Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins : Rolf Bolwin – Die Stimme der deutschen Theater

Optimistischer Blick in die Zukunft: „Wir sind eines der größten Theater- und Musikländer der Welt ,“ sagt Rolf Bolwin.
Optimistischer Blick in die Zukunft: „Wir sind eines der größten Theater- und Musikländer der Welt ,“ sagt Rolf Bolwin.

Nach 25 Jahren zieht sich Rolf Bolwin aus dem Deutschen Bühnenverein zurück – doch er wird nicht verstummen.

shz.de von
02. Januar 2017, 08:03 Uhr

Köln | Theater in Deutschland haben es heutzutage nicht leicht. Kommunen setzen den Rotstift an, manches Stadtoberhaupt stellt die Existenzberechtigung der Bühnen sogar ganz in Frage. Aber man sollte die Rechnung nicht ohne den Deutschen Bühnenverein machen. Rolf Bolwin ist eine der wortgewaltigsten Stimmen der deutschen Staats- und Stadttheater. 25 Jahre war er der Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins. am Sonntag hat Bolwin das Amt abgegeben – jetzt hat er endlich wieder Zeit, selbst ins Theater zu gehen. Im Interview zieht der Jurist eine Bilanz der Lage der Theater.

Wo standen die Staats- und Stadttheater bei Ihrem Amtsantritt, und wie ist die Lage heute?

Ich glaube, die Lage war vor 25 Jahren weit stabiler. Ich habe mir bei meinem Amtsantritt nie vorstellen können, dass wir so viel Krisenmanagement in diesen 25 Jahren machen müssen. Das hatte einerseits mit der Wiedervereinigung zu tun. Zum anderen haben die finanziellen Herausforderungen für die öffentliche Hand erheblich zugenommen. Das macht es heutzutage viel notwendiger, als es die Theater und Orchester gewöhnt waren, sich Legitimationsdebatten zu stellen. Ich finde aber, wenn Institutionen öffentliches Geld bekommen, dann müssen sie auch erklären, warum sie das bekommen.

Wie geht es mit den Theatern weiter?

Interessanterweise sind wir heute wieder auf einem besseren Weg, weil die Politik zunehmend erkennt, dass es ohne Kultureinrichtungen überhaupt nicht geht, in denen man sich Fragen der Gesellschaft stellt.

Wie kommen Sie darauf, dass man heute auf einem besseren Weg ist, wenn die Kommunen sparen müssen und Theater besonders unter Druck geraten?

Man muss einmal sehen, was alles gebaut wird: Die Staatsoper in Berlin wird für mehrere hundert Millionen Euro renoviert. Ähnliches passiert auch in Köln, Frankfurt und Augsburg. Da kann man nicht sagen, die Städte stellten die Bühnen in Frage. Es gibt aber an einzelnen Standorten Probleme. Aber im Großen und Ganzen ist es uns gelungen, die Theater- und Orchesterlandschaft zu erhalten.

Das Publikum ist ja oft eher im fortgeschrittenen Alter. Viele Theater haben schlechte Auslastungen. Ist das noch zeitgemäß? Wir sind doch mittendrin in der Legitimationsdebatte.

Rund 39 Millionen Zuschauer bundesweit sind keine schlechte Zahl in einer Spielzeit. Das zeigt, dass es ein großes Interesse gibt, im Übrigen auch bei jungen Leuten, selbst wenn nicht jedes Theater immer bis zum letzten Platz voll ist. Es zeigt zudem, dass wir auch mit dem inhaltlichen Angebot auf hohe Akzeptanz stoßen. Man muss deutlich sagen: Wir sind eines der größten Theater- und Musikländer der Welt und sollten das nicht immer kleinreden.

Haben die Intendanten zu viel Macht? In den letzten Wochen ist Kritik an mehreren Herrschern über die Bühnen laut geworden, etwa in Berlin oder München.

Da wird viel geäußert, was den Tatsachen nicht entspricht. Es gibt gar kein Haus mehr, in dem der Intendant der Alleinherrscher ist. Nach außen handeln immer der Intendant und der Verwaltungsdirektor. Letzterer hat stets die Möglichkeit, bestimmte Vorgänge aufzuhalten, etwa wenn das Geld fehlt. Ihm sind auch bestimmte Teile des Personals unterstellt. Der künstlerische Prozess ist ein wechselseitiges Ringen aller Beteiligten um eine erfolgreiche Produktion. Das ist nicht immer einfach und zuweilen emotional.

Warum müssen Schauspieler und Sänger und Tänzer bei jedem Intendantenwechsel gekündigt werden? Und der neue bringt dann seine Leute mit?

Die werden nicht gekündigt, sondern die Künstler haben alle befristete Verträge. Und das muss so sein, weil die Möglichkeit bestehen muss, die künstlerische Ausrichtung eines Hauses bei einem Intendantenwechsel zu ändern. Dafür braucht man neue Künstler. Das ist ein normaler Vorgang, der in anderen Ländern um ein Vielfaches extremer ist. In Frankreich oder Italien etwa wird man nur von Projekt zu Projekt engagiert. Ein Schauspieler bekommt einen Vertrag nur für eine Inszenierung, und wenn die in wenigen Wochen abgespielt ist, ist er arbeitslos.

Die Mindestgage für Schauspieler wird auf 1850 Euro erhöht. Sind die Löhne für Schauspieler fair?

Die durchschnittliche Gage bei Schauspielern liegt bei brutto 2800 Euro. Wir sind mit diesen Gehältern in einem Bereich unterwegs, in dem vergleichbare Berufe nicht mehr und nicht weniger verdienen. Es ist aber richtig, dass Initiativen wie „art but fair“ und „Ensemble Netzwerk“ sich für die Künstler engagieren. Denn an vielen Stellen, wo Geld gespart wurde, ging es auf Kosten des künstlerischen Personals. Aber ich warne davor, den Eindruck zu erwecken, als würde da jeder am Hungertuch nagen. Das ist nicht der Fall.

Noch zwei kurze Fragen zum Schluss: Was ist Ihr absolutes Lieblingsstück?

Es gibt ein Stück, das mich mein ganzes Leben begleitet hat. Das ist Goethes „Faust“. Mein Vater und meine Tante konnten ihn auswendig und haben gerne daraus rezitiert.

Was ist das nächste Stück, das Sie nach Ihrem Abschied vom Bühnenverein sehen wollen?

Ich habe für Januar im Stadttheater Bonn Karten bestellt für den „Theatermacher“ von Thomas Bernhard. Einer der Gründe, warum ich aus dem Hamsterrad des Bühnenvereins herauswollte, war, dass ich immer weniger Zeit hatte, ins Theater zu gehen. Und am 13. Januar gehe ich zum ersten Mal in die Elbphilharmonie.

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