Schirrmachers Spiel des Lebens

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13. Februar 2013, 03:59 Uhr

Frankfurt | Schon eine Woche bevor das Buch auf den Markt kommt, bricht der Sturm los. Namhafte Zeitgeist-Kommentatoren arbeiten sich an Frank Schirrmachers (Foto) neuestem Werk ab. "Ego. Das Spiel des Lebens" heißt es und erscheint am Montag im Münchner Karl Blessing Verlag.

"Dieses Buch basiert auf einer einzigen These", schreibt der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" im Vorwort, "dass die Gedankenmodelle der Ökonomie praktisch alle anderen Sozialwissenschaften erobert haben". Die Folge: "Ein Weltbild, das hinter allem menschlichen Tun die unausweichliche Logik des Eigennutzes am Werk sieht, produziert Egoismus wie am Fließband."

Den Anfang nahm diese Entwicklung, so Schirrmacher, im Kalten Krieg. Damals war es überlebenswichtig, bestmöglich vorherzusagen, was der Gegner dachte und plante. Das gelang am besten, wenn man die Psyche des Menschen ein bisschen vereinfachte. Die Strategen des Kalten Krieges gingen daher davon aus, dass jeder nur aus Eigennutz handelt. Nach dem Fall der Mauer eroberte diese Logik die Wirtschaft. Börsen-Algorithmen und Auktionsplattformen basieren auf "einer Einfühlung ganz besonderer Art: Man musste sich in den Egoismus des anderen hineinversetzen, um seinen eigenen Egoismus besser ausspielen zu können." Seit von Physikern und Mathematikern erdachte Computerprogramme die Weltwirtschaft beherrschen, seit Menschen nicht mehr mit Menschen, sondern Maschinen mit Maschinen Geschäfte machen, ticke ein "Ego-Automat im Herzen unserer Systeme".

Danach verselbstständigte sich die Theorie: Sie beschrieb nicht mehr länger den Menschen als egoistisch, sondern produzierte egoistische Menschen. Der reale Mensch mit seinen Schwächen, seinem irrationalen Verhalten und moralischen Ansprüchen wurde zum Systemfehler. Der neue Mensch ist leichte Beute für Datenbanken, die gefräßig Informationen sammeln und auswerten und damit Verhalten, Meinungen und Wünsche vorhersagen können. Schirrmacher zitiert viel und gründlich, gießt seine Schlüsse dann aber in eine feuilletonistische Sprache. Er lässt Monster aus Literatur und Film aufmarschieren. Für den Herausgeber einer eher als konservativ wahrgenommenen Tageszeitung ist das Buch erstaunlich links. Den Neoliberalismus vergleicht Schirrmacher mit Frankensteins Labor, die Globalisierungs-Kritikerin Naomi Klein nennt er richtungsweisend. Eine kulturpessimistische Grundhaltung aber bleibt - da ist der Autor sich treu geblieben.

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