Liebeserklärung : Milliarden erobern mit Album «Berlin» die Stadt zurück

Ben Hartmann und Johannes Aue tragen Berlin im Herzen. 
Ben Hartmann und Johannes Aue tragen Berlin im Herzen. 

Zwei Jahre mussten die Fans der Berliner Band Milliarden auf das neue Album warten. Nun erscheint es, passenderweise mit dem Titel «Berlin». Die Songs sind eine raue Liebeserklärung an die Stadt.

shz.de von
01. Juni 2018, 13:28 Uhr

Ganz oben, hoch über Berlin flirrt die Luft. Es riecht nach Abgasen, Pommesbude und irgendwie auch nach Sommer. Hochhäuser, Abrissbirnen und Baukräne, die wie Mahnmale aus den Häuserfluchten ragen.

Neues verdeckt das Alte, Moderne steht neben Geschichte. Die Rockband Milliarden ist zum dpa-Interview aufs Dach gekommen. Hier haben die Berliner ihre Stadt im Blick, zärtlich und wütend.

«Wir wollen Wunden aufreißen, um reinzuschauen. Darin liegt die Sehnsucht des Ortes, an dem wir groß geworden sind», sagt Sänger Ben Hartmann, der auch auf dem zweiten Album «Berlin» mit seiner leidenschaftlichen, rauen Stimme so sehr an Ton-Steine-Scherben-Sänger Rio Reiser (1950 - 1996) erinnert. «Berlin hat eine äußere und eine innere Architektur. Alles wird überbaut, ohne zu fragen, wer wir waren und wer wir sein wollen. Es gibt spannendere Art und Weisen, mit der Stadt umzugehen», findet der 31-jährige Hartmann.

Mit ihrem neuen Album haben Milliarden das versucht. Es ist ihre Liebeserklärung an eine «unruhige und sterbende Stadt». Die Musiker verschmelzen Postpunk und Pop mit kantigen, ehrlichen Texten, direkt von der Straße ins Herz. Einer der stärksten Songs des Albums erzählt von «Rosemarie», die betrunken Touristen auf der Warschauer Straße erschreckt. In «Ultraschall» entscheiden sich zwei Liebende, ihr gemeinsames Kind abzutreiben. Der Text schmerzt, verunsichert. In «Über die Kante» besingt Ben den Traum von der Freiheit, der an Investoren verhökert wird. Milliarden beschreiben eine Stadt, die es so in ein paar Jahren nicht mehr geben wird.

Auch auf diesem Album ergänzen sich die beiden Freunde, Keyboarder Johannes Aue und der aus dem Punk kommende Gitarrist und Sänger Hartmann, gut. «Ab und zu kommt ein Wort um die Ecke geflogen und bleibt», beschreibt Ben die Entstehung der Texte. Sie erzählen vom «Wegwollen» und doch «Klebenbleiben», vom «sich fremd fühlen» und einer tiefen Verbundenheit mit Berlin.

Nicht nur wegen ihrer Authentizität füllen Milliarden inzwischen große Konzertsäle und spielen auf prominenten Festivals. Die Fans honorieren offenbar auch, dass Musik und Liveauftritte für die Band immer noch eine riesige Spielwiese sind. «Wir werden nicht professionell mit dem, was wir tun», behaupten Hartmann und Aue und weisen auch gleich noch einmal auf ihre wachsende Unprofessionalität an den Instrumenten hin.

Das ist sicher etwas tief gestapelt, denn ihre Live-Qualitäten kann die Band in diesem Sommer bei «Rock im Park» und «Rock am Ring» wieder unter Beweis stellen. Und wer sein Album einfach frech «Berlin» nennt, ist entweder schlau oder naiv und uncool. Oder wie Milliarden - der Stadt mit Leib und Seele verfallen.

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