Malerei und der Fußball : Peter Nagel: Eine Parade für die Galerie

Gut geflogen: Der Torwart in Peter Nagels „Parade“.
Foto:
1 von 2
Gut geflogen: Der Torwart in Peter Nagels „Parade“.

Für den Maler Peter Nagel ist der Fußball ein wichtiges Thema – auf dem Feld und in der Kunst.

shz.de von
03. Juni 2014, 07:47 Uhr

Kiel | In wenigen Tagen beginnt die WM in Brasilien. Auch in der Kunst ist der Fußball oft Thema – in der Literatur genauso wie in der Malerei. Wir präsentieren bis zum ersten Spiel der deutschen Elf am 16. Juni Künstler, die ihren eigenen Blick auf den Fußball entwickelt haben.

Zu Beginn des Studiums musste Peter Nagel noch hinter vorgehaltener Hand über den Fußball diskutieren. „Ich hatte einen Professor, der sprach immer heimlich mit mir über die Ergebnisse und Tore. Das Spiel und das ganze Drumherum galten damals noch als ordinär.“ Die 1960er Jahre waren auch an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg politisch aufgeladen, für vermeintlich Belangloses wie das Spiel mit dem Ball blieb nicht viel Raum.

Nagels Begeisterung für den Sport tat das keinen Abbruch, mit seinem damaligen Hobby-Team, den Ackerfreunden Lerchenfeld, trat er gegen Mannschaften aus dem Lauenburgischen an. Im Sturm damals: Holger Meins, der später einer der RAF-Terroristen der ersten Stunde war. „Wilde Zeiten waren das damals“, sagt Nagel. Er meint damit nicht nur die Stunden auf dem Fußballplatz.

Weniger wild, aber gewiss nicht weniger unterhaltsam war dann die Altherrenzeit beim TSV Flintbek. „Als wir 1972 hierherzogen, wollten wir Kontakt zu den Menschen aus der Gemeinde haben, das geht über den Fußball ganz schnell.“ Also trug er fortan das Flintbeker Trikot, bis er vor drei Jahren mit 70 Jahren seine aktive Zeit beendete. „Aus naheliegenden Altersgründen“, sagt Nagel und lacht. Aber er spricht immer noch gern über das Spiel. Der Fußball hat ihn über all die Jahre, in denen er an der Kieler Muthesius-Schule als Professor gelehrt hat, begleitet. Als Ausgleich zur kreativen Arbeit und als bewährtes Mittel, um Frust abzubauen. „Wenn die Konferenzen mit den berüchtigten Langrednern mich zu sehr genervt hatten, bin ich gleich danach auf den Platz“, sagt Nagel. Direkt hinter seinem Haus in Kleinflintbek liegt ein Fußballfeld, hier hat er dann mit den Jungs aus dem Dorf so lange gebolzt, bis die Langzeitredner aus dem Kurzzeitgedächtnis gelöscht waren.

Und natürlich hat sich Nagel auch künstlerisch dem Fußballspiel genähert, mit dem Werk „Parade“ zum Beispiel. 175 mal 200 Zentimeter misst das eindrucksvolle Bild, das er 1970 mit Eitempera-Farben auf die Leinwand gebracht hat – heute gehört es zur Sammlung des Kunstmuseums Düsseldorf. Die Abbildung oben zeigt die dazugehörige Druckgrafik.

Ein schönes Beispiel nicht nur für die realistische Arbeit Peter Nagels, sondern auch für sein großes Interesse am Thema Fußball. Im gleichen Jahr hat er auch einen Ball gemalt, aus dem die Luft entwichen ist – ein ironischer Blick auf die damals schon wachsende wirtschaftliche Bedeutung des Spiels und die möglichen Folgen.

Auch „Parade“ weckt einige Assoziationen. Es sind kleine Details, die die Geschichte des Bildes erzählen. Der Torwart springt in einer perfekten Bewegung, ein Kunstflug, wenn man so will; eine Parade für die Galerie, würden Sportkommentatoren mit abfälligem Ton sagen. Galerie und Kunstflug, da ist sie schon, die Verbindung zwischen Fußball und Kunst – und damit steht der Betrachter bereits auf Nagels Spielfeld mit doppeltem Boden. Die Grenzen zwischen Kunst und Spiel verwischen, zumal der Torwart den Ball gar nicht fängt, er greift trotz seines eleganten Fluges am Ball vorbei. Ein Schönspieler also. Dazu passt seine makellos reine Kleidung.

Ob am Ende ein Tor aus der Aktion resultiert, ist nicht wichtig. Hier geht es um die Situation und um den Ball. Der springt aufgrund seiner herausstechenden Farbigkeit sofort ins Auge. Dann erst schweift der Blick zum Torwart, der übrigens Peter Nagel selbst ist. Oder besser gesagt: Er hat sich für die Vorlage zu diesem Bild unzählige Male im Torwartflug fotografieren lassen, um die Bewegung möglichst natürlich wirken zu lassen. Auch in der Malerei sollte der Fußball authentisch sein.

Heute ist der künstlerische Blick auf den Fußball für Nagel nicht mehr interessant. „Seit ich nicht mehr aktiv dabei bin, steht dieses Thema auch nicht mehr im Vordergrund.“ Geblieben ist dem Maler allerdings der Blick des Fußballfans: „Ich freue mich auf die WM und werde versuchen, möglichst viele Spiele zu schauen.“ Hinterher wird er dann wie immer über die Ergebnisse und Tore diskutieren – ganz offen natürlich und nicht mehr hinter vorgehaltener Hand.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen