Neuer Lesestoff : Ruth Rendell post mortem: «Die Tote im Pfarrhaus»

Inspektor Wexford muss in seinem Heimatstädtchen Kingsmarkham wieder in die Spur, obwohl er doch längst Pensionär ist. Die Vikarin des Ortes wurde ermordet, und die Polizei greift gern auf die Erfahrung ihres Ex-Chefs zurück: «Die Tote im Pfarrhaus» von Ruth Rendell.

shz.de von
26. Juni 2018, 12:57 Uhr

Vor drei Jahren verlor die Krimi-Szene eine ihrer profiliertesten und beliebtesten Autorinnen: Ruth Rendell. Als die Britin im Mai 2015 im Alter von 85 Jahren starb, hinterließ sie ein umfangreiches Werk an Kriminalromanen, Thrillern (unter dem Pseudonym Barbara Vine), Erzählungen, Sach- und Kinderbüchern.

Wie schön, dass auf dem deutschen Büchermarkt auch nach ihrem Tod noch immer neuer Lesestoff von der «Lady of crime» erscheint. Jetzt brachte der Blanvalet Verlag einen der letzten Krimis um Detective Inspector Reginald Wexford heraus, ihr bekanntester Protagonist und Hauptfigur einer langen Reihe.

«Die Tote im Pfarrhaus» - im Original von 2013 «No Man’s Nightingale» - ist einer jener Fälle, bei denen Wexford schon als Pensionär ermittelt. Seinen ersten Einsatz hatte er bereits 1964 in «From Doon With Death» («Alles Liebe vom Tod»). So ist sein Ruhestand also mehr als verdient, für ihn aber nicht gänzlich befriedigend. Der Anruf seines Freundes und früheren Untergebenen, des jetzigen Ermittlungschefs Mike Burden, mit der Bitte um Unterstützung kommt daher wie gerufen.

Es geht um die Vikarin der Kirche in Wexfords Stadt Kingsmarkham. Sie wurde im Pfarrhaus ermordet. Und da Sarah Hussein indische Wurzeln hatte, schießen die Mutmaßungen wegen rassistischer Motive sogleich ins Kraut. Doch viele Kirchgänger hat noch mehr an der selbstbewussten Frau gestört: Sie war Witwe und Mutter einer 17-jährigen Tochter, die nicht vom Ehemann stammte. Außerdem stieß ihre unkonventionelle Kleidung in der konservativen Gemeinde nicht durchweg auf Zustimmung.

Burden hat schnell einen Verdächtigen im Visier, der die Pfarrerin erwürgt haben soll, doch Wexford hat da so seine Zweifel. Es beginnt eine recht langwierige Ermittlung, Reibereien zwischen den Freunden inklusive. Auch wenn Burden sich halbwegs festgelegt hat - der Kreis der Verdächtigen wird immer größer. Er konzentriert sich darauf, wer die Tat begangen haben könnte, Wexford auf das Motiv. Doch so richtig voran kommt keiner von beiden.

Parallele Ereignisse, der Tod anderer Menschen, das Auftauchen mysteriöser Personen in Kingsmarkham oder auch die Frage nach dem leiblichen Vater der Pfarrerstochter verwirren die Polizisten zusätzlich. Ist die Tochter das Produkt einer Vergewaltigung, wie die Mutter einst nur ihrer Freundin anvertraute? Gibt es Zusammenhänge mit dem Mord an ihr oder mit den anderen Toten? Spielt die Vergangenheit Sarah Husseins eine Rolle? Oder ist das Motiv doch in ihrer Aufgabe als Reverend zu suchen? So groß der Fragenkatalog ist, so widersprüchlich die Informationen sind, so wenig kommen Burden und Wexford voran.

Zudem wird die Glaubwürdigkeit mancher Zeugenaussagen arg erschüttert. Ja, es wird ein hartes Stück Arbeit, bis die Ermittler endlich auf die Lösung kommen. Und zumeist besteht der Job aus klassischer Detektivarbeit. Nicht dass die zum Entstehungszeitpunkt des Buches zwar schon recht betagte Ruth Rendell Probleme mit digitalen Ermittlungsmethoden und Profilerarbeit hätte. Im Gegenteil! Die einst von der Queen geadelte, auch international hoch geschätzte und zigmal ausgezeichnete Autorin war bis zu ihrem Tod nicht nur gesellschaftspolitisch voll auf der Höhe, sondern auch technisch.

Aber es gehört nun mal zu ihrem - und Wexfords - Stil, durch persönliche Gespräche und Eindrücke Spuren zu folgen und sozusagen von Haustür zu Haustür Recherche zu betreiben. Der Profiler ist der Ex-Inspektor dabei selbst. In gewohnter Randall-Manier zeichnet er sich durch ein virtuelles Puzzle ein Persönlichkeitsbild des vermeintlichen Mörders, wobei auch er nicht vor Überraschungen gefeit ist, die hin und wieder seine Theorie über den Haufen werfen. Aber Beharrlichkeit gehört bekanntermaßen auch zu den Tugenden Wexfords. Und so kehrt dank seiner Unterstützung am Ende wieder Frieden in der idyllischen Londoner Vorstadt ein.

Man muss jedoch auch klar sagen, dass «Die Tote im Pfarrhaus» keinem Leser schlaflose Nächte bereitet. Der Roman ist mäßig spannend, auch wenn man bis kurz vor Ende rätselt, wer der Bösewicht war. Wie immer aber macht es Spaß, auch dieses Rendell-Buch zu lesen, weil es einfach gut geschrieben ist, weil Wexford und seine Familie liebenswerte Bekannte und Vertraute sind, deren Rollen gern weiter verfolgt werden. Und weil nicht zuletzt das Milieu so very british ist und ganz viel Agatha-Christie-Charme ausstrahlt.

Ruth Rendell: Die Tote im Pfarrhaus, Blanvalet Verlag München, 352 S., 18 Euro, ISBN 978-3-7645-0532-5

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