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Holiday Destination : Schock und Zorn: Nadine Shahs starke Protest-Platte

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Die Zeiten von Trump, Brexit und Flüchtlingskrise inspirieren etliche Musiker zu politischen Alben und Protestsongs. Die neue Platte der Britin Nadine Shah ist aber etwas ganz Besonderes.

shz.de von
erstellt am 11.Sep.2017 | 15:00 Uhr

Nadine Shah ist sehr zornig darüber, was derzeit in der Welt passiert. Und das hört man ihrem neuen Album auch an - sowohl was die furiosen Texte als auch den ruppig-rauen Sound von «Holiday Destination» (1965 Records/Pias/Rough Trade) angeht.

Der Titelsong beispielsweise entstand, nachdem die Britin mit norwegischen und pakistanischen Wurzeln einige ihrer Landsleute als Touristen in Griechenland erlebt hatte. Die Urlauber beschwerten sich allen Ernstes darüber, dass der Anblick erschöpft strandender Flüchtlinge ihre Ferien ruiniert habe. 

«Wie sie das völlig schamlos in Fernsehinterviews erzählten - es hat mich wirklich geschockt. Ich erkenne das überall - dass Menschen ohne Schamgefühl furchtbare Dinge sagen», erklärt Shah. Aus diesem Impuls schrieb die 31-jährige Indierock-Songwriterin ihr wütendes Lied «Holiday Destination», das im Refrain fragt: «How You gonna sleep tonight?»

Wie Menschen mit soviel Eiseskälte wie besagte britische Touristen in Griechenland noch schlafen können, ist aber nur eines von vielen großen, traurigen Themen, die Nadine Shah auf ihrem vierten Studioalbum seit 2013 verarbeitet.

Es geht neben der Flüchtlingskrise um den syrischen Bürgerkrieg («Mother Fighter»), den Aufstieg des Rechtsnationalismus («Out The Way»), das Stigma psychischer Probleme («Evil»). Oder auch um das zurückliegende «annus horribilis», voller Anspielungen auf den Verlust musikalischer Vorbilder wie David Bowie, Prince oder Leonard Cohen und das politische Erdbeben in den USA («2016»).

«Cruel 2016/was the year that took our idols/what is there left to inspire us/with a fascist in the White House», singt Shah mit ihrer dunklen, so klaren wie beunruhigenden Stimme. Dieser Mann im Weißen Haus hat ja schon für so manche erschütterte Songtexte von Musikern gesorgt, aber nur wenige Künstler haben der globalen Situation ein so wuchtiges Statement abgerungen wie die Frau aus Whitburn/South Tyneside.

«Ich liebe Billy Bragg», stellt Shah klar. «Aber ich wollte nicht politisch im Sinne von Billy Bragg sein. Sondern eher so wie Stevie Wonder.»

Dessen 70er-Jahre-Lied «Living For The City» ist für sie «einer der besten politischen Songs aller Zeiten». Neben Bragg und Wonder könnte man sich bei Shahs «Holiday Destination» aber auch an die junge Patti Smith erinnert fühlen. Oder an PJ Harvey, die mit «Let England Shake» (2011) und «The Hope Six Demolition Project» (2016) zuletzt zwei weltweit gefeierte Protestplatten abgeliefert hatte.

Unter der Regie von Top-Produzent Ben Hillier verbindet Nadine Shah aufwühlende Gothic-, Postpunk- und Worldmusic-Elemente mit kantigen, teils krautrockigen Rhythmen, zerrenden, sägenden Gitarrenriffs und dem röhrenden Saxofon von Pete Wareham zu einem sehr eigenen Indiepop-Entwurf. Ihr cooler, voller Gesang ist eine Klasse für sich. Keine leichte Kost, das Ganze. Aber ein Polit-Rockalbum der Extraklasse.

Das bisher einzige Deutschland-Konzert von Nadine Shah in diesem Herbst findet beim Reeperbahn-Festival (20.-23.9.) statt.

Website Nadine Shah

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