„Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ : Papst-Film von Wim Wenders: Nur Predigt oder schon Werbung?

Papst Franziskus vor der Kamera von Wim Wenders: Die Dokumentation „Franziskus - Ein Mann seines Wortes“ läuft an.

Papst Franziskus vor der Kamera von Wim Wenders: Die Dokumentation „Franziskus - Ein Mann seines Wortes“ läuft an.

Der Papst auf der großen Leinwand: Am Donnerstag startet Wenders' „Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ in den Kinos.

shz.de von
13. Juni 2018, 13:34 Uhr

Vier mehrstündige Interviews hat Wim Wenders mit dem Papst geführt – um das Kirchenoberhaupt dann ungefiltert dem Publikum predigen zu lassen. Nach der Premiere in Cannes kommt „Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ jetzt ins Kino.

Hauptfigur mit Charisma: Papst Franziskus

„Da möchte man ja fast wieder in die Kirche eintreten“, spaßt eine Kollegin nach der Pressevorführung von Wenders‘ Papst-Film. Und es stimmt: „Franziskus“ präsentiert einen Menschen von mitreißendem Charisma. „Verschwenden Sie Zeit mit Kindern“ – mit diesem sympathischen Rat, berichtet der Papst beispielsweise, habe er die Menschen früher immer aus dem Beichtgespräch geschickt. Bescheidenheit und ein Sinn für die wichtigen Dinge funkeln dem Oberhirten aus den Augen. Am Ende erzählt er sogar einen Witz. 

Das Wirken des Papstes leitet Wenders aus der Geschichte des Heiligen Franziskus her; die Vita des Namensgebers skizziert er für seinen Film sogar im Stil eines Stummfilms. Dazu kommen Archivbilder, zumindest teilweise vom Vatikan gestellt, die den Papst in Auschwitz und Yad Vashem zeigen, am Ground Zero und im Gefängnis, wo er tätowierten Gangmitgliedern die Füße küsst. Berührungen sind ein Leitmotiv im Porträt eines alltagsnahen und nahbaren Papstes.  (Was Papst Franziskus gegen Kindesmissbrauch tun will)

Interviews ohne Fragen: „Franziskus – Ein Mann seines Wortes“

Kern der Dokumentation sind vier mehrstündige Interviews, die Wenders mit Franziskus geführt hat: Zornig wendet der Papst sich darin gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur und wiederholt die Kritik am eigenen Haus: „In einer Kirche, die ihre Hoffnung in den Reichtum setzt, ist Jesus nicht anwesend“, sagt er – und warnt vor einer Kirche, die zur NGO verkommt, wenn sie über ihren Reichtum wirken will. Franziskus empört sich über den sexuellen Missbrauch durch Geistliche und fordert die Bischöfe auf, die Opfer auch vor Gericht zu unterstützen. Zur Toleranz mit Schwulen und Lesben bekennt der Papst sich genauso wie zum interreligiösen Dialog und zur Wissenschaft: „Natürlich ist die Schöpfungsgeschichte eine mystische Umschreibung.“ (Über den Wolken: Franziskus traut Steward und Stewardess)

<p>Predigt oder Werbefilm? Was wollte Wim Wenders mit seinem Film über Papst Franziskus drehen?</p>
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Predigt oder Werbefilm? Was wollte Wim Wenders mit seinem Film über Papst Franziskus drehen?

Nur eine Predigt oder schon Werbung?

In rund 50 Fragen, berichtet Wenders, hat er das Weltbild und die Mission des Papstes abgefragt. Hören tut man die Fragen nicht. Der Papst adressiert sein Publikum stattdessen im direkten Kamerablick, ein Effekt, für den Wenders sogar technische Umstände in Kauf genommen hat. Er habe einen Film „mit“ Franziskus statt „über“ ihn drehen wollen, sagt er dazu. Tatsächlich sieht das monologische Resultat mehr aus wie Predigt, wenn auch wie eine sehr wirksame. Denn der Papst reißt mit: Im US-Kongress wird er sogar für die Spruchweisheit „Was du nicht willst, das man dir tu“ bejubelt. Der Regisseur legt Wert darauf, dass sein Film keine Auftragsarbeit ist, unabhängig finanziert und inhaltlich frei – auch wenn die Initiative zum Projekt vom Vatikan ausging. Man muss das alles dazusagen; die Wirkung ist nämlich eine ganz andere. (Wenders erfand als Kind Sünden für die Beichte)

Absichtserklärungen ohne Wirklichkeitsabgleich

Das hat einen klar benennbaren Grund: Weder im Umgang mit dem dokumentarischen Material noch im Interview findet ein Abgleich der päpstlichen Selbstaussagen mit der Wirklichkeit statt. „Diesem Mann überlasse ich gern die Bühne“, sagt der Regisseur dazu im Interview mit dem „Tagesspiegel“. Meinungen seien ohnehin überbewertet, und was er selbst über Franziskus sagen könnte, sei nebensächlich. Diese Einschätzung geht allerdings an einem Film vorbei, der sich in Wahrheit sehr wohl positioniert. Wenn Wenders im Off-Kommentar feststellt, dieser Papst habe mehr in der Kirche bewegt als die meisten seiner Vorgänger, fällt er ein unmissverständliches Urteil. Mit Verve schildert Wenders einen Reformpapst, ohne auch nur ansatzweise zu fragen, wie und ob dessen Absichten auch umgesetzt werden. Der Papst ist „ein Mann seines Wortes“, behauptet der Regisseur ja schon im Filmtitel. Ob der Rest der Kirche mitzieht, ist dem Film vollkommen egal. Tatsächlich lässt Wenders seinen Protagonisten also nicht nur ungefiltert zum Publikum sprechen. Er stimmt ihm sogar ausdrücklich zu. Vielleicht ist „Franziskus“ also doch keine Predigt, sondern schon Werbung.

„Franziskus – Ein Mann seines Wortes“. D 2018. R: Wim Wenders. 96 Minuten, keine Altersbeschränkung.

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