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Berlinale : Sieg für das asiatische Kino

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Der Goldene Bär und zwei weitere Preise gehen ins Reich der Mitte. Auch ein deutsches Geschwisterpaar und eine japanische Schauspielerin haben bei der Berlinale Grund zur Freude.

Berlin | Der Goldene Bär für einen harten, düsteren Krimi aus China - mit dieser Entscheidung überraschte die Jury der 64. Berlinale am Samstagabend. „Schwarze Kohle, dünnes Eis“ („Bai Ri Yan Huo“) von Yinan Diao ist ein im Stil des Film noir gedrehter Thriller um die Aufklärung mehrerer brutaler Morde. Die Wahl der Jury, in der auch der zweifache Oscar-Gewinner Christoph Waltz und „James Bond“-Produzentin Barbara Broccoli saßen, fiel damit ziemlich untypisch aus.

Denn normalerweise stehen Werke mit sozialkritischer Botschaft oder ungewöhnlichem Regiekonzept bei Jurys der Internationalen Filmfestspiele in Berlin hoch im Kurs - und da hätte es abgesehen von dem lediglich mit dem Regie-Bären ausgezeichneten Publikumsfavoriten „Boyhood“ von US-Regisseur Richard Linklater im Wettbewerb auch reichlich Auswahl gegeben.

Große Freude gab es bei den Deutschen. Die Geschwister Anna und Dietrich Brüggemann holten für das Drama „Kreuzweg“ über religiösen Fanatismus den Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Ein verdienter Preis für das formal strenge, an den 14 Stationen des Kreuzweges von Jesus Christus orientierte Werk.

„Es war für uns so wichtig, diesen Film zu machen“, sagte Anna Brüggemann. Die Auszeichnung sei eine Ermutigung, weiter Filme zu drehen, meinte ihr Bruder. Insgesamt vier deutsche Regiearbeiten waren im Berlinale-Wettbewerb zu sehen.

„Ich war nicht so mutig, mir das vorzustellen“, sagte Regisseur Yinan Diao auf die Frage, ob er denn mit dem Goldenen Bären gerechnet hätte. Und nicht nur der Hauptpreis ging an „Schwarze Kohle, dünnes Eis“. Hauptdarsteller Fan Liao, der einen auf eigene Faust ermittelnden Ex-Polizisten spielt, nahm den Silbernen Bären als bester Schauspieler entgegen. „Gestern war mein 40. Geburtstag. Das ist das schönste Geschenk, das Sie mir geben können“, sagte er.

Mit insgesamt vier Preisen ist das asiatische Kino der große Gewinner der 64. Berlinale. Neben den beiden Trophäen für „Schwarze Kohle, dünnes Eis“ gab es eine weitere Ehrung für China: Kameramann Jian Zeng erhielt einen Silbernen Bären für seine Bilder zu dem Drama „Blinde Massage“ („Tui Na“) über die blinden und sehbehinderten Angestellten in einem Salon für medizinische Massagen.

Der Preis für die beste Schauspielerin ging an die 23-jährige Japanerin Haru Kuroki. Sie spielt in dem Drama „Das kleine Haus“ („Chiisai Ouchi“) von Altmeister Yoji Yamada ein zartes, nur einmal nicht gehorsames Dienstmädchen in einem Tokioter Haushalt der 1930er und 40er Jahre.

Der Gewinnerfilm „Schwarze Kohle, dünnes Eis“ zeichnet ein finsteres Bild vom Alltag im gegenwärtigen China: Gefühle zählen in der verästelten Detektivgeschichte nicht. Es geht um Mord, Rache, Liebe und Sex. Der Filmtitel spielt auf entscheidende Schauplätze an: Kohletransporter und eine Eislaufbahn. „China ist in einer Zeit großer Wandlungen. Manche Verbrechen wirken auf mich wie Spiegel unserer Gegenwart“, so der Regisseur.

Zugleich betonte er in Berlin: „Eine besondere politische Bedeutung hat der Film nicht.“ Bezüge zu konkreten Ereignissen hat der Film nicht. Allerdings gestand Yinan Diao ein: „Als wir das Drehbuch 2005 geschrieben haben, gab es einige Kriminalfälle in China, die uns sicherlich beeinflusst haben.“ 

Stilistisch lehnt sich der überwiegend in kalten Winterbildern gehaltene Krimi an das Genre des Film noir der 1940er Jahre in Hollywood an. Die Bilder werden von scharf herausgearbeiteten Schatten dominiert, die Akteure agieren äußerst kühl, die Dialoge sind knapp und pointiert.

Dabei geht Yinan Diao beim Zeigen von Gewalt sehr viel weiter als Regisseure wie etwa John Huston oder Otto Preminger einst in Hollywood. Für eine Mordszene mit Schlittschuhen braucht der Zuschauer starke Nerven.

„Das Abschneiden chinesischer Filme bei internationalen Filmfestivals war bislang betrüblich, aber in einer solchen Nacht fühlen wir uns stolz und ermutigt“, kommentierte am Sonntag das populäre chinesische Webportal Sohu.com.

Den meisten Spaß gab es im Berlinale-Wettbewerb mit Wes Andersons Komödie „Grand Budapest Hotel“, die mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Die Jury bewies aber vor allem mit der Vergabe des Goldenen Bären wieder, dass sie eine rege Eigendynamik besitzt und sich nicht von öffentlichen Bravo- oder Buhrufen beeinflussen lässt.

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erstellt am 16.Feb.2014 | 12:52 Uhr

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