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Autor der Extraklasse: Hans-Jürgen Heise.
Autor der Extraklasse: Hans-Jürgen Heise.

Autobiographie, Gedichte und Prosa: Der Kieler Autor Hans-Jürgen Heise hat zwei neue Werke vorgelegt

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15. November 2012, 03:59 Uhr

kiel | Es gibt sie noch, die echten Dichter, die sich von den Schriftstellern unterscheiden wie die Sonne vom Mond. Nach dem Tod von Peter Rühmkorf sind im Norden nur noch vier "Groß-Dichter" übrig geblieben: Sarah Kirsch, Günter Grass, Hans-Jürgen Heise und Günter Kunert. Alle hoch geehrt, einander wenig zugeneigt, aber auch weit jenseits der offiziellen Pensionsgrenze fleißig mit "letzter Tinte" dichtend. Veröffentlicht der prominenteste des Quartetts ein Gedicht, ruft der Chor der Öffentlichkeit "Hurra" oder "Kreuzigt ihn". Legt einer der Kollegen ein ganzes Buch vor, ist die Resonanz deutlich zurückhaltender.

Hans-Jürgen Heise (82), der einzige Stadtbewohner unter den in ländlicher Idylle lebenden Poeten, hat gleich zwei Bücher geschrieben. Eine Autobiografie und einen Band mit Gedichten und knappen Prosastücken, die in einem Zeitraum von 64 Jahren entstanden sind. Das Ergebnis eines Lebenswerks also. Wer die beiden jetzt vorgelegten Bücher nicht nur liest, sondern studiert, darf fortan behaupten, er kenne Hans-Jürgen Heise. Sein Leben ebenso wie sein Werk, dazu seine Ansprüche, die er an einen Poeten stellt. Über sein Leben hat Heise bereits in mehreren Veröffentlichungen berichtet. Man kann es turbulent nennen, aber auch bedrückend, und wer das Ehepaar in der kleinen, von Büchern zusätzlich verengten Kieler Wohnung besucht, der bekommt einen Eindruck davon, dass Geist und Wohlstand keine Zwillinge sind.

Es heißt zu Recht, der erste Satz einer Geschichte entscheidet darüber, ob sie zum Weiterlesen anregt. Der erste Satz in Heises Autobiografie lautet: "Jedem Menschen werden die Merkmale seiner Herkunft eingebrannt wie einem Texas-Rind der Stempel des Besitzers". Wer derart anschaulich formuliert, macht neugierig.

Der biografische Teil der Doppel-Publikation enthält neben den persönlichen Angaben einige wunderbare Formulierungen über die Welt an sich: "… den Himmel teilten sich die ersten Flugzeuge mit den letzten Engeln". Thomas Edison "brachte die Musik auf die Idee, sich bald schon aus einem Grammophontrichter pusten zu lassen…"

Der zweite Teil der Autobiografie gibt Auskunft über die Gedankenwelt des ungemein gebildeten Poeten Hans-Jürgen Heise. Von mehreren Interviewpartnern befragt, erläutert er seine Vorstellung von Lyrik im Allgemeinen und den eigenen Texten im Besonderen. Als "intuitiven Zwischenruf" will er seine Gedichte verstehen, auf "die Qualität der Sprachbilder" legt er größten Wert. Ein Gedicht soll elektrisch geladen sein und "knistern wie das Fell einer Katze", der "wichtigste Erlebnisraum" seiner Dichtung sei die Natur.

Wie Hans-Jürgen Heises Theorie der Poetik in der Praxis aussieht, zeigt sich an dem gleichzeitig mit der Autobiografie vorgelegten Band mit dem wunderbaren Titel "Letzter Aufruf für Mr. H.", der neben "richtigen" Gedichten knappe Prosa-Stücke enthält. Sie geben Auskunft über Heises enge, durch viele Reisen gepflegte Beziehung zur spanischen und lateinamerikanischen Dichtung. Auch dies meisterliche Texte, die bedauern lassen, dass ihr Verfasser bereits früh die viel versprechende Karriere als Autor von Kurzgeschichten abgebrochen hat.

Insgesamt sind die beiden jetzt erschienenen Bücher der Beweis dafür, dass Hans-Jürgen Heise zu den wichtigsten deutschen Poeten der Gegenwart zählt.

Hans-Jürgen Heise, "Auf der Wanderdüne" Autobiographie, 336 Seiten

"Letzter Aufruf für Mr. H." Gesammelte Gedichte und Prosagedichte 1948-2012

320 Seiten, Verlag Ralf Liebe

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