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Musikpreis Echo 2017 : Naidoo moderiert, Frei.Wild sagt ab, Böhmermann lästert über „seelenlose Kommerzkacke“

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Die Musikindustrie feiert die kommerziell erfolgreichsten Künstler des Jahres. Doch der wichtigste deutsche Musikpreis sorgt auch in diesem Jahr wieder für Kontroversen.

shz.de von
erstellt am 06.Apr.2017 | 13:03 Uhr

Berlin | Kurz vor der diesjährigen Echo-Verleihung hat Moderator Jan Böhmermann (36) die deutsche Popmusikindustrie scharf kritisiert. Der wichtigste deutsche Musikpreis ehre zu oft „seelenlose Kommerzkacke“, beschwerte sich der Satiriker in einem Video, das am Donnerstag auf der Youtube-Seite seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ veröffentlicht wurde. Songs wie die des zweifach nominierten Sängers Max Giesinger zeichneten sich vor allem durch leere Songtexte und unverfängliche Inhalte aus.

In einem Satire-Video schmalzt der Moderator auch gleich einen aus Phrasen zusammengeklöppelten Standard-Song herunter - Berichten zufolge wählten dafür fünf Schimpansen Textbaustücke aus Zitaten von Youtubern sowie Kalendersprüchen.

Die deutsche Popmusik der letzten Jahre sei vom Schlager kaum noch zu unterscheiden, findet Böhmermann: „Gefühle abklappern, Trost spenden, Tiefe vorgaukeln, Millionen erreichen und verdienen und dabei immer schön unpolitisch und abwaschbar bleiben.“ Neben dem „Heile-Welt-Getue“ kritisierte er Schleichwerbung in Musikvideos und fragte: „Ist der Echo eigentlich der Preis der deutschen Musikindustrie oder der Preis der deutschen Industriemusik?“ Böhmermann hatte sich bereits kurz nach der Verleihung der Goldenen Kamera im März in seinem Spotify-Podcast über langweilige Preisverleihungen im deutschen Fernsehen beschwert.

Kurzum: Der Musikpreis Echo hat es diesmal sogar schon vor der Aufzeichnung der Verleihung (am Donnerstag 20 Uhr) geschafft, in die Kritik geraten.

Dabei bemüht man sich, den Preis „aufzufrischen“, nachdem im vergangenen Jahr die ARD die Preisvergabe aus dem Programm geschmissen hatte. Selbst den Öffentlich-Rechtlichen erschien die Gala als „erschöpft und müde“. Mit neuen Regeln, neuem Sender und einer stärkeren Jury soll sich das ändern. Das Neo Magazin Royale kritisiert aber bereits jetzt: „Es ist alles noch mehr Nazi, noch rechter, noch schlimmer als in den Jahren zuvor.“

Ende der „Helene-Fischer-Festspiele“: Das ist beim Echo geplant

Die Show in den Berliner Messehallen moderieren die Sänger Sascha und Xavier Naidoo. Die Gala wird aber erst am Freitagabend um 20.15 Uhr im Privatsender Vox gezeigt. Bisher hatte die ARD die Show im Ersten live übertragen, war aber nach mageren Zuschauerquoten ausgestiegen.

Das Hip-Hop-Trio Beginner geht mit vier Nominierungen als Spitzenreiter ins Rennen. Auftreten sollen unter anderem Udo Lindenberg mit BAP-Sänger Wolfgang Niedecken, die Amerikanerin Beth Ditto von der Indie-Band Gossip, die jetzt solo unterwegs ist, und Die Toten Hosen mit ihrer neuen Single „Unter den Wolken“.

Die Zahl der Preiskategorien wurde von 31 auf 22 gekürzt, auch die Auswertungsbasis hat sich geändert. Die Ausrichtung allein an den Verkaufszahlen hat den Preis inhaltsleer wirken lassen. Der wichtigste Musikpreis Deutschlands hatte so den spöttischen Namen „Helene-Fischer-Festspiele“ erhalten, denn die Schlagersängerin dominierte jahrelang den deutschen Massengeschmack. Schließlich wurden Albumverkäufe als Maßstab über den künstlerischen Anspruch gestellt. Zwar sind für die Nominierung noch immer die Verkaufszahlen entscheidend, die Jury bekommt bei der Preisvergabe aber mehr Gewicht, ihr Votum fließt neben dem kommerziellen Erfolg zu 50 Prozent in das Ergebnis ein. Zu den rund 500 Juroren gehören Journalisten, Händler, Produzenten, ehemalige Preisträger und Nominierte sowie Label-Vertreter.

Frei.Wild sagen ab. Auch dem Rassismus

Der Echo ist ein Preis für hohe Verkaufszahlen - und so tauchte die umstrittene italienische Band Frei.Wild immer wieder unter den Nominierten auf. Umstritten, weil der Sänger Philipp Burger in seiner Jugend rechtsradikaler Skinhead war. Heute distanziert er sich, die Vorwürfe wird er aber nicht los. 2013 war die Nominierung der Band für einen Echo höchstumstritten - andere Bands drohten mit einer Absage und so wurde Frei.Wild von der Liste der Nominierten genommen. Im Jahr darauf war die Nominierung immer noch sehr umstritten. Die Band sagte nach öffentlichem Druck bei der Verleihung ab. Im vergangenen Jahr nahm die Band den Preis entgegen und sorgte mit dem Mittelfinger abermals für Diskussionen.

In diesem Jahr wurde die Band offenbar sogar für die Jury angefragt, wie es in einem mittlerweile archivierten Dokument zu lesen ist. Eine Antwort auf die Frage, ob sie als Jury auch in Kategorien abstimmen dürfen, in denen sie selbst nominiert sind, konnte man beim Echo nicht geben.

Jurymitglieder: unentgeltlich mitstimmen und hunderte Euro Eintritt zahlen

Andere angefragte Jurymitglieder erheben allerdings Vorwürfe: Der Musikexpress ist mit dem Echo nie zimperlich gewesen. Umso überraschter war man offenbar, als eine Anfrage ins Mailpostfach trudelte, ob die Redaktion bei der Jury mitmachen möchte. Sowohl Chefredakteur Albert Koch als auch Fabian Soethoff folgten offenbar der Einladung und meldeten sich daraufhin als Jurymitglieder an. „Danach passierte wochenlang: nichts“, schildert Redakteur Fabian Soethoff in seinem Kommentar „Warum wir Teil der Jury beim ECHO 2017 wurden – und uns jetzt verarscht fühlen“. Irgendwann habe die Redaktion dann die Ankündigung erreicht, wann man abstimmen könnte - „und dass wir nun ,als Jurymitglied die Möglichkeit' haben, ,zum BVMI-Mitgliedspreis Tickets für die ECHO-Verleihung am 6.4. in der Messe Berlin zu erwerben'.“ Die Preise: Bis zu 750 Euro. Der Vorwurf: Der Echo wollte sich mit der Anfrage beim Musikexpress nut „gutstellen“ mit der Fachpresse - und zeitgleich ein paar Karten verkaufen. In der Pressestelle des Echo konnte man zu diesen Vorwürfe keine Stellungnahme abgeben.

Preis für das Lebenswerk: Die tatsächliche Ehrung

 

Gibt es denn tatsächlich nur „Kommerzkacke“ und Peinlichkeiten beim Echo? Nicht nur. Immerhin bemüht man sich beim Preis für das Lebenswerk um Integrität. Die Ehrung erhält Marius Müller-Westernhagen „als eine Persönlichkeit, die die deutschsprachige Rockmusik als Sänger, Songwriter und Performer maßgeblich und nachhaltig geprägt hat.“ Dieter Gorny vom Bundesverband Musikindustrie begründet das so: „Wie kaum einem Zweiten ist es ihm gelungen, die ursprüngliche, pure Energie von Rock’n’Roll und Rhythm and Blues kongenial auf Deutsch zu formulieren und kompromisslos mit einer völlig eigenständigen Authentizität aufzuladen.“ Man könnte also auch sagen: Der Echo 2017 wird mit dem Westernhagen geehrt.

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