Rosamunde oder die Schwarzen kommen

 Schwarzbunte  Festivalfans bevölkern alljährlich die Wiesen im 2000-Seelen-Dorf Wacken.  Foto: grafikfoto.de
1 von 2
Schwarzbunte Festivalfans bevölkern alljährlich die Wiesen im 2000-Seelen-Dorf Wacken. Foto: grafikfoto.de

Ab dem 1. August herrscht in Wacken Ausnahmezustand / Der Schriftsteller und Teilzeit-Wackener Arno Surminski beschreibt ;seine Sicht des Festival-Wahnsinns

Avatar_shz von
25. Juli 2012, 03:59 Uhr

Wacken | "Lass uns nach Hause fahren", sagte Hedda. "Eine Woche sind wir mit Schnecken und Würmern durch den Modder gelaufen, das soll genug sein für die Gesundheit." Kuddel war froh, dass die Schlammschlacht im Watt ein Ende haben sollte und Hedda nicht mehr von Moorbädern und der Heilkraft der Nordsee redete, sondern über ihre Hühner und die Astern im Garten. Ihr war auch eingefallen, dass um diese Jahreszeit die Schwarzen ins Dorf kommen. Da galt es, wachsam zu sein.

Am Nachmittag war die Welt noch in Ordnung. An der Kanalfähre überraschte sie ein Gewitter. Das kann vorkommen. Als es abgezogen war, wunderte Hedda sich über die hellen Streifen am Himmel. "Sieht aus wie die Scheinwerfer, die im Krieg die Kanalbrücke bewacht haben", sagte Kuddel. "Vielleicht hat in Hinnerks Scheune der Blitz eingeschlagen", meinte Hedda. "Ich glaub, das Licht kommt vom Festival!" rief Kuddel. "Nun redest du auch schon so einen neumodischen Krams!" schimpfte Hedda. "Früher nannten wir es Schützenfest oder Deernsmusik, heute muss es Festival heißen."

Bis zum Dorf hin blieb es still und friedlich. Aber plötzlich stand Detlef in Uniform auf der Straße. "Langsam, langsam!" schrie er. "Sonst fahrt ihr noch einen Schwarzen über." "Ist das Tanzmusik?" fragte Hedda. "Nach so einem Krach kann nur der Teufel tanzen", antwortete Detlef. "Eure Marschmusik war auch nicht viel besser", meinte Hedda. "Die konnte weiter nichts als laut sein, und am Ende tanzte der Sensenmann."

Sie ließen das Auto weiter über die Hauptstraße hinabrollen, mussten aber langsamer werden, weil immer mehr junge Leute kreuz und quer rannten. Einige winkten ihnen mit Bierflaschen zu, andere tanzten auf der Straße, und alle waren schwarz. "Nachts sind die meisten Menschen schwarz", sagte Hedda. Das Getöse wurde lauter. "Hört sich an wie zehn Dreschkasten bei der Arbeit", meinte Kuddel. Hedda lief gleich ins Haus, zog die Vorhänge zu und schloss Fenster und Türen; mit so etwas wie Festival wollte sie nichts zu tun haben. "Ich will mal sehen, was auf Hinnerks Wiese los ist", sagte Kuddel zu ihr. "Karlheinz!" rief sie. Meistens nannte sie ihn Kuddel, was vom Herzen kam, aber wenn sie Karlheinz sagte, war sie ärgerlich. "Karlheinz! Wenn du da hingehst, machst du es auf eigene Gefahr. Denk an dein Trommelfell!"

Es war erst halb elf und Zeit genug, auf eigene Gefahr zu Hinnerks Wiese zu gehen. Unterwegs kam er an der Kirche vorbei, in der noch Licht brannte. Kann nicht schaden, vorher unser Gotteshaus zu besuchen, dachte er. Vielleicht triffst du ein paar verängstigte Leute aus der Nachbarschaft, die beim lieben Gott Schutz suchen vor den schwarzen Heerscharen.

Kirchendiener Rathje empfing ihn an der Tür. "Die Schwarzen haben die Macht übernommen", sagte er nur. Die neu gekalkte weiße Kirche fand er proppevoll mit schwarzgekleideten Menschen. Einige spazierten vor dem Altar auf und ab, andere lagen in den Bänken und taten, als ob sie schliefen. Um sich Gehör zu verschaffen, stellte Rathje eine Stunde vor Mitternacht die Glocken an. Sie schlugen fünfmal, dann gaben sie es auf, weil sie gegen den Krach, der von Hinnerks Wiese heraufzog, nicht ankamen. "Da unten hast du nichts zu suchen", sagte Rathje. "Auf Hinnerks Wiese bekommt der Mensch nur kranke Ohren."

So ging Kuddel zurück zu seiner Hedda. Er fand sie vor dem Fernseher, den sie so laut gestellt hatte, dass er das Festival übertönte. "Weißt du was, Kuddel", sagte sie und stellte den Ton ab. "Wir werden jetzt zu Bett gehen und morgen früh wieder ins Wattenmeer fahren. Erst wenn der Krach vorbei ist, kommen wir nach Hause." "Na gut", sagte er. "Aber vorher will ich mir bei Licht besehen, was da unten los ist."

Um Schlag zwei Uhr hörte der Lärm auf. Als sie aufstanden, war es auch noch still. Kuddel ging zu Rudi, der in seinem Garten an einer Bretterbude arbeitete. Er trug den Hut auf dem Kopf, den er vom Wilden Kaiser mitgebracht hatte und sah aus, als hätte er auf nüchternen Magen schon zwei Flaschen Bier getrunken. "Was soll der Bretterverschlag?" fragte Kuddel. "Mensch, Kuddel, die vielen Leute haben Hunger und Durst. Wenn mir schon der Lärm auf die Ohren schlägt, will ich als Entschädigung ein paar Euro verdienen. Ich verkaufe den Schwarzen Bier und Schinkenbrot." "Wie viele haben wir im Dorf?" "Unser Bürgermeister hat Sechzigtausend gezählt. Sie nennen sich Heavy Metal, was in unserer Sprache so viel heißt wie Schwermetall." "Wenn das man gut geht, Rudi. Mit Stahl und Eisen haben wir schon mal einen Krieg verloren."

Mit dem Sonnenlicht kamen die ersten, und Rudi fing an, Bier und Schinkenbrot auszurufen. Weil die Mädchen nach Kaffee verlangten, musste Rudis Frau Grete mit einer Kaffeekanne in die Bretterbude kommen und einschenken. Einer, der wohl aus dem Salzburgischen zum Schwermetall gestoßen war, freute sich so über den Hut vom Wilden Kaiser, dass er sich vor die Bretterbude stellte und das Lied vom Beppo sang. Anschließend jodelte er.

Gegen zehn Uhr begab Kuddel sich zum Ende des Dorfes, wo die Sechzigtausend lagerten. Er traute seinen Augen nicht. Zelt an Zelt, fast bis zum Kanal hin. Die Grilltöpfe räucherten, in den Bierzelten gab es die ersten Getränke, und auf der leeren Bühne, hoch wie der Kirchturm, stand einer von den Schwarzen und spielte für sich Trompete. So muss die Landschaft ausgesehen haben, als der Alte Fritz seine Schlachten schlug, dachte er. Wenn die wieder mal einen Kriegsfilm drehen wollen, brauchen sie nicht viel aufzubauen, sondern nur Hinnerks Wiese nach so einer Nacht abzufotografieren. Das ist Krieg genug.

Nachdem er das Schlachtfeld besichtigt hatte, ging er nach Hause, um mit Hedda Kaffee zu trinken. Die saß vergnügt am Gartentisch. "Stell dir vor, an die fünfzig Meter lang war die Schlange vor Jessens Laden, alles Schwarze. Einer kam zu mir und sagte ,Old Lady. Dann griff er meinen Arm und führte mich nach vorn zum Ladentisch, wo ich als erste meine Brötchen bekam. Es sind wirklich freundliche Menschen."

Hedda fand das Festival nun doch ganz erträglich, der Lärm war gerade noch auszuhalten und die jungen Leute kamen ihr schicklich vor, eben nur, dass sie schwarz aussahen. Zum Wattenmeer wollte sie lieber nicht mehr fahren. Nach der lauten Nacht kehrte das ruhige Leben ins Dorf zurück. Die schwarzen Heerscharen spazierten die Straße rauf und runter, belagerten Willys Kolonialwarenladen, standen vor den Automaten der Sparkasse Schlange, bis das Geld ausging und der Direktor, mit Polizeischutz versteht sich, in die Stadt fahren musste, neues Geld zu holen.

Schlag zwölf Uhr fiel Rudi in seiner Bretterbude um. Das kam nicht von der Hitze, sondern vom Bier. Grete musste nun neben Kaffee auch Bier ausschenken und Brötchen verkaufen, denn wenn der Mensch ein Geschäft angefangen hat, muss er es bis zum Ende durchhalten und kann nicht einfach umfallen.

Am Nachmittag setzten sich Hedda und Kuddel auf die Bank im Vorgarten und sahen dem Vorbeimarsch der Schwarzen zu. Alle deutschen Lande waren vertreten und Europa bis zum Ural. "Buenos días!" riefen sie und winkten über den Zaun. "Moin, moin", gab Kuddel zurück. Da lachten sie. Einige knipsten die beiden, wie sie so Hand in Hand auf der Gartenbank saßen. Die Bilder werden sie mitnehmen in ihre fernen Länder, dort zur Erinnerung an die Wände heften und drunter schreiben: So sehen die Menschen in Wacken aus. Vom Körperbau her waren die Schwarzen sehr verschieden. Einige sahen aus wie die Wikinger mit roten Köpfen und grauen Bärten, mit denen konntest du einen Ochsen aufs Kreuz legen. Andere schritten fein und sinnig daher, hatten Stöpsel im Ohr und blickten auf zu den Wolken, aus denen Musik rieselte.

Schließlich besuchte Kuddel seinen Freund Hinnerk. Der hatte sich mächtig verändert, weil er der Chef vom Ganzen war und ihm der Acker gehörte, auf dem Schwermetall sich austobte. "Wenn das man gut geht", sagte Kuddel. "So viel Schwermetall kann deine Wiese nicht vertragen, und die Kühe werden es auch nicht aushalten." Hinnerk lachte nur und sagte, er brauche keine Kühe mehr, weil er vom Festival reich geworden sei. Für jedes Zelt bekommt er bares Geld. Hinter seiner Scheune stehen an die dreißig Duschen. Da können die, denen der Weg zur Badeanstalt zu weit ist, sich für fünf Euro reinigen. Sie tun es nackt unter freiem Himmel, so dass Hinnerks Kühe auch etwas davon haben.

An den Festivaltagen fuhr Hinnerk in einem Auto ohne Dach zwischen den Zelten spazieren. Es sah aus wie in den Kriegsfilmen, wenn der General stehend mit ausgestrecktem Arm an seinen Soldaten vorbei fährt. Er kurvte zwischen den Zelten hin und her, die Schwarzen sprangen auf und begrüßten ihn mit Geschrei. "Wir besuchen die Firefighters", sagte er zu Kuddel. "Weil die Schwarzen auch mal etwas von unserer Kultur erfahren wollen, haben wir die Feuerwehrkapelle beauftragt, ein paar Lieder einzustudieren und auf dem Festplatz zu Gehör zu bringen. Nach Schwermetall kann kein Mensch tanzen und singen, aber wenn unsere Feuerwehr Rosamunde spielt, bekommen die Schwarzen glasige Augen."

Die Musikmacher von der Feuerwehrkapelle kannte Kuddel alle. Sie kamen ihm etwas verängstigt vor, weil sie eingekreist von ein paar tausend Schwarzen wie verschüchtert auf der Bühne saßen. Bedächtig fingen sie an mit dem Kufstein-Lied, verloren sich ins Militärische und spielten "Alte Kameraden", was den Schwarzen nicht so recht zu Pass kam. Richtig rund ging es erst mit Rosamunde. Alle sangen mit, klatschten in die Hände, einige kletterten auf Tische und Bänke und ließen sich wie Langholz über die Köpfe schieben. Wenn sie vorn die Bühne erreichten, griffen ein paar kräftige Männer zu und stellten sie wieder auf die Beine.

Die Firefighters versuchten es danach noch mit "Einmal am Rhein", aber die Schwarzen wollten immer nur "Rosamunde" hören. So spielten sie siebzehn Strophen, bis Hinnerk auf die Bühne kletterte und sagte: "Nun ist genug mit Rosamunde, die Deern muss zu Bett. Unsere Feuerwehr spielt euch noch den Hamburger Veermaster, dann habt ihr Pause, bis Schwermetall anfängt." Als Kuddel nach Hause kam, sang Hedda auch "Rosamunde".

In der Nacht zum Sonntag erreichte Schwermetall seinen Höhepunkt. Bis zwei Uhr morgens tobten die Schallwellen die Dorfstraße rauf und runter. Aber plötzlich war es so mausestill, dass du die Nordseebrandung hören konntest. Bei Sonnenaufgang brummten die ersten Autos von den Zeltplätzen, die Schwarzen suchten das Weite. Und was ließen sie zurück? So muss es nach der Völkerschlacht von Leipzig ausgesehen haben. Zelte lagen im Dreck, hier stand ein Sofa, da ein Kinderwagen, überall qualmten die Grillfeuer.

Bald trafen die ersten Leute aus dem Dorf auf dem Schlachtfeld ein. Die sammelten Flaschen und Dosen in Säcke, um am Pfandgeld reich zu werden. Um acht Uhr rückte Hinnerk an, wieder wie Napoleon im Jeep stehend, aber diesmal als Führer der Aufräumbrigade. Gut hundert Mann wollten sich ein Stück Geld an diesem Festival verdienen, indem sie den Müll zu Bergen zusammenkratzten. Um neun Uhr kurvten die ersten Lastwagen über die Wiese, luden den Dreck auf und brachten ihn zur Mülldeponie irgendwohin.

Gegen Abend war der Acker wieder sauber, Hinnerk stieg auf seinen Trecker und pflügte das Schlachtfeld um. "Da liegt zu viel Schwermetall in der Erde", sagte Kuddel, aber Hinnerk lachte nur. "Das bisschen Schwermetall hat der Wind längst zur Nordsee getragen!" Er wollte rechtzeitig Gras einsäen, damit seine Kühe auch etwas haben von dem Festival. Und im nächsten Jahr geht es wieder rund, da kommen alle wieder.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen