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Balkan-Kriegsroman : «Phantome» von Robert Prosser: Neugier auf die Nachbarn

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Der Österreicher Robert Prosser stand mit seinem Roman «Phantome» auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Elfenbeinturm und Nabelschau sind seine Sache nicht. Er versucht, sich «ein Land und dessen jüngere Vergangenheit samt Gegenwart zu erschreiben».

shz.de von
erstellt am 12.Sep.2017 | 12:42 Uhr

 Was bringt einen jungen Autor dazu, der Graffitis sprayt und bei Poetry Slams auftritt, einen Roman zu schreiben über den Balkankrieg?

Einen Konflikt, bei dessen Ausbruch er ein kleines Kind war, den er als Österreicher nicht erlebt hat und der angesichts der aktuellen Flüchtlingsdramen fast vergessen scheint. Die Antwort ist so einfach wie großartig: Neugier.

Robert Prosser, dieser erstaunliche junge Mann, interessiert sich für Menschen. Er fragt, liest, sammelt, fühlt mit - und macht daraus einen Roman, der über sein Thema hinausweist. Eine Geschichte von Flucht und Vertreibung, von Hoffnung und Rückschlägen, von Entmenschlichung und Solidarität, egal welcher Krieg gerade die Ursache des Leids ist.

Robert Prosser, Jahrgang 1983, erzählt im Hauptteil seines Romans «Phantome» von dem serbischen Soldaten Jovan und seiner bosnischen Freundin Anisa. Die Abschnitte sind kurz, ein Cliffhanger jagt den nächsten. Anisa lebt in einer Flüchtlingsunterkunft in Wien, Jovan kämpft in Bosnien, keiner der beiden weiß, wo sich der andere aufhält und ob er noch lebt.

Aus dem vorgeschalteten Einleitungskapitel weiß der Leser, dass Anisa die Mutter der Freundin des Ich-Erzählers ist. Seine aus Ex-Jugoslawien stammende Freundin nimmt ihn mit auf eine Reise in ihre Heimat. Auch der reale Robert Prosser reist 2013 nach Sarajewo, wie er in der Danksagung erklärt. Das «Eingeständnis, kaum etwas über Bosnien zu wissen», ist die Initialzündung für seine Recherchen. Zurück in Österreich interviewt er Ex-Jugoslawen, reist erneut durch Serbien und Bosnien, fragt, fragt, fragt.

««Phantome» ist das Ergebnis meiner Versuche, ein Land und dessen jüngere Vergangenheit samt Gegenwart zu erschreiben», schreibt Prosser: «Ich weiß, dass mein Bosnien nicht das reale, tatsächliche ist, doch es ist eins, das durch die berührenden, aufwühlenden, unvergesslichen Erfahrungen und Begegnungen existiert, die ich machen durfte.» Ein mehr als ehrbarer Ansatz für einen Autor und für den Leser weit gewinnbringender als die ewigen Innenansichten von Berlin-Mitte-Autoren in künstlerischer Midlifecrisis mit mittelaufregenden Affären. 

Im ersten Teil legt Prosser stilistisch ziemlich los. Der Nervenkitzel beim Graffiti-Sprayen nachts in einem Bahntunnel wird überschnitten mit seinen Erinnerungen an die Reise mit der Freundin durch Bosnien. Immer wieder eingeflochten: Schnipsel der Geschichten, die Menschen auf dieser Reise ihm erzählten. Das ist beeindruckend, schnell, kraftvoll. Aber es sind zu viele Geschichten und sie sind zu kurz angerissen, um zu bewegen. 

Gerade als der Leser zu ermüden droht, die Kehrtwende. Bei Anisa und Jovan drosselt Prosser das Tempo, dafür werden die Figuren 3D. Wenn man etwas zu Kritisieren sucht, fände man es vielleicht in der etwas konstruiert wirkenden Durchführung der Geschichte. Der Schützengraben, die Langeweile, die Front, das Erschießungskommando, eine Fast-Vergewaltigung, Fahnenflucht, ein Verrat, Kameradschaft - alles, was man denkt, dass rein muss in so einen Roman ist auch wirklich da und das ist fast zuviel.

Anisas Geschichte erscheint näher, vielleicht weil man in ihr auch die heutigen Flüchtlinge in den Notunterkünften erkennt. Was sie im Krieg erlebt hat, wird nur in Erinnerungen lebendig, das macht das Erzählen leichter. In der Jetzt-Zeit des Buches geht es um Neid und Zusammenhalt zwischen Menschen, die ein Schicksal teilen. Um Freude und Leid, je nachdem, was Suchaufträge und Briefe aus der Heimat so bringen. Um zaghafte Versuche, die Stadt zu erkunden und Kontakte nach draußen zu knüpfen. Um eine neue Liebe.

Dass Anisa und Jovan sich nicht mehr wiedersehen, ist seit dem Vorab-Kapitel keine Überraschung mehr. Dabei waren sie sich räumlich ganz nah. Am Ende des Buchs sitzt Jovan nach einem zeitlichen Sprung in Wien im Gefängnis. Zwar wurde er wirklich Maler, wie er es im Krieg ersehnt hatte, aber seine Jugo-Kontakte verleiten ihn am Ende doch auf die schiefe Bahn. 

Es mag kein ganz großer Roman sein. Aber was groß ist an diesem Autor: So lange es Menschen gibt, die so sehr Anteil nehmen am Schicksal ihrer Mitmenschen, auch wenn dieses Schicksal nicht ihres ist, so lange besteht Hoffnung, dass unsere abgestumpfte Spezies nicht völlig verroht. 

Robert Prosser: Phantome, 336 Seiten, Ullstein fünf, 20 Euro, ISBN-13 9783961010097

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