Wagner-Oper : Pure Leidenschaft und reine Stimmkraft

Tannhäuser (Ivar Gilhuus)  und die aufreizende Venus (Michaele Lucas) in einer faszinierenden Inszenierung. Foto: Dewanger
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Tannhäuser (Ivar Gilhuus) und die aufreizende Venus (Michaele Lucas) in einer faszinierenden Inszenierung. Foto: Dewanger

Die romantische Oper "Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg" von Richard Wagner feierte am Sonnabend im Flensburger Landestheater Premiere.

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15. September 2008, 06:06 Uhr

Flensburg | Morgens, halb zehn im Irgendwo. Tannhäuser, ein gefallener Popstar und vermeintlicher Alkoholiker, ist mitgenommen von der letzten Nacht. Eine aufreizende Venus bittet zum Frühstück. Zunächst wirkte es noch schlicht, was im Flensburger Landestheater dargeboten wurde. Musikalisch war es moderat und das Spiel gerade von Tannhäuser Ivar Gilhuus etwas hölzern. Doch eine stimmlich großartige Michaela Lucas in der Rolle der Venus ließ schon früh Gewaltiges erahnen. Und so kam es dann auch. Tannhäuser riss sich von der Venus los, die Inszenierung vom Althergebrachten.

Eine Hirtenidylle wird eingeblendet. Ein kleiner Junge läuft über die Bühne. Tannhäuser selbst. Oder vielmehr: sein unschuldiges Ich. Die Realität lässt aber nicht lange auf sich warten. Ebenso wenig der zweite Akt, die Wartburg, der dortige Sängerkrieg und eine überragende Susanna von der Burg in der Rolle Elisabeths, der großen Liebe Tannhäusers.
Das ganze Haus gehörte zur Szene

Besonders personell wurde mit diesem Akt ein Schwergewicht auf die Bühne des Landestheaters gehoben. Hier konnte Mihkel Kütson als musikalischer Leiter aus dem Vollen schöpfen - und tat dies auch. Die ästhetischen Eckdaten der Inszenierung erinnerten nicht zuletzt an Patrice Chéreaus Jahrhundertring: Elemente aus dem 19. und 20. Jahrhundert durchsetzt von Requisiten aus Wagners Sagenwelt. Ein Irgendwo im Irgendwann erschuf Jan-Richard Kehl. Bühne und Publikumsraum wurden eins. Wunderbar. Und so wurde hier nicht länger Theater gespielt, sondern Oper gelebt - und das ganze Haus zur Szene. Die Gesellschaft der Wartburg saß im Publikum und beschimpfte den "sündigen" Tannhäuser. Beim Papst persönlich sollte dieser um Vergebung bitten.

Für den dritten Akt wurde die Oper zu Zeiten von Wagner teilweise verboten. Die religiösen Gefühle waren schuld. Kommt einem das nicht bekannt vor? Amerikanische Touristen mit Kruzifixen, Elisabeth als Schahidki, als Märtyrerin, als schwarze Witwe mit Sprengstoffgürtel sind Jan-Richard Kehls grandios wie intelligente und nicht minder spektakuläre Antwort darauf. Die fanatische Masse nagelt Tannhäuser ans Kreuz. Und mit ihm: die Unschuld und Idylle jener zwischendrin erträumten archaischen Welt. Oper, wie sie sein soll. Der donnernde Applaus in Bayreuth war sicher. Doch war da nicht noch etwas...

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