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Ohne Zelt und Handy : Nachts allein im Wald – ein Selbstversuch

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine Nacht ganz allein im Wald weckt die Lebensgeister, heißt es. Unser Redakteur Martin Schulte hat es ausprobiert.

shz.de von
erstellt am 27.Okt.2017 | 17:02 Uhr

Die Stille kommt, wenn das Licht geht. Gerade eben noch war das Schnattern der Gänse zu hören, die irgendwo, weit entfernt, ihr Lager gefunden haben. Sie haben auf die Nacht gewartet, wie ich. Es ist kurz nach 21 Uhr an einem September-Tag, mitten in einem Wald bei Missunde im Kreis Schleswig-Flensburg. Vor einer Stunde habe ich mein kleines persönliches Experiment begonnen, eine Nacht allein im Wald, ohne Zelt, nur im Schlafsack.

Tagsüber hält sich der Mensch gern im Wald auf, er spaziert in der Natur umher, schaut nach Pflanzen und Tieren, genießt die Abgeschiedenheit und die Ursprünglichkeit. Nachts aber kehrt er in sein Haus zurück und verbirgt sich vor der Natur und ihren Unwägbarkeiten. Drinnen, in den eigenen vier Wänden ist es warm, hell, gemütlich und: sicher.

Es gibt einige Berichte über die besondere Erfahrung eines nächtlichen Aufenthalts im Wald, darin wird meist die Aktivierung der Sinne und die besondere Verbindung zur Natur beschrieben. Mat Hennek, der international tätige Fotograf, der auch Teil dieser Serie war, hat erzählt, wie wohltuend er seine gelegentlichen Übernachtungen im Wald empfindet: „Der Wald gehört zu unserem Leben, er ist unser Ruhepol, in dem wir zur Ursprünglichkeit zurückfinden. Wer im Wald schläft, kommt gewissermaßen nach Hause. Wenn ich im Schlafsack im Wald geschlafen habe, bin ich am nächsten Tag geradezu euphorisch.“ Ursprünglichkeit, Ruhe und Euphorie, das klingt gut.

Die Nacht kommt früher als erwartet

Ich habe mir einen Platz abseits der Wege gesucht, auf einer kleinen Lichtung, und mein Gepäck – Gartenliege, Schlafsack, Zahnbürste, Buch, Skihose (man weiß ja nie!) und kein Handy (man weiß ja genau!) – gemeinsam mit Michael, dem Fotografen, der anfangs noch dabei ist, durch den Wald geschleppt.

Das Tor am Eingang des Wirtschaftsweges, der den Wald in der Mitte teilt, lässt sich zwar öffnen, aber es ist der geplanten Naturerfahrung gewiss nicht zuträglich, mit dem Auto möglichst dicht an das Nachtlager heranzufahren. Also tragen wir den Krempel kilometerweit über schmale Pfade. Euphorie? Nun ja.

Als die Liege steht und der Schlafsack ausgerollt ist, beginnt das Warten auf die Nacht. Und sie kommt früher als erwartet. Über den Wipfeln der Bäume ist noch der taghelle Himmel zu sehen, als die Dunkelheit zwischen die Stämme kriecht. Die langen Schatten der Bäume wandern über den Waldboden, der, jetzt, da auch Kälte und Feuchtigkeit folgen, intensiv riecht – nach Moos und Blättern, Pilzen und Farnen, nach Zersetzung, ein schwerer, erdiger, süßlicher Duft.

Die Gesänge der Vögel verstummen allmählich, auch die Gänse in der Ferne schnattern nur noch leise. Um kurz nach 21 Uhr ist der Wald dann nachtschwarz und zunächst ganz und gar still. Nichts ist mehr zu hören als das eigene Atmen und der leise Wind, der ab und an durch die Äste fährt. Ein Flüstern, mehr nicht. Wenig später folgt ein leiser Flügelschlag, oben unter den Wipfeln, ein Nachtvogel vermutlich. Die Zeit verrinnt langsam im Dunkeln, während ich auf den Schlaf warte. Ich könnte die Taschenlampe anschalten und lesen, aber es ist ein komischer Gedanke, das einzige Licht in einem dunklen Wald in den Händen zu halten.

Dann kommen die Geräusche. Erst ein Nagen ganz in der Nähe, gefolgt von einem Rascheln. Plötzlich wechselt es die Richtung, dann erklingt es an verschiedenen Orten. Alles klingt anders als am Tag: das Knacken, das Trippeln, das Kratzen. In der Stille und Schwärze der Nacht wachsen die Geräusche – und mit ihnen, ganz von allein, auch die Verursacher. Der Hörsinn ist ganz offensichtlich kein Mutmacher. Ich liege ganz ruhig, bewege mich möglichst wenig, um nicht aufzufallen und gut hören zu können. Die Stämme der Bäume sind nur noch entfernte Schemen; weil der Blick keinen Halt mehr findet, scheinen sich die Schatten zu bewegen. Unruhige Gestalten, die am Rand des Blickfeldes entlangschleichen. Ich denke daran, dass ich das größte Raubtier in diesem Wald bin. Hoffentlich. Schließlich, nach gefühlten Stunden, trägt mich der Schlaf in unruhige Träume.

Schwarze, undurchdringliche Dunkelheit

Plötzlich schrecke ich auf. War da nicht ein Geräusch? Ich sitze ganz still. Lausche. Nichts ist zu erkennen in dieser schwarzen, undurchdringlichen Dunkelheit. Ein halber Mond steht über dem Wald, aber sein Licht schafft es nicht durch das Blätterdach. Mein Puls schlägt schnell, ich spüre, wie der Schweiß aus den Poren kriecht. Da erklingt links von mir ein Klacken, als wenn Holz auf Holz geschlagen wird. Dann ein Schnüffeln, gefolgt von einem Schmatzen. Das ist der Moment, in dem ich aufspringe. Ich ertaste die kleine Taschenlampe, die links von meinem Schlafsack im Moos liegt, schalte sie ein und leuchte in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Nichts. Ich erkunde die Umgebung. Der Lichtkegel der Lampe schneidet kleine, helle Flecken aus dem großen Dunkel, aber nichts ist zu sehen. Die Stille ist zurück. Ich schaue auf die Uhr: 23.45. Diese Nacht scheint lang zu werden. Und ich erfahre am eigenen Leib, warum sich so viele düstere Geschichten um den Wald ranken.

Irgendwann kehren die Geräusche zurück, das Klacken, das Knacken, das Ächzen, das Scharren und Schnüffeln ganz in der Nähe. Ich lausche konzentriert – und angespannt. An Schlaf, so viel ist sicher, ist nicht zu denken.

Als ich das nächste Mal erwache, singt ein Vogel. Ein zweiter stimmt ein. Die Kälte ist zu mir in den Schlafsack gekrochen, aber das ist nicht schlimm, denn die Helligkeit sickert wieder in den Wald ein. Ein dünner Nebel liegt über dem Boden und umfasst die Stämme der Bäume, die im ersten Licht des jungen Tages schon gar nicht mehr bedrohlich wirken. Ich schaue auf die Uhr, es ist kurz vor sechs. Die Nacht ist vorbei, und ich bin froh darüber. Ich stehe auf und packe meine Sachen.

Während ich zum Wagen zurückgehe, denke ich über die vergangenen Stunden nach. Was hatte ich erwartet? Eine ursprüngliche, eine positive Erfahrung. Ruhe und vielleicht sogar Euphorie, wie es mir versprochen wurde. Nein, das überwiegende Gefühl war ein latentes Unbehagen, das – im wahrsten Wortsinne – bei Lichte betrachtet fast lächerlich wirkt. Die Nacht hat den Ton dieses Textes verändert.

Auf der Heimfahrt kommt sie dann doch noch, die Euphorie – bei dem Gedanken daran, dass ich mich zu Hause noch kurz in mein warmes und gemütliches Bett legen kann.

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