Mexikoring» der zehnte Band. Der Roman, in dem in Hamburg in jeder Nacht Autos brennen und Riley tief in die Welt der Clan-Familien eintaucht, sei fast zur Hälfte in Bremen angesiedelt, zur anderen Hälfte in der Hamburger City-Nord, erzählt die Autorin. Aber natürlich spiele auch ihr Stadtteil wieder eine Rolle: «St. Pauli ist wie immer der Stützpunkt meiner Truppe, der Ort, an dem sie sich wieder zusammensetzen.»

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