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Kunst : Oskar Schlemmer: Der verschwundene Künstler

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Bedeutender Vertreter der Klassischen Moderne, vielseitiger Erneuerer der Kunst, Bauhaus-Star - das sind die Stichwörter, die einem eigentlich beim Namen Oskar Schlemmer (1888-1943) in den Sinn kommen sollten.

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erstellt am 03.Sep.2013 | 08:07 Uhr

In den letzten Jahrzehnten überdeckten jedoch eine schwierige Rechtslage um den Nachlass, jede Menge Neid und Missgunst sowie juristische Scharmützel seiner Erben alles. Ausstellungen konnten nicht realisiert werden, es gibt keine Genehmigung, seine Werke abzubilden. Eine ernsthafte Beschäftigung mit Schlemmers Werk ist nahezu ausgeschlossen.

Doch 2014 darf die Stuttgarter Staatsgalerie das machen, was zuletzt unmöglich war: Am 4. September vor 125 Jahren wurde Oskar Schlemmer in Stuttgart geboren. Und im Jahr nach dem 70. Todestag erlöschen Urheberrechte, und der Weg für eine Retrospektive ist frei.

Die Ausstellung «Visionen einer neuen Welt» soll die unvergleichbare Breite von Schlemmers Schaffen zeigen: Gemälde, Grafiken, Skizzen, Kostüme, Bühnenbilder. Es sei bedauerlich, dass Schlemmer «für jüngere Kunstinteressierte heute vor allem eines ist: ein geheimnisvoller Künstler», sagt die Kuratorin Ina Conzen. Die Staatsgalerie hat 45 Gemälde und Skulpturen, über 250 grafische Arbeiten und zahlreiche Dokumente im Bestand.

Oskar Schlemmer gilt als einer der vielseitigsten Künstler des 20. Jahrhunderts, seine Werke erzielten bei Auktionen von Doyle oder Sotheby's Millionensummen. Er arbeitete nicht nur als Maler und Bildhauer, sondern auch als Bühnengestalter und Choreograph («Das Triadische Ballett»). Seine Werke wurden auch bei den ersten drei Auflagen der Documenta in den 50er und 60er Jahren in Kassel gezeigt.

4. September 1888: Oskar Schlemmer ist das jüngste von sechs Geschwistern, sein Vater ist Kaufmann und Komödiendichter. Nach dem frühen Tod seiner Eltern wächst er bei seinen Schwestern im nahen Göppingen auf. Aus finanziellen Gründen verlässt er mit 15 Jahren die Schule, macht eine Lehre in einer Intarsienwerkstatt. 1906 wird er an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart aufgenommen und ist seit 1912 Meisterschüler von Adolf Hölzel (1853-1934).

Der Architekt Walter Gropius (1983-1969) ruft ihn 1920 als Lehrer ans Bauhaus. Dort leitet Schlemmer die Werkstatt für Steinbildhauerei und Wandmalerei, gibt Unterricht im Aktzeichnen. 1922 wird Schlemmers «Triadisches Ballett» in Stuttgart uraufgeführt, das heute als «getanzte Mathematik» beschrieben wird. Schlemmer sei die Darstellung des Menschen im Raum auf seinen Gemälden zu dieser Zeit zu beengt gewesen, heißt es später. Daher geht er in den Raum, auf die Bühne - und schafft etwas bis dahin nie Gesehenes.

Schlemmer thematisiert in seinen Werken vor allem die Stellung der menschlichen Figur im Raum, dargestellt als eine typisierte Figurine. Schlemmers Vorbild: der Kubismus von Picasso. «Statt, wie Otto Dix, den zerstörten Menschen zu zeigen, zeigt er den "neuen Menschen", der im Kollektiv und in der funktionalen Architektur des Bauhauses harmonisch existiert», beschreibt Conzen.

1932 malt er «Die Bauhaustreppe», die im Museum of Modern Art in New York hängt und Schlemmer weltweit bekanntmachte. Schlemmers erste große Werkschau in Stuttgart wird 1933 von den Nazis noch vor der Eröffnung geschlossen. Ein fruchtbares Künstlerleben endet abrupt. Auch aus anderen Museen wird Schlemmers Kunst entfernt. Sie bezeichnen ihn als «Kunstbolschewisten», seine Kunst als «entartet».

Schlemmer muss sich und seine Familie mit handwerklichen Auftragsarbeiten durchbringen. Er zieht sich später nach Süddeutschland zurück und stirbt 1943 - keine 55 Jahre alt und nahezu mittellos - in einem Sanatorium in Baden-Baden. Noch während der Naziherrschaft. Beerdigt ist er auf dem Waldfriedhof in Stuttgart.

Staatsgalerie zur Ausstellung

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