Lightsleeper : Neil Finn: Erst Familiensache, dann Fleetwood Mac

Ein harmonisches Gespann: Neil & Liam Finn. /Pias
Ein harmonisches Gespann: Neil & Liam Finn. /Pias

Neil Finn ist einer der besten Popkomponisten der vergangenen 30 Jahre, aber seine Abenteuerlust verliert er wohl nie. Nach einem herausragenden Album mit Sohn Liam stellt er sich bald einer weiteren Herausforderung - als neuer Leadsänger von Fleetwood Mac.

shz.de von
27. August 2018, 11:57 Uhr

Kein Geringerer als der große Paul McCartney adelte vor einigen Jahren den jüngeren Kollegen Neil Finn: «Ich liebe seine Lieder», sagte der Beatles-Maestro über die Songschreiberkünste des Neuseeländers.

Kein Wunder, hatte Finn doch mit seiner Band Crowded House, aber auch solo einige der edelsten Popsongs seit McCartneys eigenen Geniestreichen komponiert. Nun schreibt er mit 60 ein neues Karrierekapitel - oder besser: gleich zwei. Und beide sind äußerst spannend.

Zunächst erscheint «Lightsleeper» (Pias/Inertia/Rough Trade) - das Debüt von Neil & Liam Finn, so der schlichte Name des gemeinsamen Projekts. Es ist etwas ganz Seltenes und klingt sehr berührend, wie sich Vater und Sohn hier zu einem Album auf perfekter Augenhöhe zusammenfinden.

Doch wer könnte dies besser ohne Patriarchengehabe hinbekommen als ein Familienmensch wie Neil Finn: Schon mit seinem älteren Bruder Tim nahm er harmonieselige Musik auf («Finn» von 1995, «Everyone Is Here» von 2004), zuletzt arbeitete er mit Ehefrau Sharon sowie den Söhnen Liam (34) und Elroy (30) an der zarten, melancholischen Balladenplatte «Out Of Silence» (2017).

Alle vier Finns spielen nun auch bei «Lightsleeper» mit - auf einem Album, das die melodische Brillanz des hocherfahrenen, hochsensiblen Popsongwriters mit der Nerd-Attitüde eines halb so alten Studiotüftlers vereint.

Ausgangspunkt war die Hochzeit von Liam Finn auf einer griechischen Insel vor drei Jahren. Aus dem rauschenden Fest entstand die Idee eines Vater-Sohn-Werks, wie man es sonst nur vom britischen Folkgitarristen Richard Thompson (mit Filius Teddy Thompson) und vom US-amerikanischen Wilco-Boss Jeff Tweedy (mit Schlagzeuger-Sprössling Spencer Tweedy) kennt.

«Es war riskant, weil wir beide ziemlich stur sind und pedantisch mit manchen Dingen umgehen», sagt der als Perfektionist bekannte Neil Finn. Doch bei den Aufnahmen, die in einer normalen Band mit zwei «Alphatieren» wohl schwierig geworden wären, entwickelte sich eine wunderbare kreative Dynamik, die man jedem der elf Lieder anhört.

«Wir wollten beide ein großartiges Album machen und haben es geschafft, jeweils das Beste aus dem Anderen herauszuholen», meint Liam Finn, der nach drei sehr respektablen Soloalben seit 2007 längst kein Lehrling mehr war. «So ergab sich eine wirklich positive, gesunde Spannung und Intensität.»

Songs wie der hymnische Opener «Island Of Peace», das rhythmisch komplexe «Where's My Room», das von der griechischen Ferienatmosphäre beeinflusste «Back To Life» oder «We Know What It Means» sind schon beeindruckend genug.

Seine volle Pracht erreicht das Album aber in den von Streicher-Arrangements und intelligenten Elektronikspielereien verzierten Balladen. «Meet Me In The Air», «Anger Plays A Part», «Listen», «Hiding Place», der traumhaft schöne Schlusspunkt «Hold Her Close» - McCartney dürfte sich in seinem Lob für Neil Finn bestätigt fühlen und Sohnemann Liam gleich mit einschließen.

Auf drei Stücken dieses herausragenden Albums spielt übrigens ein legendärer Schlagzeuger mit, den Neil Finn erst kürzlich so richtig kennengelernt hatte: Mick Fleetwood (71).

Die neue Freundschaft führte zu einem weiteren Abenteuer in der 40-jährigen Laufbahn des Mannes von «Down Under»: Der Engländer lud ihn ein, bei USA-Konzerten ab Herbst den männlichen Gesangspart von Fleetwood Mac zu übernehmen - also neben Stevie Nicks und Christine McVie. Kurz zuvor hatten sich die 70er-Jahre-Ikonen («Rumours», «Tusk») vom Frontmann Lindsey Buckingham getrennt.

Neil Finn empfindet den Live-Job bei Fleetwood Mac als «enorm schmeichelhaft» und herausfordernd. Seine Promotion für «Lightsleeper» wird dadurch in den nächsten Monaten gleichwohl stark eingeschränkt sein.

Aber es ist ganz typisch für die engen Finn-Familienbande, wie der unmittelbar betroffene Sohn mit der neuen Situation umgeht. Er habe seinen Vater «ermutigt, diese Chance zu ergreifen», sagt Liam Finn. «Es wäre doch lächerlich gewesen, nicht mit Fleetwood Mac zu spielen.»

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