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Sommeroper auf dem Rathausmarkt : „Nabucco“: Eine italienische Nacht in Kiel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Tausende verfolgen die Premiere der Sommeroper „Nabucco“ auf dem Rathausmarkt und an anderen Plätzen in der Landeshauptstadt.

shz.de von
erstellt am 24.Aug.2015 | 10:37 Uhr

Kiel | Giuseppe Verdi, Open Air? Nicht nur Ministerpräsident Torsten Albig denkt dabei an die Arena von Verona. Dort darf man in der nunmehr 93. Saison Außergewöhnliches erwarten. Ob Veronesen im Zusammenhang mit Freiluftkultur an Kiel denken, weiß man nicht. Für die Norddeutschen indessen ist die Landeshauptstadt Pilgerstätte für amore, passione e opera auf dem Rathausmarkt. Mit Verdis „Nabucco” ist dort jetzt das Sommertheater in seine vierte Saison gestartet. Die Premiere war ein Triumph und beinahe von italienischem Format.

„Tosca“, „Der Troubadour“ und das Musical „Romeo und Julia“ waren es in den vergangenen Jahren, nun hat sich das Sommertheater an jenes Werk gemacht, das Verdi 1842 quasi über Nacht zum Weltruhm katapultierte. „Nabucco“, das ist die Geschichte vom Streben des jüdischen Volkes nach Befreiung aus babylonischer Knechtschaft, das ist eine Portion Liebe und Gemetzel im Dreivierteltakt, das sind betörende Chöre inklusive des berühmtesten aller Opernchorgesänge, dem Gefangenenchor „Va, pensiero“.

Und mögen die Solisten noch so wunderbar sein, auf diesen Moment wartet das Publikum. „Jetzt! Jetzt!“, zischelt es im dritten Akt, das prachtvollste aller Bilder hat sich nach Art der Alten Meister aufgebaut, bühnenbreit steht der Chor hinter stilisierten Gitterstäben und besingt die Sehnsucht nach Freiheit. Wer da keine Gänsehaut bekommt, muss aus Stein sein.

Regisseur Olaf Strieb ist eine beeindruckende Inszenierung gelungen. Der Chor ist Star trotz der grandiosen Solisten, bei der Premiere Dario Solari als Titelheld und besonders Alessanda Giola, die der Rolle der Abigaille nicht nur ihren imposanten Sopran, sondern auch eine ebensolche Mimik verleiht; Cristina Melis, die als Fenana zusammen mit ihrem Geliebten Ismaele (Yoonki Baek) zwischen die Mühlsteine Politik und Liebe gerät, Mattia Denti als Hohepriester der Hebräer, Christoph Woo als Oberpriester des Baal.

Ausstatter Heiko Mönnich schafft für die nicht unbedingt schlüssigen Wirrungen ein klares Bild: Eine bühnenhohe Schriftrolle, die sich zum Bruch göttlicher Gebote teilt und den Tyrannen Nabucco herauslässt, zwei mobile Treppen rechts und links, die sich jeweils mit Protagonisten an Bord zum Zentrum eindrehen, ein babylonischer Thron, dessen Lehne wie ein Fallbeil aussieht (und der gegen Ende zerstört wird). Kein Schnickschnack, keine Schnörkel. Man vermisst nichts.

Höchstens den Blick auf das Philharmonische Orchester Kiel, das mit dem Italiener Francesco Cilluffo am Pult in einem Zelt neben der Bühne untergebracht ist und dessen Spiel wie die Stimmen per Lautsprecher übertragen werden. Irritieren kann das jedoch bestenfalls bei guter Witterung. Bei starkem Wind und Feuchtigkeit ist dieser Schutz dagegen Garant für gleichmäßigen Wohlklang.

Dieser „Nabucco“ ist ein Genuss. Die Premierenzuschauer versicherten das mit Standing ovations und Daniel Karasek freut sich: Rund 1300 haben auf dem Rathausplatz für „volles Haus“ gesorgt, tausende andere sind zum Blücher- und Vinetaplatz, in den Bootshafen und nach Mettenhof gepilgert, wohin die Aufführung auf große Leinwänden übertragen wird.

Der Zugang zum Blücherplatz habe schließlich gesperrt werden müssen, weil dessen Fassungsvermögen mit 5000 Besuchern erreicht war, so der Generalintendant, der den „Kielerinnen und Kielern“ für ihre Begeisterung dankte – und vor lauter Premierenglück die Besucher aus dem Rest des Landes, aus Hamburg und die Touristen vergisst, für die Kiel eine Nacht lang das Verona des Nordens war.
 

Weitere Aufführungen: Vom 25. bis einschließlich 30. August, jeweils 20 Uhr auf dem Rathausmarkt, Kiel. Kartentelefon: 0431 901901.

 

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