«Roman über Europa» : Roman für Fischesser: Öko-Thriller «Das Meer»

Wolfram Fleischhauers ÖkoThriller «Das Meer». Droemer Knaur
Wolfram Fleischhauers ÖkoThriller «Das Meer». Droemer Knaur

Für Fische bringen wir kein Mitgefühl auf, heißt es in Wolfram Fleischhauers neuem Roman. Wirklich nicht? Sein Öko-Thriller «Das Meer» konfrontiert die Leser durchaus bewegend damit, was die Spezies Mensch den Bewohnern der Ozeane antut.

shz.de von
06. März 2018, 11:04 Uhr

Wenn die junge, selbstverständlich attraktive und einigermaßen geheimnisvolle Ragna beginnt, über das Leben der Aale zu sprechen, erreicht «Das Meer» einen Höhepunkt.

Es ist der Punkt, an dem es für die Leser von Wolfram Fleischhauers neuem Roman kein Zurück mehr gibt. Weniger wegen der Öko-Aktivistin Ragna, mehr wegen der Meeresbewohner. Und das ist die große Leistung des Autors in diesem Buch: seine Leser mit einem Thema zu fesseln, mit dem sich in dieser Wucht die wenigsten auseinandersetzen.

Wolfram Fleischhauer setzt dafür bewährte literarische Mittel ein. Das lässt sich schon an den Kapitelüberschriften ablesen: Di Melo, Buzual, Suphatra, Render - das sind ältere, meist zynische Männer, die mit brutalen Methoden ihre Geschäftsinteressen durchsetzen, oder - wie der resignierte Johann Render - diesem Treiben jahrelang nichts entgegenzusetzen wissen. Und dann sind da die jungen, engagierten Frauen, deren Kapitel mit Vornamen überschrieben sind: Teresa und Ragna. Die Entwicklung feiner Zwischentöne ist nicht das Hauptanliegen dieses Öko-Thrillers.

Die finden sich noch am ehesten in der Figur des Adrian, die im Laufe des Romans eine zunehmend wichtige Rolle spielt. Ragnas ehemaliger Mitschüler wird aus seinem abgesicherten und zugleich etwas trostlosen Leben als Konferenzdolmetscher herausgerissen. Der mächtige Lobbyist Di Melo engagiert ihn, um Kontakt zu seiner Tochter Ragna aufzunehmen. Das gelingt dem politisch indifferenten Vermittler kurz vor dem krassen Showdown im schwer erreichbaren Rebellengebiet irgendwo an der Grenze zwischen Thailand und Myanmar.

Etwas irritierend wirkt zunächst, dass dieser Adrian, dem ein Drittel der 59 Kapitel gewidmet ist, als Ich-Erzähler auftritt. Fleischhauer, der wie seine Romanfigur auch als Dolmetscher in Brüssel arbeitet, versucht dies in seinem Nachwort zu erklären. Aufschlussreich ist diese Nachbemerkung noch in weiterer Hinsicht: «Was ich vor allem auch schreiben wollte, war ein Roman über Europa», erklärt Fleischhauer und gibt sich als «unerschütterlicher Anhänger der europäischen Idee und der europäischen Integration» zu erkennen.

Als «Roman über Europa» schildert Fleischhauers Buch recht zutreffend die Trägheit des europäischen Apparats angesichts eines rasant fortschreitenden Raubbaus an der Natur. Erstaunlich erscheint in diesem Zusammenhang die positive Zeichnung der beiden hohen Beamtinnen, die der Fischereiexperte Render nach langem Zögern um Hilfe bei der Rettung seiner jungen Freundin Teresa bittet. Denn ob die Frauen der gewissenlos agierenden Fischereimafia tatsächlich etwas entgegenzusetzen haben, bleibt letztlich unklar.

Nein, Fleischhauer hat «keinen Europa-Roman» geschrieben, wie er selbst einräumt, schon gar keinen enthusiastischen. «Das Meer» ist ein solider Thriller, dessen «Ähnlichkeiten mit realen Vorgängen, Personen und Institutionen nicht zu vermeiden» waren, wie es eingangs heißt. Es ist ein Buch für Fischesser, allerdings mit einem möglichen Nebeneffekt: Es könnte den Appetit dämpfen. Denn Ragnas Einlassungen über den Aal werden zwar 160 Seiten später beiläufig als «Gerede» abgetan. Ihre Wirkung haben sie da aber schon entfaltet.

- Wolfram Fleischhauer: Das Meer, Droemer, München, 443 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-426-19855-1.

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