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Deutscher Buchpreis 2015 : Roman über die RAF: Buchpreis für Frank Witzel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Autor Frank Witzel gewinnt mit seinem Roman über die Geschichte der alten Bundesrepublik.

shz.de von
erstellt am 13.Okt.2015 | 08:07 Uhr

Frankfurt am Main | Für seinen Roman über die alte Bundesrepublik hat der Autor Frank Witzel den Deutschen Buchpreis 2015 gewonnen. Das Buch mit dem Titel „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ wurde gestern Abend in Frankfurt als beste deutschsprachige literarische Neuerscheinung des Jahres ausgezeichnet. Witzels Buch, von der Kritik hochgelobt, galt im Wettbewerb aber eher als Außenseiter.

Der 60-jährige Autor schildert im Roman aus der Sicht eines 13-Jährigen, der im Wiesbadener Ortsteil Biebrich heranwächst, die muffige Nachkriegszeit und deren (pop-)kulturellen Umbruch. In dem 800-Seiten-Buch mit dem barocken Titel bedient sich Witzel – ohne chronologische Ordnung – unterschiedlichster literarischer Formen. Das Buch mit seinen zahlreichen Perspektivwechseln ist voll von Episoden, informativen Einschüben und philosophischen Abschweifungen.

Auf den noch relativ geraden Pfaden folgt man dem 13-jährigen Protagonisten zunächst durch Schule, Elternhaus und Kirche. Man sieht zu, wie er mit Freunden Unsinn verzapft, durch die freie Zeit strolcht, die Beatles hört und im Fernsehen die im Umgang mit der ersten Terroristengeneration hilflose Politik verfolgt. Und dabei denkt, dass vielleicht seine eigene Clique gemeint sein könnte. Wenn sie das nicht sogar ist. Hinzu kommen herrlich absurde Vorstellungen von der „Ostzone“ sowie die sexuellen Fantasien eines Pubertierenden, die im krassen Kontrast zu seiner streng katholischen Erziehung stehen.

Die Krux: Die Pfade führen nie zu Ende. Es gibt ständig Brüche – nicht nur die laufend wechselnden Zeitebenen, die bis in die Gegenwart reichen. Es ist vor allem der Stil. Frank Witzel flicht Protokolle eines imaginären Verhörs zum Thema RAF ein. Oder Traumsequenzen. Dann auf einmal Briefe und Fragebögen. Oft sprachlich unvollendet. Am meisten beeindrucken wohl die wechselwirkenden „Unterhaltungen“ des Jungen mit Pfarrer Fleischmann und dem Psychotherapeuten Dr. Märklin, weil besonders sie das Dilemma des Jungen freilegen, das ihn letztlich auch kapitulieren lässt.

„Frank Witzels Werk ist ein im besten Sinne maßloses Romankonstrukt“, begründete die Jury den Preis. In seiner Mischung aus „Wahn und Witz, formalem Wagemut und spekulativem Realismus“ sei der Roman einzigartig in der deutschsprachigen Literatur. „Mit dem Deutschen Buchpreis wird ein genialisches Sprachkunstwerk ausgezeichnet, das ein großer Steinbruch ist, ein hybrides Kompendium aus Pop, Politik und Paranoia.“

In der Endausscheidung setzte Witzel sich gegen Jenny Erpenbeck („Gehen, ging, gegangen“), Rolf Lappert („Über den Winter“), Inger-Maria Mahlke („Wie Ihr wollt“), Ulrich Peltzer („Das bessere Leben“) und Monique Schwitter („Eins im Andern“) durch.

Der in Offenbach/Main lebende Witzel, in Wiesbaden gebürtig, ist nicht nur Autor: Er ist auch als Musiker und Illustrator hervorgetreten. Mit 22 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband. 2001 erschien sein Roman „Bluemoon Baby“, zwei Jahre später „Revolution und Heimarbeit“. Die Geschichte der Bundesrepublik dient Witzel als Spielwiese für oft groteske Einfälle und literarische Verschwörungstheorien.

Der Deutsche Buchpreis, 2005 erstmals vergeben, gilt als wichtigste Auszeichnung der Branche. Über den Preis entscheidet eine siebenköpfige Kritikerjury. Dem Sieger winkt neben 25  000 Euro in der Regel auch ein Platz auf der Bestsellerliste. Im vergangenen Jahr gewann Lutz Seiler den Preis für seinen auf Hiddensee spielenden DDR-Aussteigerroman „Kruso“. Der Preis wird traditionell am Vorabend der Frankfurter Buchmesse bekanntgegeben und zugleich überreicht.

 

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