Ausstellung : Rudi Kargus: Glanzparade im Atelier

In seinem Atelier erinnert kaum etwas an die Fußball-Vergangenheit von Rudi Kargus.
In seinem Atelier erinnert kaum etwas an die Fußball-Vergangenheit von Rudi Kargus.

Rudi Kargus ist heute Künstler, Torwart war er früher. Im Atelier auf dem Land bei Quickborn verausgabt er sich wie früher bei Spielen. In Hamburg zeigt er neue Gemälde in der Fabrik der Künste.

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02. November 2013, 18:59 Uhr

Hamburg | Spuren seines ersten Lebens finden sich kaum – höchstens eine Kaffeetasse von Benfica Lissabon oder ein verfremdeter Flutlichtmast auf einem Gemälde. Dagegen sind die Zeichen seines „zweiten Lebens“ – wie Rudi Kargus es nennt – in seinem Atelier deutlich sichtbar: Farbstriche an der Wand, Pinsel, Tuben, der Teppichboden suppt bei jedem Schritt unter den Schuhen – wegen herunter getropfter Ölfarbe.

Rudi Kargus ist heute Künstler, Torwart war er früher. Für ihn liegt seine Zeit zwischen den Pfosten beim Hamburger SV und anderen Clubs lange zurück, für andere ist sie dagegen immer präsent, sobald der Name Kargus fällt. Das machte es für den 61-Jährigen anfangs schwer. „Wenn ein Ex-Promi Kunst macht, hat das in den Augen der Betrachter oft etwas Peinliches“, sagt Kargus. Die Kritik fand hinter seinem Rücken statt, nicht frontal wie im Stadion, als er bei schlechter Leistung Pfiffe von Tausenden von Fans zu hören bekam. Er steckte sie locker weg.

Sein Auftritt in der Kunstwelt sei nicht so belastend wie seine Fußballkarriere. Auf dem Spielfeld wurde von ihm stets Topform verlangt. 24 von 70 Elfmetern parierte der erfolgreichste Elfmeter-Töter der Bundesligageschichte. Er war nervenstark – außer bei verzögerten Schüssen eines Paul Breitners.  „Wie mich das gewurmt hat!“ Dennoch belastete ihn der Leistungsdruck enorm. „Als Künstler empfinde ich keinen Druck“, sagt Kargus, der sich wegen seiner sportlichen Arbeitsweise als „Malschwein“ bezeichnet – daher also die Farbflecken an der Wand.

Im Atelier auf dem Land bei Quickborn verausgabt sich Kargus demnach wie früher bei Spielen. „Mein Gefühlsspektrum reicht beim Malen von Euphorie bis Verzweiflung“, sagt Kargus. Sogar den Irrsinn erreiche er. Als Fußballer habe er sich an schlechten Tagen „durchgebissen“, als Künstler habe er erst lernen müssen, mit dem Scheitern an der Staffelei umzugehen. „Man kann nichts erzwingen“, sagt Kargus. „Wenn es mal nicht funktioniert, dann lege ich den Pinsel beiseite und starte am nächsten Tag einen neuen Anlauf.“

Wobei das Scheitern nicht immer schlecht sei. Für Kargus gehöre es zu seiner Arbeitsweise. Erst fertigt er Collagen aus Zeitungsschnipseln an, entwickelt Motivwelten, die er mit Bildern seiner Fantasie mischt und anschließend in Öl auf Leinwand überträgt. „Dabei lasse ich zu, dass der Malprozess eine unerwartete Wendung nimmt.“ Dann zerstört er das Gemalte mit dem Spachtel, übermalt, immer und immer wieder. „Daraus entsteht dann etwas Neues“, sagt Kargus.

Verfremdete Figuren – oft alleine. Viele sagen, die Gemälde seien bedrückend. „Ich halte sie nicht für düster“, sagt Kargus, „sie sind eher melancholisch und romantisch“. Will man seine Kunst stilistisch einordnen und sucht den Vergleich zu anderen Künstlern, denkt man unweigerlich an Neo Rauch. Ein Indiz dafür, dass Rudi Kargus sein erstes Leben weit hinter sich gelassen hat.

Ausstellung: Rudi Kargus, Fabrik der Künste, Kreuzbrook 12, Hamburg. Bis 10. November. Täglich 14 bis 19 Uhr.

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