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Ohne Plattenfirma zum Erfolg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Regionale Musiker versuchen, im Norden einen Markt zu finden / Der große Traum: Von der Musik leben zu können

Für viele Bands ist die Musik mehr als ein Hobby, es ist der Lebensinhalt, so etwas wie die Muttersprache. Und doch schaffen es die wenigsten, von ihrer Musik tatsächlich leben zu können. Manchmal gibt es für Live-Auftritte nur etwas Spritgeld.

Die Rockgruppe Vierpunkteins hat schon eine Reihe von Konzerten gespielt, vom Volksfest bis hin zur Vorband der Metalband Sepultura. Die Flensburger spielen ihre eigenen Songs – und oft fragen die Zuschauer, wo man die Musik denn herbekomme. Das Problem: Die Band hat zwar ein komplettes eigenes Album im Kopf, aber in den Händen hat sie noch nichts. Bisher fehlte den Flensburgern der Plattenvertrag. Jetzt wollen sie es auf eigene Faust versuchen. Ohne Label, aber mit viel Enthusiasmus. Sänger Chrissi Becker sprudelt vor Vorfreude, wenn er über die Pläne der Band spricht. Denn demnächst soll eine erste Single herauskommen.

„Spuren im Sand“ heißt die Ballade, die von der Begegnung zwischen einem wohlhabenden Mann und einem Obdachlosen handelt. Der Song wurde bereits im Januar in einem Tonstudio bei Kropp aufgenommen. „Als junge Band hatten wir auch Angst davor. Das kostet ja auch Geld“, sagt Chrissi Becker. Die Band ist gerade dabei, ein professionelles Video für Youtube zu produzieren. Wie es dann weitergeht? Am liebsten mit dem ganzen Album. „Freischwimmer im Fluss der Zeit“ soll das dann heißen und eine Mischung aus deutschsprachiger Rockmusik und Surferfeeling werden.

Die nordfriesische Sängerin Catherine Jauer ist schon weiter: Sie hat bereits ihr zweites eigenes Album herausgebracht. Auch sie hatte zunächst versucht, bei Plattenfirmen weiterzukommen. Als sie aber merkte, dass die Vermarktung über Plattenlabels schwierig ist, gründete sie ihr eigenes und benannte es nach ihrem Hund. Im Herbst hat „Wookie Records“ ihr zweites Album „Hear the Sound“ herausgebracht. In den Plattenabteilungen der großen Elektronik-Märkte wird man ihr Album aber nicht finden, sagt die 36-Jährige. „Bei Saturn kriegst du die nicht rein“, sagt sie. „Dann müsste man das über einen Distributor laufen lassen, der zahlt dann für den Platz im Regal.“ Doch wer würde schon ein Album kaufen, „das kein Schwein kennt“, weil es nirgendwo vermarktet wird. „Pay to Play“, nennt die Musikerin das System. Je mehr man investiere, desto mehr würde die Musik bekannt. Und sie fügt etwas trotzig hinzu: „Den ganzen Quatsch macht man als Independent-Künstler nicht mit.“

Doch auch die vermeintlich freie und unabhängige digitale Vermarktung birgt ihre Tücken: „Es kennen einen dadurch dann viel mehr Leute, aber finanziell zahlt sich das nicht aus mit den 0,000-Centbeträgen von Spotify und Co.“, sagt die Sängerin. „Alle wollen Musik hören, aber keiner will dafür bezahlen.“ Stattdessen verkauft die Musikerin ihre CDs in erster Linie bei ihren Live-Auftritten. „Aber ich denke, je mehr Leute einen bei Spotify mal gehört haben, desto mehr kommen auch zu den Konzerten“, sagt sie.

Beim Radioprogramm setzt man aber noch auf den klassischen Weg über einen Plattenvertrag. „Ohne Label ist es schwierig, bei uns in die Rotation aufgenommen zu werden“, sagt Patrick Ladendorf, Sprecher bei R.SH. Eine spezielle Sendung für Neuentdeckungen gebe es beim größten Radiosender in SH nicht. Roger Wahlmann hingegen findet die mangelnde Beachtung für regionale Künstler im Mainstream-Radio bedauerlich. „Manchmal entgehen den Sendern richtige Shootingstars“, sagt er. „Die spielen lieber, was sicher ist und womit man Werbung vermarkten kann.“

Für Labelgründer Lars Lewerenz stellt sich die Frage nach den großen Radiosendern, nach dem Platz im Saturnregal gar nicht erst. „Die verkaufen doch in erster Linie Pfannen“, sagt der Hamburger trocken. „Die Zeiten vom physischen Handel sind vorbei.“ In seinem Indie-Label Audiolith landen zwar auch immer wieder Demos – „so zwischen 0,5 und drei pro Woche“, aber er sagt, meist komme man gar nicht über die Musik zusammen, sondern über die Menschen. „Wir gucken uns die Menschen an, ob wir mit denen klarkommen“, sagt er. „Mal gucken, was die so für Utopien und Visionen haben.“ Jungen Bands empfiehlt Lewerenz, den „Content am Start“ zu haben. Viele Konzerte zu spielen, auf Youtube oder Bandcamp Songs einzustellen. „Dann entwickelt sich das“, meint er. Einen Platz im Handel oder im Radio bekomme man damit wahrscheinlich nicht. „Aber es ist doch die Frage, ob man sowas überhaupt will.“  
 

Anmerkung der Autorin: Die Emailadresse der R.SH-Redaktion wurde auf deren Wunsch entfernt.

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erstellt am 09.Dez.2016 | 03:22 Uhr

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