40 Jahre auf der Bühne : Nena im Interview: Über drei Stufen auf die Bühnen der Welt

40 Jahre: Nena feiert Bühnenjubiläum.
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40 Jahre: Nena feiert Bühnenjubiläum.

Im Mai startet die Popsängerin zu ihrer großen „Nichts Versäumt“-Tour durch Deutschland – und kommt auch nach Hamburg.

shz.de von
20. Januar 2018, 13:08 Uhr

Großensee | Seit 40 Jahren steht Popsängerin Nena auf der Bühne. Sie ist mittlerweile Mutter und Oma. Doch beim Interview im Strandhus in Großensee sitzt Mona Adams immer noch eine junge, gutaussehende Frau gegenüber, die nur so sprudelt vor Ideen und Ansichten: immer ein wenig durchgeknallt, freiheitsliebend, voller Inspiration.

Sie sind Fünffach-Mutter und Dreifach-Oma. Wer wohnt denn jetzt eigentlich noch im Hotel Mama?

Mein Mann und ich leben noch mit unserem jüngsten Sohn zusammen. Alle anderen sind inzwischen ausgezogen. Jeder hat sein eigenes Leben und das ist schön. Trotzdem sind wir uns alle sehr nah. Das Klischee vom großen, leeren Haus gibt es bei uns nicht. Bei uns ist immer noch jeden Tag Trubel, auch weil das Studio im Haus ist und alle einfach immer wieder gerne kommen.

Welches Ihrer Kinder ist Ihnen am Ähnlichsten?

Jeder Mensch ist vollkommen individuell. Das ist ja schon mal ein echt krasses Ding. Daher war mir auch als Mutter immer klar, dass meine Kinder gar nicht in meine Fußstapfen treten können, weil jeder seinen eigenen Fußabdruck hat. Und doch machen sie alle Musik. Nicht weil Mutti Musik macht, sondern weil sie sich dafür jeden Tag wieder neu entscheiden.

Sind alle musikalisch?

Alle. Unsere Familie scheint keine Rechtsanwälte oder Ärzte hervorzubringen, wir sind alle künstlerisch unterwegs. Wobei ich Rechtsanwälten und Ärzten natürlich niemals das künstlerische absprechen würde. Und man weiß ja nie, was noch kommt.

Haben Sie sich bewusst für den Beruf des Musikers entschieden?

Ich hatte immer Bock auf Musik, durfte recht früh schon Klavier spielen, hatte auch mal eine Gitarre unter dem Tannenbaum und Akkordeon-Unterricht. Ich wollte in frühster Kindheit Sängerin oder Balletttänzerin sein. Tierärztin fand ich auch mal ganz sexy, aber dafür hätte ich studieren müssen. Doch ich habe mich eindeutig gegen die Schule entschieden, nach der elften Klasse das Gymnasium verlassen und einen ganz anderen Weg eingeschlagen.

Sie sind ausgebildete Goldschmiedin.

Ja. Ich habe eine Lehre gemacht. Das war so mittelschön. Die Idee hatten meine Eltern für mich und ich hab mich erst mal mitziehen lassen. Auch wenn sie immer versucht haben, mich in meinem freiheitlichen Gefühl zu unterstützen, gab es trotzdem vieles, was mir nicht gefallen hat. Und es war mir nie frei genug. Schon in meiner Kindheit wollte ich für mich selbst entscheiden und das tun, was mir Spaß macht. Schule war für mich immer ein notwendiges Übel. Nicht dass ich nicht gerne hingegangen bin, ich hatte tolle Freunde, aber die meisten Lehrer in meinem Schulleben waren nicht in der Lage, uns zu inspirieren und zu beflügeln für all das Schöne, was es in der Welt gibt. Ich habe es als äußerst stumpf empfunden, meine wertvolle Lebenszeit dort absitzen. Also hab ich gesagt: Ich gehe! Dann hieß es: Sie ist doch so kreativ ... wie wäre es mit Goldschmiedin?

Hat Sie das glücklich gemacht?

Nein. Aber es war ok. Das wirklich Gute war, dass ich über eine lange Zeit ganz bewusst vertiefen konnte, was ich mit meinem Leben machen möchte. Nämlich: nicht fremdbestimmt sein. Deshalb finde ich nicht, dass die Zeit umsonst war. Ganz im Gegenteil. Aber ich hätte mir dreieinhalb Jahre meiner Jungend auch anders gestalten können, als acht Stunden täglich in eine Werkstatt zu rennen, wo Kreativität gar nicht gefragt war. Auch als Lehrling machte ich die Erfahrung, nicht viel Raum für Eigenleben zu haben. Das habe ich dann am Wochenende oder in meiner Mittagspause gemacht. Und aus diesem Prozess heraus, war mir ganz klar, wohin ich will.

Wohin?

In die große weite Welt. Und so gründete ich schon gleich am Anfang meiner dreieinhalbjährigen Ausbildung meine allererste Band. Von da an stand ich morgens mit einem Gefühl der totalen Selbstbestimmung auf. Ich wollte immer Musik machen. Und wenn man sich klar auf etwas ausrichtet, bringt dir das Leben meistens genau das. 

Können Sie sich noch an Ihren ersten Auftritt erinnern?

Ich war 17 und ein halbes Jahr schon mit meiner ersten Band im Proberaum. Dann meinte unser Gitarrist, dass wir mal live spielen müssten. Im örtlichen Jugendzentrum gab es ein kleines Jugendfestival, zu dem wir uns anmeldeten. Ich hatte mega Respekt davor. Schon eine Woche vorher war mir so schlecht. Aber ich wusste, dass ich es durchziehen würde. Ich wollte diese Erfahrung machen. Ich erinnere mich noch genau an den alten Saal. Drei Stufen gingen zur Bühne herauf. Ich stand mit meinem Vater dort unten, er fühlte meinen Puls. Dann wurden wir angekündigt, der rote Samtvorhang ging auf und ich musste mit meiner Band diese drei Stufen rauf. Das waren die Stufen, die mich in die Welt getragen haben. Das ist für mich ein schönes Bild. Das sehe und spüre ich noch heute.

Gabriele Susanne Kerner wurde 1960 in Hagen geboren. Bereits in Kindesjahren bekam sie den Spitznamen Nena, der zu ihrem Künstlernamen wurde. Den Durchbruch als Popsängerin hatte Nena 1983 mit dem Hit „99 Luftballons“, der es weltweit in die Charts schaffte. Es folgten „Leuchtturm“, „Rette mich“, „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“, oder „Nur geträumt“. Ihr Song „Wunder geschehen“ wird 1989 zur Hymne zum Fall der Mauer. Bis heute hat die Künstlerin 25 Millionen Tonträger verkauft und gilt damit als eine der erfolgreichsten deutschen Künstlerinnen aller Zeiten. Außerdem ist sie Coach und Jurymitglied bei den Gesangs-Castingshows „The Voice of Germany“ und „The Voice Kids“.

Haben Sie dieses Gefühl immer noch vor Ihren Auftritten?

Ich habe mir zwar viele Dinge angeeignet und bin professionell unterwegs, doch trotz all dieser Jahre erhalte ich mir dieses Gefühl. Und jedes Mal, wenn ich die Stufen hochgehe - auch wenn es manchmal keine Stufen gibt – ich die Bühne betrete, bin ich jedes Mal offen, auch mit 40 Jahren Bühnenerfahrung. Sonst könnte ich das nicht mehr machen. Aus der Routine heraus passiert nichts in meinem Leben. Darum heißt meine Tour, mit der es bald losgeht, auch „Nichts versäumt“. Ich habe einfach nie das Gefühl, etwas versäumt zu haben.

Ihr „99 Luftballons“ gehört zu den bekanntesten deutschen Liedern in Amerika. Über 30 Jahre hat es dennoch gedauert, bevor Sie im vergangenen Jahr erstmals auf US-Tour gingen. Wieso?

Wir waren fast überall auf der Welt, aber Amerika haben wir damals irgendwie ausgelassen. Das wollte ich immer nachholen. Im letzten Jahr war es dann soweit: vier Konzerte in Los Angeles, New York, San Francisco. Das war toll.

Haben Sie „99 Luftballons“ in der englischen Version gesungen?

Die englische Version mochte ich nie. Und egal, wo ich auf der Welt bin, die Luftballons singe ich immer auf deutsch. Es macht mir auch Spaß in englisch und französisch zu singen, oder italienisch, wie zuletzt mit Gianna Nannini. Die japanische Band „Scandal“ hat mich eingeladen, ich werde im Rahmen der „Nichts Versäumt“-Tour also auch in Japan touren und in Australien. Aber jetzt bin ich erst mal ab Mai vier Monate in Deutschland auf Tour und darauf freue ich mich sehr. Wir spielen eine schöne Mischung aus 40 Jahren Nena-Musik, eine große, laute und knackige Rock-Show. Aber an vielen Stellen sind wir auch ganz sanft und romantisch. Und selbstverständlich sind Songs wie „Nur geträumt“, „Irgendwie, Irgendwo Irgendwann“ dabei, und in diesem Leben wird es kein Nena-Konzert ohne die „Luftballons“ geben!

Andere Stars kaufen sich große Yachten oder Villen. Sie haben vor zehn Jahren eine Schule gekauft.

Ich hätte auch nichts dagegen, mir irgendwann vielleicht ein kleines Motorboot oder eine Yacht zu kaufen (lacht). Die Neue Schule Hamburg haben mein Mann und ich gegründet, gekauft haben wir das passende Schulhaus dazu. Das ist und bleibt ein großes Herzensprojekt. Und wer sich für eine Schule interessiert, an der Kinder selbst entscheiden, was sie tun und lassen, die Lehrer demokratisch gewählt und alle Regeln miteinander bestimmt werden, empfehle ich unser Buch, das wir letztes Jahr zum zehnjährigen Bestehen der Schule geschrieben haben. Das Buch heißt: „Werden? Ich bin doch schon!“

Was bedeuten Ihnen ihre Preise? 

Preise bedeuten in dem Moment etwas, wenn man sie entgegen nimmt. Das ist eine Form von Wertschätzung. In dem Moment bin ich dankbar und dann geht das Leben weiter.

Ist das bei Chartplazierungen anders?

Die Nummer Eins zu sein, ist cool und macht Spaß. Aber auch das geht wieder vorbei und wird nie mein Leben bestimmen.

Ist Ihnen Erfolg dann überhaupt wichtig?

Ja klar, Erfolg ist auch wichtig. Und ich freue mich sehr, dass meine Songs mittlerweile in der dritten Generation gehört werden und seit 40 Jahren immer wieder aufs Neue über ausverkaufte Konzerte und goldene Schallplatten.

40 Jahre… Ist das nicht eine unglaublich große Zahl?

Mein 40-jähriges Bühnenjubiläum zu feiern, ist auf jeden Fall auf irgendeine Art unwirklich. Und dass ich dieses Jahr 58 werde — und in drei Jahren vielleicht 60 — fühlt sich auch nicht gerade greifbar an (lacht). Das Leben ist endlich oder auch nicht. Wir wissen nicht, was danach kommt. Das kann ja auch vielleicht noch mal schöner werden. Who knows ... Ich entscheide mich definitiv dafür, es mit Humor zu nehmen.

Finden Sie, dass der Tod in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema ist?

Leider haben wir nie gelernt, über den Tod zu sprechen und uns damit zu befassen. Ich finde es hart und traurig, dass dieser Austausch in unserer Gesellschaft praktisch nicht stattfindet, obwohl wir alle wissen, dass der Tod zum Leben gehört.

Welche Einstellung haben Sie zum Leben nach dem Tod?

Ich weiß, dass ich nichts weiß. Ich kann so tun, als ob ich es wüsste. Aber was bringt das? Auch beim Tod geht es mehr um das Vertrauen, als ums Wissen.

Ihr erster Sohn starb nach nur elf Monaten. Was haben Sie nach dem Tod ihres Sohnes gelernt?

Loslassen heißt nichts anderes als Abschied nehmen, und das ist auch für mich immer wieder eine echte Herausforderung. Ich finde das überhaupt nicht leicht, aber ich muss mich dem stellen, ob ich will oder nicht. Und bevor ich mich davor drücke, was sowieso nicht funktioniert, lasse ich diese Prozesse lieber zu, da bin ich auch oft streng mit mir.

Auf ihrem letzten Album ist der Song – „Bruder“ – in dem setzen Sie sich mit dem Tod auseinander.

Der Tod gehört zum Leben dazu. Wir kommen, um zu gehen. Die Erfahrung mit meinem ersten Kind bedeutete Schmerz und Trauer, aber auch ein völlig neues Leben, in dem ich mich zum ersten Mal intensiv mit dem Tod auseinandergesetzt habe. Wir leben in einer Welt, in der man leider nicht über den Tod spricht. Und dann steht man plötzlich davor, und es bricht über einen herein. Der Sohn und Bruder wird immer ein Teil von uns sein. In meinem Herzen hat er immer einen Platz, aber ich erwarte nicht, dass er oder andere geliebte Menschen, die bereits weitergegangen sind, immer da sind und um uns herumschwirren sozusagen ... (lacht). Ich möchte die Verstorbenen auch ruhen lassen und nicht versuchen, sie festzuhalten. 

Omas sind… in der glücklichen Lage, ihre Enkelkinder zu genießen, und sie dann wieder an die Eltern abzugeben (lacht)

Heiraten… ist in diesem Leben für mich vielleicht auch nochmal dran. 

Mode ist… für mich ein Ausdruck dessen, wie ich mich fühle. Mode ist etwas kreatives und bedeutet mir viel.

Ungeschminkt… bin ich auch mal super gerne, aber nicht im Fernsehen. Das traue ich mich nicht. (lacht)

Angst… ist immer dabei, aber hat nur manchmal das Sagen

Hamburg… ist meine City. Ich liebe diese Stadt.

Gabriele Susanne Kerner ist… ein Gesamtkunstwerk, zu dem auch Nena gehört.

Udo… Lindenberg ist ein alter Freund.

Nena geht auf Tour:  Die „Nichts Versäumt“-Tour macht im Frühjahr 2018 Station in 27 Städten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg. In Hamburg ist sie am Dienstag, 12. Juni 2018 im Stadtpark auf der Freilichtbühne. Mehr Infos und Tickets gibt es unter www.nena.de, sowie telefonisch unter 01806-777111.
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