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Doku auf 3sat : Roland Klick, der vergessene Außenseiter des Films

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Von „Bübchen“ bis „Deadlock“: Manche Filmkritiker sehen in Roland Klick Deutschlands großen Filmemacher. In seiner großen Zeit hassten ihn die Kollegen – doch heute wünschen sich alle „ein paar Klicks mehr“.

shz.de von
erstellt am 20.Aug.2014 | 15:27 Uhr

Berlin | Gefühlskino kann grausam sein. Wie in Trance starrt der zehnjährige Achim seine kleine Schwester an, die sich durch jeden Atemzug ein Stück mehr dem Tod nähert. Er hat dem ein Jahr alten Kind eine durchsichtige Tüte über den Kopf gestülpt. Das Mädchen lächelt, bemerkt die Falle nicht. „Bübchen“ war 1968 das erste lange Werk von Roland Klick.

„Der Junge ist auf irgendeine Weise auch unschuldig. Das Kind umzubringen, ist für ihn in dieser sterilen Welt, wo nix passiert, eigentlich mehr irgendeine Art von Forschungsabenteuer, Erlebnis, Traumereignis. Der weiß gar nicht, was er getan hat“, sagt Klick in dem 3sat-Film „The Heart is a Hungry Hunter“. Der Sender erinnert am Samstag um 22.05 an den großen Unbekannten des deutschen Films. Dokumentarfilmerin Sandra Prechtel stellt in vor.

Manche Filmhistoriker sehen Klick als deutschen Steven Spielberg, leider zur falschen Zeit am falschen Ort. Er war ein Einzelgänger. Mit dem politischen Kino der 60er und 70er konnte er wenig anfangen. Vier Bundesfilmpreise heimste der heute 75-jährige Klick ein, bevor er sich aus der Kinobranche zurückzog. Nach nur sechs Filmen. Heute ist er weitgehend vergessen: „Ich habe mich gar nicht als Außenseiter gefühlt, ich habe mich als Insider gefühlt und hab' die anderen als Außenseiter empfunden, draußen vor der Tür der Realität, draußen vor der Tür der Innigkeit.“ Mit getönter Brille und Zigarette wirkt er wie ein Dandy.

Klick war über eine Zeitungsnotiz auf das Thema Kindlicher Mörder gekommen. Er drehte „Bübchen“ in seinem Elternhaus. „Ich habe mich auch immer in der Rolle dieses Jungen gesehen.“ Später wird der Vater von Achim die Leiche kaltblütig im Abfall verschwinden lassen, um die bürgerliche Fassade zu wahren. „Ich finde es immer schön, wenn Menschen auf der Leinwand mehr als eine Identität haben.“ Auf einem Festival wurde Klick ausgebuht, nur ein Zuschauer gratulierte ihm. Es sind weniger die Dialoge, die das Bild der Figuren formen. Es sind Gesten, Blicke, Kleidung, das Spielen mit dem Schlüsselanhänger.

Das Multitalent Klick ist zugleich Produzent, Autor, Regisseur, Cutter, Musiker gewesen. Er hatte Allmacht über seine Filme. Was an den Filmen auffällt, ist die Glaubwürdigkeit der Darstellung. Klick hat - wohl nicht zuletzt wegen knapper Budgets - oft auf Leute mit wenig Erfahrung gesetzt. Anfänger wie Otto Sander (1941-2013) oder Eva Mattes (59) wurden später zu Stars des Feuilletons. Renate Roland (66), die vor „Bübchen“ nie als Schauspielerin gearbeitet hatte, erhielt den Bundesfilmpreis in Gold. „Danach hat (Rainer Werner) Faßbinder sie genommen“, erinnert sich Klick. „Und da war sie mau, sauschlecht. Weil er sie nicht geliebt hat - sie! Er hat seine Rollen geliebt. Und die musste sie dann dahersagen. Sie war nicht zu sehen.“

Mattes, die in „Supermarkt“ (1973) mit 18 Jahren die Freundin eines Straßenjungen spielte, sagt, sie wünsche sich immer noch so jemanden wie Roland Klick. „Das ist die Sehnsucht vieler Schauspieler, dass man einen Regisseur hat, der einen an die Punkte von Wahrheit führen kann.“ Als sie eine Liebesszene spielte, spielte Klick dazu Gitarre.„Kino muss Dich hier treffen.“

Klick schlägt sich aufs Herz. Kunst und Kommerz waren für ihn nie Widerspruch. „Ein Professor kann sich vor meine Filme genauso setzen wie ein Bauarbeiter.“ Mit den großen Gefühlen ohne große Erklärungen und der poetischen Authentizität war er aber bei Kollegen verhasst. Das Festival in Cannes hatte seinen psychedelischen Western „Deadlock“ (1970) als offiziellen deutschen Beitrag angenommen, warf ihn nach Protesten anderer Filmemacher aber aus dem Programm, obwohl in Cannes schon unzählige „Deadlock“-Plakate hingen. Eine Alternativ-Vorstellung ging in einem Platzregen unter.

Das ist bei weitem nicht der einzige Rückschlag: Klick hätte 1981 bei „Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ Regie führen sollen und musste in letzter Minute absagen. Er hatte da bereits 2500 Kinder und Jugendliche gecastet, darunter viele echte Junkies. Er übernachtete mit den Bewerbern am Bahnhof Zoo. Klick bekam später Ärger, unter anderem weil die Straßenkinder auf der Toilette des Filmstudios danebengepinkelt hatten. „Die Kinder haben zu mir Vertrauen gehabt, und das hat das Umfeld nicht vertragen.“ Produzent Bernd Eichinger und Klick gingen getrennte Wege. Er drehte stattdessen kurz darauf mit dem schwer kokainsüchtigen Dennis Hopper „White Star“.

Weggefährte Jost Vacano, der als Kameramann später Blockbuster wie „Robocop“ und „Total Recall“ filmen sollte, dachte damals: „Wenn irgendein Regisseur Weltkarriere machen wird, wird das sicherlich Roland sein.“ Bei diesen Worten des Freundes blickt Klick stumm und ernst ins Leere. Nach dem Actionfilm „Deadlock“ - in Israels Wüste zwischen echten Kriegsfronten gedreht - hatte Hollywood angerufen.

Spielberg wollte ihn. Klick blieb in Deutschland. Über Hollywood sagt er: „Wenn ich da etwas gefunden hätte, das mich angeht, hätte ich es gemacht. Aber ohne diesen Bezug will ich die Kamera nicht in Gang setzen.“

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