Interview mit Tomte : Nackt durch Kiel rennen

Thees Uhlmann.
1 von 3
Thees Uhlmann.

Mit dem Album "Heureka" schnellte die Hamburger Band Tomte direkt auf Platz neun in den Charts. Mira Nagar sprach mit Sänger Thees Uhlmann über Erfolge und Dönerbuden-Poesie.

23-13374880_23-78006011_1456829164.JPG von
04. November 2008, 08:30 Uhr

Euer neues Album heißt Heureka. Archimedes ist nach diesem Ausruf nackt durch die Straßen gerannt. Wie wollt Ihr das toppen?
Nackt durch Kiel rennen! Ne. Naja zumindest haben wir es mit der Band verkraftet, dass zwei Leute ausgestiegen sind. Wir haben mehr zusammen gefunden. Und das ist auch eine Widmung an uns selber. Und dann hängt der Titel auch damit zusammen, dass ich festgestellt habe: Ich bin halt nicht mehr 25. Nicht mehr in diesem normalen Rock-Lyrik-Alter. Sondern ich bin jetzt 34 und schreibe trotzdem mit wahnsinniger Freude Texte. Das hat mich selber beruhigt, weil ich weiß, dass es wahrscheinlich noch mit 36, mit 40 - mit 44 Jahren geht. Das war mir dann selber ein Heureka wert.
In eurer neuen Single sagst du, "Ich fühl mich wie der letzte große Wal" im Song Heureka fühlst du dich wie ein Monolith - was hat das zu bedeuten? Diese großen Vergleiche
Die Leute wissen, dass ich ein normaler Typ bin. Die Leute wissen, dass ich nicht engelsgleich auf die Bühne geflogen komme, dann ein wahnsinnig exaltiertes unglaubliches Konzert spiele und dann wieder wegfliege, sondern dass es im Endeffekt vielleicht sogar ein Zufall ist, dass ich aus dem Publikum auf die Bühne gekommen bin. Der eine wird halt Handballspieler in Kiel, oder Lehrer und ich werd halt einfach Rocksänger. Ich bin mir aber auch bewusst, dass das Leben recht häufig sehr normal ist. Und dass man versuchen muss in diesem Leben eine Geschichte zu finden. Eine bestimmte Form von Größe, eine bestimmte Form von Wahrhaftigkeit. Und dass du in diesem normalen Leben Spitzen findest von Wahrhaftigkeit und Großem. Und geile Abende und so was. Und deshalb schreib ich nicht, "Ich Fühl mich wie ein Hausmeister, der das Krankenhaus aufschließt", sondern ich fühl mich wie ein Wal.
Was sind denn diese Alltagsspitzen?
Du triffst dich mit einem Freund, mit dem du abhängen willst, und plötzlich begreifst du, warum du mit genau dem abhängen willst. Weil er dir entspricht, weil er eine Ergänzung zu deiner Persönlichkeit ist, weil er gute Geschichten erzählen kann. Und ich sag dann: Das war der beste Abend seit zehn Wochen. So leb ich halt.
Das Album ist direkt auf Platz neun gegangen: Wie habt ihr gefeiert, als ihr die Charts gesehen habt?
Ich hab mich da zum ersten Mal in meinem Leben mit Absicht und Ansage abgeschossen.
Mit Korn und Sprite?
Nee, es war eine brisante Mischung aus Bier und Rotwein, soweit ich mich erinnere. Das ist der neue Trick: durcheinander trinken. Schreib das mal nicht. Doch schreib’s. Ist mir egal. Naja, es war wirklich stressig die zwei Wochen davor, weil ich Angst vor der Platte hatte
Wieso denn Angst?
(zögernd) Man kriegt halt ... Angst.
Dass die Leute die Musik nicht mögen?
Beim engeren Kreis wusste ich, dass sie es mögen. Aber... Es hängen halt schon ein paar Leben an der Platte. Die Leute, die für uns arbeiten...
Du bist auch Vater geworden. Du sagtest ja schon, diese ganzen Jugendgeschichten kommen nicht mehr so sehr vor...
Überhaupt nicht mehr!
Kommen jetzt die Vatergefühle in den Liedern zum Vorschein?
Ich hab schon gedacht: Du kannst den Leuten ja keine Vaterplatte zumuten. Was ja auch wahnsinnig unsexy ist. Aber was in meinem Hirn drin ist, das wird auch aufgeschrieben. Meine Tochter taucht vielleicht zwei Mal auf der Platte auf.
Gibt es schon Ideen für das nächste Album?
Erfahrungsgemäß dauert das immer etwas. Ich muss halt immer warten, bis mich etwas inspiriert. Das passiert normalerweise nicht, wenn ich im Tourbus sitze. Im Tourbus ist es schön und geil, aber es ist nicht inspirierend. Und da ich Texte nicht abrufe aus dem Thees-Uhlmann-Baukastensystem, muss man da einfach warten, bis die Kunst zu einem kommt.
Du setzt dich also nicht abends hin und starrst auf ein weißes Blatt.
Nee, ich gehe aber mit einem Künstlerblick durchs Leben. Es ist wichtig, wie man die Welt analysiert und wie man das Leben liest. Und die guten Sätze bleiben im Gehirn kleben und die schreibe ich dann auf. Zum Beispiel? Bei mir in der Straße ist ein Döner Imbiss. Der heißt Royal Chicken. Und da drunter steht: "Qualität ist nicht Zufall." Da muss man drüber nachdenken, das ist noch viel besser als: "Qualität ist KEIN Zufall". "Qualität ist nicht Zufall." Dieser Satzbau. Genial. Und genau gegenüber sitzt von morgens um neun, bis ich um halb drei wieder nach Hause gehe, ein Typ ohne Beine und raucht. Am offenen Fenster. Egal wie warm oder wie kalt das ist. Der sitzt da und raucht. Das sind Ideen, die ich auf jeden Fall schon auf dem Zettel habe.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen