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Namen der Gewässer der Erde : Schriftsteller Essig: „Wir sind dem Meer egal“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Schriftsteller Rolf-Bernhard Essig erklärt in seinem neuen Buch, wie die großen Gewässer der Erde zu ihren Namen kamen.

shz.de von
erstellt am 03.Mai.2014 | 14:43 Uhr

Hamburg | Als Schleswig-Holsteiner im Land zwischen den Meeren kann man sich wundern, warum Nord- und Ostsee so heißen, wie sie heißen. Als hätte ein Geograf ohne Kenntnisse der Himmelsrichtungen Einfluss auf die Namensgebung genommen, liegt die Nordsee doch eher im Westen. Auch der Schriftsteller Rolf-Bernhard Essig wunderte sich – obwohl er kein Schleswig-Holsteiner ist – und ging der Sache auf den Grund. Sein Rechercheergebnis stellt er in seinem neuen Buch „Ein Meer ist eine See ist ein Ozean“ (Mare Verlag) vor. Ohne zu viel verraten und damit den Lesespaß verderben zu wollen, sei gesagt, dass die Verwirrung um die Bezeichnung der Nordsee mit unterschiedlichen Perspektiven zu tun hat. Aus Sicht der alten Römer, die für viele geografische Bennungen verantwortlich waren, lag das Meer zwischen Germanien und Britannien nunmal hoch oben im Norden.

Essig, geborener Hamburger und wohnhaft im bayerischen Bamberg, erzählt sehr anschaulich wie Meere zu ihren Namen kamen. Und das ist eine lange Geschichte. Denn bekanntlich musste sich bereits Gott Gedanken machen, wie er neben dem Trockenen, das er Land nannte, das angesammelte Wasser bezeichnet. Er entschied sich für den Begriff Meer – und sah, dass es gut war. „Gott fing mit dem Benennen an, und wir tun es bis heute“, sagt Essig, „um Meere irgendwie fassen zu können.“ Denn das Meer entziehe sich, sagt der Autor. „Also stehen wir wie die kleinen Kinder vor einem riesigen Ding.“

Essig nennt vier Zwecke, denen geografische Namen dienen: „Sie individualisieren und machen identifizierbar, sie sollen – zumindest oft – Gefühle auslösen oder bewahren, die mit einer Gegend, einem Ort zusammenhängen, sie haben eine ideologische Bedeutung, ob politisch oder religiöse, und sie haben nicht selten den Zweck, soziale Bindungen zu stärken oder zu beschwören.“

In seinem Werk erzählt Essig von der „einseitigen Liebe der Menschen zum Meer“. Denn: „Wir sind dem Meer egal“, stellt der Autor nüchtern klar. So ergibt sich, dass das Meer laut Essig einerseits Gefährdung sei und andererseits es kaum etwas Schöneres gebe. „Es ist dauernd gleich und immer verschieden“, sagt Essig. Der Wechsel von Stimmungen und Gerüchen fasziniere die Menschheit.

So wie wohl jeder seine spezielle Beziehung zum Meer hat, verbindet Essig viel damit. „Ich kann nicht davon loskommen“, sagt der 50-Jährige. Es sind schöne und tragische Erinnerungen: In Kindheitstagen reiste er mit seiner Familie regelmäßig zum Nordsee-Urlaub ins dänische Blåvand, sein kleiner Bruder ertrank im Meer und der Vater war Seemann.

Von seinem Vater – wohl auch von seinem Großvater, dem Schriftsteller Hermann Essig – muss er die Leidenschaft des Erzählens geerbt haben. „Unser Vater hat uns immer Geschichten erzählt“, erinnert sich Essig. Zum Beispiel meinte der Vater, einer der Männer von Störtebeker gewesen zu sein – derjenige, an dem der Seeräuber bei seiner Hinrichtung zuletzt ohne Kopf vorbeigestolpert sei und dadurch gerettet wurde. Der Vater habe die Geschichte so blumig erzählt, dass Essig als Kleinkind nicht anders konnte, als sie zu glauben – auch wenn Störtebeker natürlich viel früher gelebt hat als der Vater. Heute muss der Historiker Essig schmunzeln: „Ich merke, wie diese Geschichten auf mich eingewirkt haben.“

Seine Arbeit am Buch war wie ein Tauchgang. „Ich gehe in Bibliotheken und suche und suche – tauche immer tiefer ein“, sagt Essig. Zwischendurch tauche er immer wieder mal auf. So entstehe die Mischung aus akribischer Recherche und erzählerischer Gestaltung. Das Buch solle der Unterhaltung dienen und erhebe nicht den Anspruch auf Vollständigkeit eines Lexikons. „Ich habe ein Lieblingszitat“, sagt Essig, „,Lehre deine Zunge zu sagen: Ich weiß nicht‘“. Er wird stets mit Fragen nach Sprichworten gelöchert, doch „ich komme immer wieder an den Punkt, an dem ich sage: ich kann nicht alles wissen.“

Essig verzichtet bewusst darauf, Kartenmaterial der Weltmeere zu zeigen. Das ist nicht nötig, weil seine Sprache wundervoll beschreibend ist. Somit bleibt Platz für humorvolle Illustrationen, um Essigs kreativen Umgang mit der Definitionsvielfalt zu unterstreichen. Die Bilder liefert Papan. Der Münchner illustriert und schreibt Kinderbücher und bebilderte bereits Essigs Buch „Butter bei die Fische“. Zunächst wirkt es erstaunlich, dass zwei Süddeutsche ein Buch über die Meere veröffentlichen. Doch dann ist klar, wie weit die Sehnsucht nach dem weiten Meer reicht.

Rolf-Bernhard Essig, Das Meer ist eine See ist ein Ozean, Mare Verlag, 255 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-86648-189-3

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