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Daniel Günther gegen Gabriele Schwohn : „Schlampen“-Affäre war schlecht inszeniert

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Skandalisierung politischer Ereignisse greift um sich, doch SH scheint aus den Dramen der Vergangenheit gelernt zu haben.

shz.de von
erstellt am 30.Apr.2017 | 15:05 Uhr

Immerhin: Das vergiftete Wort fiel nicht, das ist vor Landtagswahlen schon mal viel wert. Nein, Schleswig-Holstein hat kein Schlampen-Gate, und das ist auch gut so. Wenn der Zusatz „-gate“ an einer Geschichte klebt, dann wird es für die Betroffenen schwierig. Watergate, Guttenberg-gate, Waterkantgate, Lolitagate – auch die Schleswig-Holsteiner wissen aus schmerzlicher Erfahrung, wie solche Geschichten ausgehen.

Nur macht der Umstand, dass das gefürchtete Gate-Suffix nicht zur Verwendung kam, das ganze Drama um die angebliche „Schlampen“-Äußerung des CDU-Spitzenkandidaten Daniel Günther in Richtung einer Gewerkschafts-Funktionärin auch nicht viel besser. Die Geschichte davon, wer was wann und wo gesagt haben soll, hat sich einmal um sich selbst gedreht und ist dann – Stand Freitag – verpufft. Die Vorwürfe scheinen haltlos zu sein.

Polit-Theater im Norden

Die Schleswig-Holsteiner schauen ratlos auf die politische Bühne – und der Rest Deutschlands ratlos nach Schleswig-Holstein: Was war denn das schon wieder für ein Polit-Theater im echten Norden? Ein Rezensent würde wohl monieren, dass der Spannungsbogen nach dem Knalleffekt am Anfang zum Ende hin immer mehr in sich zusammengefallen ist. Vermurkstes Regietheater, freundlich gesagt. Aber immerhin öffentlichkeitswirksam vermarktet. Schlechtes Theater, das gut vermarktet wird, ist immer noch besser als gutes Theater, das keiner wahrnimmt. Oder?

Kommunikation ist Inszenierung

Auch wenn die Schleswig-Holsteiner nicht ganz zu Unrecht glauben, dass das große Polit-Drama eine regionale Spezialität des nördlichsten Bundeslandes ist, würden Politikwissenschaftler – trotz Barschels Ehrenwort, trotz Engholms Gedächtnisverlust, trotz Heides Mörder, trotz von Boettichers Liebes-Drama – widersprechen.

Denn die Inszenierung der Politik wie auch die des politischen Skandals ist so alt wie die Politik selbst. Jeder Volksvertreter, ob früher im römischen Senat oder heute im Kultur- und Sozialausschuss von Schnarup-Thumby, versucht, seine Ziele und Leistungen für die jeweilige Personengruppe, die davon betroffen ist, bestmöglich darzustellen. Kommunikation, das gehört seit vielen Jahrhunderten zum politischen Geschäft, ist auch Inszenierung. Der alte Bismarck, der immerhin in Schleswig-Holstein begraben liegt, hat mal gesagt: „Politik ist keine Wissenschaft, sondern eine Kunst.“ Ein arg zugespitzter, aber trotzdem kluger Satz. Und ein gut inszenierter, weil er bis heute nachhallt. Denn dort, wo Kunst und Politik sich treffen, wo also Theater für das jeweilige Publikum gemacht wird, gibt es natürlich auch mehr oder weniger gute Inszenierungen.

Grundlage vieler Inszenierungen ist auch heute noch die klassische Drama-Theorie. Wesentlich sind darin das Vorhandensein von Protagonist und Antagonist, von Held und Gegenspieler also. Für diese Figuren gilt in der Politik wie im Theater, dass sie umso wohlwollender wahrgenommen werden, je charismatischer und talentierter sie in ihrer Darstellung sind. Ihnen folgt das Publikum von der Einleitung über den ansteigenden Spannungsbogen der Handlung bis zum Höhepunkt, auf dem meist der zentrale Konflikt entschieden wird.

Choreografie der Kampagnen

Der Rest ist Katastrophe oder Happy End, je nachdem wie das Ganze ausgehen soll. Das gilt übrigens auch für Wahlkampf-Kampagnen, die von Anfang bis Ende dramaturgisch choreografiert werden. Und alles, was nicht geplant ist, bringt die Handlung durcheinander: Ein Wechsel der Hauptrolle etwa oder ein Konflikt zur falschen Zeit waren im Spielplan der CDU für die Landtagswahl nicht vorgesehen.

Nicht einmal ein Skandälchen

Dabei war dieser Konflikt offensichtlich gar keiner, auch kein Skandal, nicht einmal ein Skandälchen. Trotzdem mussten die Schleswig-Holsteiner kurzfristig besorgt sein, dass ihnen ein neues „-gate“ angehängt wird, der Inszenierung wegen. Denn auch das gehört zur politischen Bühnen-Show, die voreilige Skandalisierung – durch den politischen Gegner und die Medien. In diesem seltsamen „Schlampen“-Stück aber hat sich glücklicherweise kaum jemand an den fragwürdigen Inszenierungsplan gehalten – und der Großteil des Publikums hat schon vor der Pause den Saal verlassen.

Das mag an den gravierenden Textlücken einer Protagonistin gelegen haben – oder daran, dass die Schleswig-Holsteiner mittlerweile weniger anfällig für solches Schmierentheater sind. Und weil sie nicht wollen, dass aus dem „echten Norden“ irgendwann das „Gate des Nordens“ wird.

Hier geht es zu unserer Themenseite zur Landtagswahl 2017 in SH.
 

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