zur Navigation springen

Tag der Muttersprache : Mit Video: Unsere Lieblingswörter der deutschen Sprache

vom

Einige sind einzigartig, andere dürfen partout nicht aussterben: shz.de mit einer Hommage an deutsche Wörter.

Flensburg | Die deutsche Sprache hat nicht den besten Ruf. Sie ist schwer zu lernen, und Ausländer, die uns Deutsche reden hören, denken, man würde sich permanent streiten, weil es sich so hart anhört. Der Beweis ist die Existenz solcher Videos:

Doch die deutsche Sprache bietet einen Reichtum, den viele andere Sprachen vermissen lassen. Der Standardwortschatz umfasst rund 70.000 Wörter. Im Duden finden sich rund 135.000 Wörter. Die Duden-Redaktion geht allerdings von sogar 300.000 bis 500.000 deutschen Wörtern aus. Im „Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache“ (DWDS), erstellt von der Berliner Akademie für Wissenschaften, sind es sogar noch mehr. DWDS-Leiter Wolfgang Klein schätzt den deutschen Wortschatz auf sagenhafte 5.328.000 Millionen Wörter. Zum Vergleich: Das „Oxford Dictionary of English“ weist etwa 620.000 Stichwörter auf. Forscher schätzten den englischen Wortschatz 2010 auf rund eine Million Wörter. Der „Grand Robert“ beschreibt 100.000 französische Stichwörter.

Viele Wörter sind dabei beliebig kombinierbar, was immer neue Wortschöpfungen möglich macht. Fördewasserfiltrieranlagenfiltersystem zum Beispiel. Die rund 100 Millionen deutschen Muttersprachler weltweit haben also viel Raum, sich sprachlich zu entfalten. Wir werden im Ausland um zahlreiche Wörter beneidet, die es eben nur im Deutschen gibt, und die sich nicht ins Englische übersetzen lassen. Es sind besondere Wörter, die die Einzigartigkeit unserer Sprache auszeichnen.

„Weltschmerz“ ist so ein Wort. Es ist ein Gefühl der Niedergeschlagenheit und Teilnahmlosigkeit, die aufkommt, wenn man die tatsächliche Situation in der Welt mit einer gewünschten vergleicht. Es ist eine Art Melancholie und Traurigkeit, die alle vermutlich schon einmal gefühlt haben. Viele Sprachen übernehmen das deutsche Wort in den Sprachgebrauch.

Oder das Wort „Fernweh“. Es ist das melancholisch-traurige Gefühl, an einem anderen Ort weit weg sein zu wollen. Eine Sehnsucht, die sich mit Worten kaum beschreiben lässt – außer im Deutschen. Das Gegenteil ist „Heimweh“. Passend dazu gibt es auch die „Wanderlust“ – das Verlangen zu reisen.

„Torschlusspanik“ ist die Angst, wichtige Gelegenheiten zu verpassen. Gerade wenn man älter wird und einem die Zeit davon zu laufen scheint. Wenn man Dinge in seinem Leben ändern möchte, muss dann der „innere Schweinehund“ überwunden werden. Vom Sofa aufzustehen und ins Fitnessstudio zu gehen bedarf eben einer gewissen Überwindung. Schafft man es nicht, bleibt man faul. „Inner pig dog“ – so ein Blödsinn.

 

„Schadenfreude“ ist noch so ein schönes Wort. Rennt jemand vor eine Glastür im Glauben, sie sei offen, oder jemandem fällt die Kugel Eis von der Waffel auf den Boden, breitet sich bei einigen ein Gefühl der Freude über das Pech der anderen aus. Manchmal empfindet man auch Scham für andere. Das nennt sich dann „Fremdschämen“. Das Wort gibt es, wie die Schadenfreude, nur im Deutschen.

 

Der Wunsch, etwas in Ordnung zu bringen oder zu reparieren, und es im Endeffekt zu „verschlimmbessern“, ist ein ebenfalls einmaliges Wort. Nach dran kommt eben ab. Es ist auch klar, dass man demjenigen mit etwas „Fingerspitzengefühl“ beibringen muss, dass sein Vorhaben es nicht besser macht.

Ein Lied, das dir nicht mehr aus dem Kopf geht, nennt man hierzulande „Ohrwurm“. Dafür braucht man anders als in anderen Sprachen nur ein Wort. Im Englischen hat so ein Song dann einen „catchy tune“ – aber auch hier bürgert sich die wörtliche Übersetzung aus dem Deutschen – „earworm“ – langsam ein.

 

Ideen, die im Zuge von erhöhtem Alkoholgenuss entstehen oder so dämlich sind, dass eigentlich nur ein Betrunkener sie erdenken konnte, bezeichnen Deutsche liebevoll als „Schnapsidee“. Die entstehen allerdings nicht nur an „Brückentagen“. Denn wer hier Urlaub nimmt, hat meist ein langes Wochenende und kann bei Alkoholgenuss auf dumme Ideen kommen.

Auch für die Redaktion von shz.de gibt es Wörter, die unbedingt im Sprachgebrauch erhalten bleiben müssen, weil sie besonders und einzigartig sind. Weil es so viele gibt, hier eine Auswahl:

Da ist die „Zuversicht“, eines der Lieblingswörter von Mira Nagar. Es beschreibt das feste Vertrauen in eine positive Entwicklung der Zukunft und die Erfüllung bestimmter Wünsche und Hoffnungen. Ebenfalls erhaltenswert ist für sie „Tüdelbüdel“ (een de lüggt oder Dummtüüg snackt). Bunt gemischte Komposita aus der Behördensprache sind zwar nicht unbedingt hübsch, machen die Sprache aber durch Länge und einen ungewollt komischen Verwirrungsmoment unverwechselbar – zum Beispiel der Begriff „Stehlgutwiedererkennung“ aus einer aktuellen Polizeimeldung. Dabei sind von Einbrüchen betroffene Bürger aufgerufen, sichergestelltes Diebesgut zu identifizieren.

Für Redakteur Maximilian Matthies ist „eigentlich“ ein schönes Wort. Es ist universell einsetzbar und dabei eigentlich gar nichts besonderes. Als Hamburger ist „Moin“ ein weiterer Favorit. Eigentlich ist die Grußformel nahezu perfekt und passt zum Wesen der Norddeutschen. Er ist kurz, knapp und rund um die Uhr einsetzbar. Als Fan des Hamburger SV glaubt er auch an „Wunder“ – ein kurzes Wort mit großer Wirkung, das positive Gefühle auslöst.

„Gedöns“ steht im Duden als „Aufheben oder Getue um etwas machen“. Für Redakteurin Anja Christiansen ein tolles Wort, dem sie noch weitere Bedeutungsebenen eingeräumt hat. Gedöns ist für sie greifbarer oder auch emotionaler „Krimskrams“.

Gedöns
Gedöns Foto: Imago/Imagebroker
 

Für Gerrit Hencke ist die „Momentaufnahme“ als leidenschaftlicher Fotograf ein beeindruckendes Wort, das eine tiefgründigere Bedeutung hat, als die bloße Aufnahme eines Fotos mit kurzer Belichtungszeit. Eine Momentaufnahme hält einen bestimmten Augenblick fest. Dieser Moment ist danach Geschichte – egal ob er von großer Bedeutung war oder nicht. Auf dem Bild ist ein Ist-Stand zu sehen. Eingefrorene Zeit. Ein Moment, der sich nur Sekunden später nie wieder so reproduzieren lässt. Und dann ist da noch die „Wahlheimat“. Das  Gefühl sich an einem Ort oder in einem Land zu Hause zu fühlen, ohne dort geboren worden oder aufgewachsen zu sein. Die gewählte Heimat gibt einem ein Gefühl von Geborgenheit, Wärme und Vertrautheit.

 

Für „Airbases“ und „Aerodromes“ ist in der deutschen Sprache kein Platz, meint Götz Bonsen. Dafür steht der „Fliegerhorst“. Das Adlernest der Piloten bekommt durch dieses liebe Wort assoziative Nebenbedeutungen wie Geborgenheit und Nestwärme. Und wäre da ja noch dieser ulkige Gleichklang mit dem Namen Horst... Wenn irgendwann aus Gründen der Anpassung ein Anglizismus her muss, dann bitte Airhorst. In der synchronisierten Fassung von „Verrückt nach Mary“ stößt man auf den „Stelzbock“, eine Übersetzung von „Stalker“. Der Stelzbock ist demnach jemand, der einer anderen Person wie auf Stelzen nachsteigt und dazu ein (notgeiler) Bock ist. Haken bei dieser Begrifflichkeit ist, dass es auch weibliche Stalker gibt. Dafür könnte man die „Stelzricke“ etablieren.

Auf dem Fliegerhorst Jagel erhalten die Piloten künftig das Rüstzeug für den Kampfjet Tornado.
Auf dem Fliegerhorst Jagel erhalten die Piloten künftig das Rüstzeug für den Kampfjet Tornado. Foto: Michael Staudt/grafikfoto.de
 

Der alte Greis, eine runde Kugel, das weiße Schimmel – manch einer nennt diese Begriffe redundant oder einen Pleonasmus. Dabei gibt es doch ein viel schöneres Wort dafür: „doppeltgemoppelt“, unnötig zweimal genannt, findet Redakteurin Christina Norden. Doppeltgemoppelt – wunderbar melodisch. Ein Wort von künstlerischer Einzigartigkeit. Mit zweifacher „pp“-Kombination in sich doppeltgemoppelt. Dem Erfinder gebührt eine La-Ola-Welle, alles andere als stillschweigend. Einen Düsenjet soll er als Gratis-Geschenk bekommen. Das ist schlussendlich vorprogrammiert. Einfach herrlich diese doppeltgemoppelten Wörter.

 

Die genaue Herkunft von „doppeltgemoppelt“ ist allerdings ungeklärt. Möglicherweise geht der Begriff auf das Substantiv „Moppel“ zurück, das umgangssprachlich „dicke Menschen“ bezeichnet. Andere Erklärungen führen das Verb „moppeln“ als Synonym für Geschlechtsverkehr ins Feld. Ein Internetnutzer namens „Gaspar“ mutmaßt in einem Forum, doppeltgemoppelt könnte „zweimal befruchtet“ heißen. „Das ist bei uns Menschen tatsächlich sinnlos, denn im Normalfall ist nach der ersten Befruchtung erstmal Pause bis es zu einer weiteren Befruchtung kommen kann.“

Dieses Wort verbindet Gefühle und Poesie so gut wie kein anderes: „Herzschmerz“. Zwei sich reimende Wörter, zusammengesetzt zu einem, das sich kein Dichter besser hätte ausdenken können, findet Anna Gellner. Man muss nicht vom Liebeskummer befallen sein, um vom Klang dieses Wortes berührt zu werden. Es versetzt den Hörer zugleich zurück in ein vergangenes Jahrhundert. Dabei hat der Herzschmerz nichts an seiner Aktualität eingebüßt. So wie die Liebe selbst wird dieses Wort also wohl sobald nicht aussterben.

Und wie sieht es auf der Straße aus? Was sind Lieblingswörter der Schleswig-Holsteiner? Wir haben sie gefragt.

zur Startseite

von
erstellt am 21.Feb.2017 | 17:51 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen