„Die Bertinis“ : Reaktionen zum Tod von Schriftsteller Ralph Giordano

Mit 91 Jahren ist der in Hamburg geborene jüdische Publizist Ralph Giordano gestorben. Die Kultur-Szene trauert. Eine Auswahl an Reaktionen.

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10. Dezember 2014, 16:54 Uhr

Köln | Der Schriftsteller und Publizist Ralph Giordano ist tot. Er sei am Mittwochmorgen in Köln im Alter von 91 Jahren gestorben, sagte eine Sprecherin seines Verlags Kiepenheuer & Witsch und bestätigte Informationen der Zeitung „Express“.

Deutschlands Kultur-Szene trauert. Eine Auswahl an Reaktionen:

  • Tom Buhrow, Intendant des Westdeutschen Rundfunks: „Giordano ist ein Kämpfer gewesen, der uns immer wieder dazu getrieben hat, unbequeme Themen zu diskutieren und eigene Standpunkte zu hinterfragen“.
  • Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU): „Er nahm leidenschaftlichen Anteil an der politischen Debatte zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und scheute dabei keinen Konflikt. Seine mahnende und streitbare Stimme wird Deutschland sehr fehlen.“
  • Enthüllungsjournalist Günter Wallraff: „Es gibt niemanden, der ihn ersetzen könnte. Auch wenn er in seiner Kritik dem Islam gegenüber vielleicht manchmal zu überzogen und absolut erschien, braucht es so eine Stimme mit seiner Lebenserfahrung, wenn sich andere aus falsch verstandener Toleranz - die manchmal nichts anderes als Ignoranz oder Feigheit ist - wegducken.“
  • Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos): „Leidenschaftlich setzte er sich gegen Extremismus ein. Mit seinem Tod verliert Deutschland eine wichtige Stimme gegen Fremdenfeindlichkeit und Hamburg einen großen Mitstreiter und Namensgeber des Bertini-Preises.“
  • Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD): „Mit seinem autobiografischem Roman “Die Bertinis„ hat Giordano Millionen Menschen eindringlich und bewegend vor Augen geführt, was für ein täglicher Horror die nationalsozialistische Diktatur für Juden in Deutschland gewesen ist.“
  • Lutz Marmor, NDR-Intendant: „Ein engagierter Streiter für Freiheit und Menschlichkeit.“
  • Helge Malchow, Verleger: „Er war uns allen, den Mitarbeitern des Verlags und vielen Autoren ein Freund, den wir nie vergessen werden.“

Ralph Giordano war ein energischer Mahner gegen Rechts. Jahrzehntelang warnte der jüdische Schriftsteller in Büchern, Aufsätzen und Vorträgen vor Rechtsradikalismus und Antisemitismus. Geprägt hat den Autor - weltbekannt geworden durch seinen Roman „Die Bertinis“ – seine Demütigung, Verfolgung und Misshandlung durch die Nationalsozialisten in seiner Hamburger Jugendzeit. Das begründete sein Lebensthema, das er praktisch bis zum letzten Atemzug beibehielt.

Giordano hinterlässt ein umfangreiches Werk – als Publizist wie auch als TV-Dokumentarist. Zu seinem 90. Geburtstag am 20. März vergangenen Jahres war er in seiner Geburtsstadt Hamburg noch groß geehrt worden – einer der wenigen öffentlichen Termine, die er damals noch wahrnehmen konnte. „Mein Energiehaushalt, mein Kräftepotenzial ist reduziert, das spüre ich deutlich“, hatte er der Deutschen Presse-Agentur daheim in seiner bescheidenen Kölner Wohnung gesagt. Hinter ihm liege eine „ungeheuere Strecke“ und ein „mörderisches Jahrhundert“.

Als intellektueller Kopf hat Giordano zahlreiche Ehrungen erhalten, auch das Bundesverdienstkreuz oder den Leo-Baeck-Preis vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Dem „rechten Ungeist“ müsse man mit Aufklärung und inhaltlicher Auseinandersetzung begegnen und mit Zivilcourage, verlangte er. Die lange unentdeckte Mordserie des Neonazi-Netzwerks NSU hatte ihn als schon Hochbetagten noch einmal aufgeschreckt. „Mir wird bange um die demokratische Republik – die einzige Gesellschaftsform, unter der ich mich sicher fühlen kann.“

Sein Werk überlässt er dem Deutschen Literaturarchiv Marbach. Da werde wohl zum Abtransport kein VW-Bus ausreichen, hatte Giordano zu seinem 90. mit Humor angemerkt. Er hat 23 Bücher geschrieben, von denen viele Bestseller sind und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Die autobiografische Familiensaga „Die Bertinis“ (1982), „Die zweite Schuld oder von der Last ein Deutscher zu sein“ (1987) oder auch „Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte“ (1989) gehören zu den Hauptwerken. Viel beachtet ist auch seine Autobiografie „Erinnerungen eines Davongekommenen“ (2007). Als Fernsehmann arbeitete er ab 1961 zunächst beim Norddeutschen Rundfunk, drehte dann von 1964 bis 1988 für den WDR rund 100 Filme aus aller Welt. 1972 zog er von Hamburg nach Köln.

Bei all seinen Verdiensten war Giordano ein streitbarer und umstrittener Mann. Viel Kritik löste er aus mit seinen Äußerungen zum Islam, zu einer aus seiner Sicht gescheiterten Integration von Muslimen und zum Bau der Kölner Zentralmoschee. Zugespitzte Äußerungen in Talkshows und die Bezeichnung „menschliche Pinguine“ für verschleierte muslimische Frauen lösten Empörung aus. Dass man ihm gemeinsame Sache mit Rechtsradikalen vorwarf, verletzte ihn. Es gehe ihm nur darum, solche Erscheinungen des Islam anzuprangern, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar seien, rechtfertigte er sich.

Als Sohn einer Jüdin und eines Sizilianers war er dem Holocaust als Jugendlicher nur knapp entkommen. „Es ist eine Lebensphase, die alles geprägt hat, was ich danach getan habe“, betonte er. Als die Mutter im Februar 1945 deportiert werden sollte, versteckten sich die Giordanos in einem Kellerloch. Am 4. Mai 1945 wurden sie von der britischen Armee befreit – fast verhungert und total entkräftet.

Wenig bekannt war der Privatmann Giordano. Dreimal hatte er geheiratet. Seine beiden langjährigen Ehen endeten mit dem Krebstod seiner Frauen Helga (1994) und Röschen (2002). Eine dritte Ehe wurde nach kurzer Zeit geschieden. Giordano mochte Dampfmaschinen. Ein Herz hatte er auch für die seltenen Wombat-Beuteltiere – und er war lange begeisterter Ferrari-Fahrer. In seinen letzten Lebensjahren lebte der schmächtige Herr mit der imposanten weißen Haarmähne recht zurückgezogen in seiner Wohnung in einem Kölner Hochhaus. Sein scharfer Intellekt ist ihm bis zuletzt erhalten geblieben.

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