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Architektur : Pleiten, Pech und Pannen bei Berliner Kulturbauten

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Taucheranzüge werde man bei der Grundsteinlegung für das neue Empfangsgebäude der Museumsinsel nicht brauchen, hatte Bauherr Hermann Parzinger beim Sommerempfang seiner Preußen-Stiftung gut gelaunt versprochen.

Als es jetzt am Freitag soweit war, mochte man daran fast zweifeln: Die Baugrube vor dem vielfach preisgekrönten Neuen Museum mit der Büste der Nofretete ist vorerst noch ein großes Wasserbecken. Bis vor kurzem mussten Taucher helfen, 1200 Pfähle zur Sicherung des Fundaments in den schlammigen Boden zu treiben.

Die Folge: Das vom britischen Stararchitekten David Chipperfield entworfene Gebäude wird um fast 30 Millionen Euro teurer als geplant - insgesamt rund 100 Millionen müssen aus der Bundeskasse fließen. Dabei ist die nach einem berühmten Museumsmäzen benannte James-Simon-Galerie längst nicht das einzige Kulturgebäude in Berlin, das zeitlich und finanziell aus dem Ruder läuft. Ein Überblick:

Das nahe gelegene Berliner Schloss sorgte 2011 für Schlagzeilen, als der Bundestag einen Kostenanstieg von 38 Millionen Euro genehmigen musste. Für insgesamt 590 Millionen Euro wird jetzt die zu DDR-Zeiten gesprengte Preußenresidenz im Zentrum der Stadt wiederaufgebaut. Nach einer Zwangspause wegen der Sparpläne der Bundesregierung wurde erst Anfang des Jahres der Grundstein gelegt. Die Eröffnung des sogenannten Humboldtforums ist um sechs Jahre auf 2019 verschoben.

Die renommierte Berliner Staatsoper Unter den Linden wird seit 2010 saniert, eigentlich sollte sie dieser Tage fertig sein. Doch die Entdeckung alter Pfahlbauten in 17 Metern Tiefe machte eine zweimalige Verschiebung nötig. Jetzt wird das Jahr 2017 angepeilt, festlegen mag sich niemand. Die Kosten von anfänglich 242 Millionen werden nach Berechnungen vom Mai um mehr als 50 Millionen Euro steigen. Die von Daniel Barenboim prominent geführte Oper ist derweil im kleineren Schillertheater unterbracht - die Einnahmeausfälle belaufen sich auf vier Millionen Euro im Jahr.

Auch die Berliner Staatsbibliothek, die größte wissenschaftliche Universalbibliothek Deutschlands, hat Probleme mit der Sanierung ihres Stammhauses Unter den Linden. Ein neuer Lesesaal konnte erst im März mit fünfjähriger Verspätung eröffnet werden. Technische Schwierigkeiten und Pleiten bei den beauftragten Firmen hatten den Bau mehrfach verzögert. Die Kosten für das Gesamtprojekt sind von geplanten 326 Millionen Euro im Jahr 2004 inzwischen um 80 Millionen Euro gestiegen. Die erhoffte Fertigstellung wurde um vier Jahre auf 2016 verschoben.

Neueste Hiobsbotschaft ist der Pfusch am Bau beim Erweiterungsgebäude des Museums Berggruen mit seinen Schätzen von Klee, Picasso, Matisse und Giacometti. Das erst im März eröffnete Haus gegenüber dem Charlottenburger Schloss wird demnächst für etwa ein Jahr wieder geschlossen. Durch Feuchtigkeit sei das Dach großflächig von Schimmel befallen, erklärten die Staatlichen Museen. Ob es einen Ersatz für die rund 7,6 Millionen Euro Baukosten gibt, ist noch offen.

Weitere Risiken birgt auch der zunächst auf 385 Millionen Euro veranschlagte Ausbau des Pergamonmuseums, das mit dem weltberühmten Pergamonaltar und 1,3 Millionen Besuchern Flaggschiff der Museumsinsel ist. Die Bundesregierung hatte schon Anfang des Jahres unter Hinweis auf das Bundesamt für Bauwesen mitgeteilt, dass der Kostenrahmen «voraussichtlich nicht eingehalten werden kann».

Allerdings gibt es auch die anderen Beispiele. Die 2009 abgeschlossene Sanierung des Neuen Museums durch Chipperfield fiel mit gut 200 Millionen Euro um sage und schreibe 36 Millionen billiger aus als geplant.

Bei dem jetzt direkt davor geplanten Empfangsgebäude sorgte neben dem schwierigen Baugrund auch die Pleite des anfangs beauftragten Bauunternehmens für den Kostenanstieg. Für den am Donnerstag in Tokio mit dem Preis des Kaiserhauses ausgezeichneten Chipperfield brachte sein Bürokollege Alexander Schwarz die Sache auf den Punkt: «Die Geschichte der Berliner "Akropolis der Kunst" verläuft sich schnell im nassen Sand: Eher ein Venedig als ein Rom.»

Einzelheiten zu den Bauprojekten

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erstellt am 18.Okt.2013 | 17:07 Uhr

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