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Privates vom Massenmörder

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Möchte man wirklich lesen, welche Kosenamen Marga Himmler ihrem Mann Heinrich gab? Ist es für das Verständnis des Massenmörders von Bedeutung, dass er von einem Haus am See träumte? Oder wie er das Zusammenleben mit Frau, Tochter und Geliebter mit zwei weiteren Kindern organisierte? Wohl kaum – und das Unbehagen will auf den beinahe 400 Seiten nicht vergehen, denn die Briefe und Dokumente sind von erschütternder Belanglosigkeit. Es ist ein wenig so, wie die Lektüre fremder Leute Poesiealbum. Man weiß nie genau, ob man wegen der eigenen Neugier oder wegen des Gelesenen peinlich berührt sein soll.

Das gilt jedoch nicht für die historische Einordnung der privaten Briefe aus dem Hause Himmler. Sie reichen vom Kennenlernen von Marga und Heinrich Himmler 1927 bis kurz vor Kriegsende, als sich der gescheiterte Reichsführer-SS von seinen Lieben verabschiedete. Katrin Himmler – Großnichte des SS-Chefs – und der Berliner Historiker Michael Wildt haben sie so perfekt erschlossen, dass es am Ende doch noch einen gewissen Lesegewinn gibt.

Himmler wird dabei auf das Maß eines ganz normalen Menschen gestutzt, der ganz gewöhnliche Konflikte und Schwierigkeiten hatte. Dass seine keineswegs ungewöhnliche chronische Gefühlskälte und sein mangelndes Einfühlungsvermögen sich mit einem mörderischen Rassismus verband, ist die tragische Kehrseite dieses Mannes. Himmler war jederzeit mit sich im Reinen, als er Millionen in den grausamen Tod schickte. Das ist die verstörende Erfahrung dieses Buches. Die Geschichte des Dritten Reiches muss keineswegs neu geschrieben werden – auch über Himmler gibt es keine bahnbrechend neue Erkenntnis. Der Blick durchs Schlüsselloch auf das Privatleben des Massenmörders macht klar, dass das Böse nicht banal, sondern leider vollkommen normal und in sich selbst ruhend daher kommen kann.

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erstellt am 21.Feb.2014 | 00:34 Uhr

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