Buchmesse Frankfurt : Norwegen: Wie aus Ölreichtum Lesekultur wird

Leseecke in der Kinder- und Jugendbücherei 'Biblo Tøyen' in Oslo. /dpa
Leseecke in der Kinder- und Jugendbücherei "Biblo Tøyen" in Oslo. /dpa

Eine Abnahme-Garantie für Verlage, keine Steuern auf Bücher, Stipendien für Autoren - Norwegen lässt sich Literaturförderung etwas kosten. Der neueste Baustein: Kinderbibliotheken als Abenteuerspielplätze in sozialen Brennpunkten, Erwachsene verboten.

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09. Oktober 2019, 11:57 Uhr

Lange Nächte, kalte Winter - macht das die Norweger zu einem Land der Leser? Ein Selbstläufer ist der Buchmarkt auch in Skandinavien nicht. Norwegen - Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019 - tut einiges dafür, um Literatur zu fördern. Geld genug ist da, dank Erdöl ist Norwegen ein sehr reiches Land.

15,5 Bücher lesen Ola und Kari Nordmann - die norwegischen Mustermanns - pro Jahr, 88 Prozent aller Norweger lesen mindestens ein Buch jährlich. Für 5,3 Millionen Norweger gibt es 550 Buchhandlungen, eine für weniger als 10 000 Einwohner. 100 Verlage bringen jährlich an die 5000 neue Titel auf den Markt. «60 bis 70 Prozent von norwegischen Autoren», wie Ingvild Brodal vom norwegischen Verlegerverband berichtet.

Dass Norweger so viel lesen und so häufig schreiben, kommt nicht von ungefähr. Der Staat sieht Literaturförderung als politische Aufgabe und fördert sie entsprechend. «Das wirkungsvollste Instrument ist die Abnahmeregelung», sagt Brodal: Der norwegische Kulturrat verwaltet einen Fonds, aus dem jährlich zwischen 770 und 1550 Exemplare von über 600 Neuerscheinungen angekauft und öffentlichen Bibliotheken zugeteilt werden. «Die Vorteile sind: weniger Risiko für Verleger, mehr Einnahmen für Autoren und besserer Zugang zu Literatur.»

Außerdem gibt es keine Mehrwertsteuer auf Bücher. Bisher galt das nur für gedruckte Bücher, seit diesem Sommer sind auch E-Books steuerbefreit. Weniger stark ist allerdings die Buchpreisbindung in Norwegen. Immer am 1. Mai dürfen die Buchhändler die Bücher aus dem Vorjahr beliebig reduzieren. Der Bestseller «Die Glocke im See» von von Lars Mytting aus dem Jahr 2018 lag im Sommer 2019 schon statt für 399 Kronen (rund 40 Euro) für 149 oder 99 Kronen in den norwegischen Buchhandlungen.

Im Wohlfahrtsstaat Norwegen sind Autoren Teil eines solidarischen Systems. Schriftsteller verdienen nicht an jedem Exemplar, das von ihren Büchern verkauft wird, sondern die Einnahmen der Verlage fließen in einen Fonds, der an alle Autoren ausgeschüttet wird. Wer Glück hat, bekommt ein staatliches Stipendium, um ohne finanzielle Sorgen schreiben zu können, im besten Fall bis zu zehn Jahre lang.

Nicht nur norwegische Literatur für norwegische Leser wird staatlich gefördert, auch die Verbreitung norwegischer Bücher im Ausland wird mit öffentlichen Geldern angekurbelt. Eine Organisation namens Norla (Norwegian Literature Abroad) kümmert sich um die Vermarktung in anderen Ländern, zum Beispiel durch das Fördern von Übersetzungen.

«Vor allem aus Deutschland spüren wir großes Interesse», sagt Norla-Direktorin Margit Walsø. «In den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der norwegischen Bücher in Deutschland verfünffacht.» Deutsch ist inzwischen die Sprache, in die norwegische Literatur am häufigsten übersetzt wird, noch vor Englisch. 2019 - als Gastland der Frankfurter Buchmesse - werden 250 Titel ins Deutsche übersetzt. Umgekehrt seien es übrigens nur 20, sagt Walsø.

Die großen Literaturfestivals in Bergen im Februar und in Lillehammer im Mai sind Publikumsmagneten. Rund 25 000 Besucher, 350 Autoren, 250 Veranstaltungen an sechs Tagen zählt das «Norsk Litteraturfestival».

Damit jüngere Generationen weiter lesen, investiert Norwegen auch in die Leseförderung. Im vergleichsweise armen Osten der reichen Stadt Oslo hat Reinert Mithassel mit einem Millionenbudget eine Kinder- und Jugendbücherei aufgebaut, die europaweit Maßstäbe setzt. Die «Biblo Tøyen» gleicht eher einem Abenteuerspielplatz als einer Bücherei: Ein Pickup dient als Küche, in alten Autos wird gewerkelt und gemalt, die Gondeln einer Seilbahn bieten Brettspiele, die Leseecke ist als U-Boot gestaltet: Abtauchen zum Lesen.

Zutritt haben nur Kinder von 10 bis 15, Erwachsene müssen draußen bleiben. Bücher gibt es nur wenige, die Regale stehen fast verschämt am Rand. «Die Kinder kommen nicht wegen der Bücher», gibt Bibliothekar Mithassel zu. Wer hier wohne, lese wenig bis gar nicht, viele könnten gar kein Norwegisch. Die Idee ist, einen Ort zum Wohlfühlen zu schaffen, einen Rückzugsort, einen spannenden Ort. «Wir müssen sie reinlocken. Wenn sie auf der Straße sind, haben wir keine Chance. Wenn sie hier drin sind, können wir es zumindest versuchen.»

Dass Norwegen ein Leseland ist, kommt also nicht von ungefähr, und es liegt auch nicht an den langen Winternächten. Es liegt am politischen Willen und an finanzieller Förderung. Ingvild Brodal vom norwegischen Verlegerverband fasst es so zusammen: «Die staatlichen Instrumente sind entscheidend, um eine dynamische literarische Landschaft und eine Kultur des Lesens zu schaffen.»

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