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Melancholisch : Olivier Adams düsterer Thriller von der Côte dʼAzur

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Normalerweise seziert Olivier Adam die Pariser Vorstädte. Sein neuer Roman dagegen spielt in einer südlichen Hochburg der Front National. Ein ebenso düsteres wie brillantes Gesellschaftspanorama.

shz.de von
erstellt am 18.Jul.2017 | 14:05 Uhr

Olivier Adam (42) ist einer der aufregendsten Schriftsteller Frankreichs, auch wenn er bei uns immer noch nicht so bekannt ist wie Michel Houellebecq. Ähnlich wie sein prominenterer Kollege trifft Adam den Nerv der Zeit, doch ist er sprachlich raffinierter. Adam, der mit dem Buch «Keine Sorge, mir geht’s gut» bekannt wurde, wird oft als Chronist der Vorstädte bezeichnet.

Und tatsächlich spielen viele seiner Bücher in den berüchtigten Banlieues, den Getto-Quartieren der Abgehängten, in denen Armut und Hoffnungslosigkeit herrschen, Radikalismus und Kriminalität gedeihen. Wie in einem Brennglas verdichten sich hier die Probleme Frankreichs in der Krise. In seinem neuen Buch «Die Summe aller Möglichkeiten» wechselt Adam den Schauplatz, aber nicht das Milieu.

Der Roman spielt in einem Badeort an der Côte dʼAzur, in einem freundlichen, sonnigen, scheinbar sorgenfreien Ambiente also. Doch nur auf den ersten Blick, bei genauerem Hinschauen ist die heile Welt ganz schön kaputt. In dieser Hochburg der Front National herrschen Rassismus und Ressentiments, lokale Politiker und Unternehmer sind durch quasi-mafiöse Strukturen miteinander verbunden.

Adams Protagonisten sind einmal mehr die sogenannten kleinen Leute, die mit prekären und schlecht bezahlten Jobs den Tourismusbetrieb oder die Luxusvillen der Reichen am Laufen halten - Reinigungskräfte, Altenpflegerinnen, Kellnerinnen oder Campingwarte. Es sind Menschen, die in ihrer Jugend die rechte Abzweigung verpasst haben, weil sie damals lieber in der Sonne dösten, sich abends volllaufen ließen, ein «Leben unter Hochspannung» führten.

In der Schule kamen sie nicht zurecht, «aber niemand schien darin ein Problem zu sehen». Die Quittung folgte später: Marion, Antoine, Sarah, Alex und all die anderen werden es nie mehr nach oben schaffen, eine zweite Chance gibt es für sie nicht. Der französische Titel des Buchs «Peine perdue», also verlorene Liebesmüh, bringt exakt das auf den Punkt.

Erzählt wird die Geschichte von 22 Männern und Frauen, die auf die eine oder andere Art miteinander verbunden sind - als Freund oder Liebhaberin, als Mannschaftskamerad oder Rivale, als Nachbarin oder Tourist. Die Handlung kreist um zwei zentrale Ereignisse, die gleichermaßen dramatisch sind. Das eine ist ein Sturm, der schwere Verwüstungen anrichtet und bei dem eine ältere Touristin ums Leben kommt. Die andere Geschichte dreht sich um den Fußballspieler Antoine. Der ebenso begabte wie labile junge Mann wird eines Tages auf einem Campingplatz mit Baseballschlägern niedergeschlagen, er fällt ins Koma.

War es ein Racheakt? Steht die Tat in Zusammenhang mit einem Einbruch und dem spurlosen Verschwinden zweier Männer? Vor diesem Hintergrund entwickelt Adam meisterhaft psychologische Porträts, die sich zu einem düsteren Gesellschaftspanorama verdichten. Die jungen Männer sind oft großspurig, wankelmütig und leicht verführbar - von scheinbar schnellem Geld, Drogen oder Alkohol. Ihre Väter konnten ihnen nie Vorbilder sein, denn sie kaschierten ihre Hilflosigkeit und ihren Frust durch Gewalt.

Antoine verkörpert die Tragik des an sich selbst gescheiterten Fußballstars: ein ewig pubertierender Junge mit selbstzerstörerischen Zügen, der immer am Rande des Abgrunds wandelt. Die Frauen sind in der Regel tapferer, doch oft heillos überfordert von der Härte des Alltags, der Sorge um die Familie. Ab und zu schleicht sich in diese fragile Welt das kleine bürgerliche Glück ein wie etwa bei Serge: «Von Zeit zu Zeit angeln mit den Kumpeln. Am Wochenende grillen im Kreis der Familie. Eine gute Zeit, kühles Bier und Erdnüsse. Er hat nie mehr als dieses Leben verlangt. Es passte ihm wie angegossen.» Doch dann trifft ihn ein Schicksalsschlag.

«Die Summe aller Möglichkeiten» ist ein melancholischer Roman und doch vibriert er und geht er unter die Haut. Er ist mitreißend, echt und authentisch, denn er zeigt den Menschen in seiner ganzen Fragilität und Begrenztheit vor der schönen, aber brüchigen Kulissenwelt der Côte d’Azur.

Olivier Adam: Die Summe aller Möglichkeiten, Klett-Cotta, Stuttgart, 445 Seiten, 25,00 Euro ISBN 978-3-608-98033-2

Die Summe aller Möglichkeiten

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