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Zweiter Weltkrieg : Neues Museum: Dänemark erzählt die deutsche Flucht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Museum an der Westküste soll an die Vertriebenen-Lager nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern.

shz.de von
erstellt am 04.Apr.2016 | 18:27 Uhr

Esbjerg | Es ist eine der Hochburgen deutscher Ferienhaus-Urlauber in Dänemark: die jütländische Westküste nördlich von Esbjerg mit Erholungsorten wie Blåvand, Henne Strand und Vejers Strand. Die wenigsten Gäste ahnen, dass hier vor 70 Jahren die Dichte ihrer Landsleute noch höher war, und das unter alles andere als touristischen Umständen: Zwischen 1945 und 1949 lebten bis zu 35.000 Deutsche gleichzeitig in Dänemarks größtem Flüchtlingslager in Oksbøl. Aus den einstigen Ostgebieten waren sie in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs per Schiff ins deutsch besetzte Dänemark evakuiert worden. Ehrgeizige Pläne für ein dänisches Flüchtlingsmuseum sollen das fast vergessene Kapitel nun wieder ins Bewusstsein rücken – mit Unterstützung aus der Bundesrepublik.

Dass es den Projektverantwortlichen von der zuständigen Kommune Varde nicht um irgendeine lokale Sammlung geht, macht schon ihr Auftrag an den Stararchitekten Bjarke Ingels deutlich: Der weltweit renommierte Kopenhagener hat das Empfangsgebäude für das Museum entworfen. Es soll zwei der letzten Originalgebäude miteinander verbinden, die vom einstigen Lager übrig sind. Eines davon wurde noch bis zum Herbst 2013 als Jugendherberge genutzt. „Dass uns dieses einstige Lazarett zum Kauf angeboten worden ist, war die Initialzündung des Projekts“, sagt Anne Sofie Vemmelund Christensen, die Koordinatorin beim Museumsverbund Varde.

Außerdem hat die Bjarke Ingels Group einen 20 Meter hohen Aussichtsturm konzipiert. Er soll ebenso wie das Museums-Entree mit einer Edelrost-Optik auf sich aufmerksam machen. Mit sogenanntem Korten-Stahl, wie er bei Design-Objekten beliebt ist. Das Material läuft nach außen an, bildet darunter nach innen aber eine rostfeste Schicht. Es ist als Ummantelung einer 400 Meter langen, vielfach gewundenen Rampe gedacht. Von oben können sich die Besucher einen Überblick über die enormen Ausmaße des Lagergeländes verschaffen: Zwölf Quadratkilometer war es groß; das oft von Kiefern überwachsene Wegenetz ist noch intakt.

„Noch vor 20 Jahren galten die deutschen Flüchtlinge in Dänemark als sensibles Thema, über das nicht offen gesprochen wurde“, sagt Vemmelund Christensen. Im ganzen Königreich waren 250.000 Ostpreußen und Pommern einquartiert. Sofort nach der Befreiung im Mai 1945 wollte man sie loswerden. Doch eine sofortige Abschiebung nach Deutschland bei Kriegsende scheiterte an den Briten. Die wollten diese Viertelmillion nicht auch noch in ihrer norddeutschen Besatzungszone unterbringen müssen. Also koppelte man sie hinter Stacheldraht von der dänischen Bevölkerung ab. „Inzwischen ist der Abstand größer. Jetzt gibt es in der Öffentlichkeit und der Forschung Raum auch für die dunkleren Kapitel“, stellt Vemmelund Christensen fest. Nicht zuletzt „wegen der aktuellen Flüchtlingskrise“ findet sie die Zeit „reif“ für „Dänemarks Flüchtlingsmuseum“.

Bereits seit Jahren sammelt das Museum Varde Gegenstände der deutschen Flüchtlinge in Oksbøl. „Noch immer werden uns welche angeboten. Von einstigen Bewohnern oder auch ihren Kindern oder Enkelkindern, die die Nachlässe ihrer Vorfahren aufräumen.“ Spielsachen, Kinderzeichnungen, einen als Nachttopf genutzter Soldatenhelm etwa.

Zwei Erlebnispfade durch die Räume soll es geben: einen für Erwachsene, einen für Kinder, beide auf Dänisch und Deutsch. Der Krieg an der Ostfront, die Flucht über die Ostsee, Verteilung in Dänemark, das Leben im Lager, die Sicht der Dänen draußen: In der zeitlichen Abfolge wollen die Planer die Erlebnisse schildern. Haupt-Botschaft: den Krieg als eine humanitäre Katastrophe vermitteln – inklusive Verbindungslinien zu den Flüchtlingsströmen von heute.

Mit acht bis neun Millionen Euro Investitionskosten kalkuliert Vemmelund Christensen. Eine Eröffnung 2018 oder 2019 hält sie für realistisch. Gesichert sei die Finanzierung noch nicht. In Dänemark ist es jedoch nichts Ungewöhnliches, dass Kulturschaffende in so einer Lage derart optimistisch und mit allen Details an die Öffentlichkeit gehen. Es gilt dort als üblicher Weg, um die stets nach herausragenden Projekten Ausschau haltenden, gut ausgestatteten Stiftungen zu interessieren.

Zumindest eine allererste Spende gibt es schon, und die kommt aus der Bundesrepublik: Markus Meckel, Vorsitzender des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge, hat die Zusage in Begleitung des deutschen Botschafters in Dänemark persönlich in Oksbøl überbracht. Eine von der Organisation betreute Gräberstätte liegt direkt neben dem Lager. Dort ruhen neben 121 deutschen Soldaten 1675 deutsche Flüchtlinge, die während der Internierung gestorben sind. „Der Kriegsgräberfürsorge geht es nicht nur um die gefallenen Soldaten“, sagt Meckel. „Auch die umgekommenen Flüchtlinge sind in den vergangenen Jahren immer stärker ins Bewusstsein gerückt“. Er freut sich, dass das Konzept des Museums den Friedhof „als wesentliche pädagogische Ressource begreift“. Und gerade auch die vielen deutschen Touristen sieht der Volksbund-Vorsitzende als Chance, ein nennenswertes Publikum zu erreichen. „Sonst liegen die Flüchtlinge oft in unbekannten Grablagen am Rande der Fluchtwege.“

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