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Literatur : Schreiben über eine vergessene Generation

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

2012 erhielt die Schriftstellerin Ursula Krechel den Deutschen Buchpreis für ihren Roman „Landgericht“. Dieser erzählt vom jüdischen Juristen Richard Kornitzer, der 1947 aus dem Exil ins Nachkriegsdeutschland zurückkehrt. Am Mittwoch liest Krechel in Flensburg.

shz.de von
erstellt am 30.Okt.2013 | 10:27 Uhr

Flensburg | Frau Krechel, wie war das Jahr nach dem Gewinn des Buchpreises?
Ich habe es begonnen mit dem Ziel, es überhaupt durchzustehen. Ich hatte so unglaublich viele Veranstaltungen, so viele Verpflichtungen.

Wie viele Lesungen machen Sie im Jahr?
Ich habe aus „Landgericht“ 125 gemacht. Und das geht an die physische und geistige Grenze.

Seit Jahren wird im Vorfeld über die Wertigkeit dieses Preises gesprochen und kritisiert, wie das Ganze zustande kommt. Haben Sie dazu eine Meinung?
Der Preis schafft eine große Aufmerksamkeit. Nicht nur für das Buch, das gewinnt, auch für andere 20 Bücher.

Ist der Preis vor allem kommerziell?
Nein, es sind ja keine kommerziellen Bücher. „Landgericht“ und Terézia Mora – wir sind ja nun weiß Gott keine kommerziellen Autoren. Es kann sein, dass daraus eine größere Auflage erwächst. Aber das sind ja keine für den Kommerz geschriebenen Bücher.

Bei Ihnen geht es um Flucht und Rückkehr: Ist das ein Thema, das Sie schon sehr lange interessiert?
Ich habe mich lange als Literaturwissenschaftlerin mit der Literatur der deutschen Emigration beschäftigt, bis ich dann eben doch beschlossen habe, mich mit solchen Leuten zu beschäftigen, die gar nicht in der Literatur vorkommen. Weil sie einfache Leute sind, eben nicht Literaten, weil sie vergessen worden sind.

Können Sie sich erinnern, wann Ihnen zum ersten Mal aufgefallen ist, dass bestimmte Generationen vergessen worden sind?
Das ist mir als Kind schon aufgefallen, dass klar ist, dass die frühe Bundesrepublik ein Hort der Larmoyanz war. Als ich ein Kind war, stand auf jedem Radio ein Bildchen eines „Gefallenen“ mit einem schwarzen Rand. Und typischerweise war der Mann immer in der Wehrmachtsuniform, es gab nie Privatbilder. Es war immer klar: Unser Soldat, unser Bruder, unser Schwager. Es hat lange gebraucht, bis überhaupt mal eine Wahrnehmung da war: Wer sind denn die wirklichen Opfer? Das ist uns heute bewusst, aber in der Gesellschaft hat das sehr lange gedauert.

Sie haben zehn Jahre an Ihrem Roman „Landgericht“ gearbeitet...
Die Arbeit an „Landgericht“ und „Shanghai fern von wo“ hat sich überlappt. Bestimmte Recherchen, die ich für Shanghai gemacht hatte, habe ich dann erst für Landgericht gebraucht. Das eine Buch ist 2008, das andere ist 2012 erschienen, dazwischen habe ich noch einen Gedichtband veröffentlicht.

Was dürfen die Gäste Ihrer Lesung erwarten?
Es ergeben sich bei diesem Buch immer Gespräche; es gibt immer einen Drang der Zuhörer, nachzufragen.

Lesung: Ursula Krechel, „Landgericht“, heute, 19.30 Uhr, Stadtbibliothek Flensburg (Süderhofenden 40), Eintritt 6/4 Euro.
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