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Suche nach Identität : Miljenko Jergovic und eine unerhörte Familiengeschichte

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In jeder Familiengeschichte steckt alles Wichtige der Weltgeschichte, sagt Miljenko Jergovic. Daher hat der bosnische Schriftsteller «Die unerhörte Geschichte seiner Familie» niedergeschrieben - und kämpft so erneut gegen Hass, Intoleranz und Faschismus an.

Es ist ein opulentes Werk: Auf rund 1000 Seiten hat der preisgekrönte bosnische Schriftsteller Miljenko Jergovic (51) die «Die unerhörte Geschichte meiner Familie» erzählt. Es ist ein Roman über die Suche nach Heimat und Identität im ehemaligen Jugoslawien.

Jergovic, in Sarajevo geboren, erzählt in seinem Werk die Geschichte der Familie seiner Mutter und verfolgt dabei detailliert die Lebenswege zahlreicher Verwandter. Allesamt sind es Erzählungen über verschiedene Kulturen, die zwischen Krieg und Frieden spielen und von Flucht und Heimat berichten. Dabei schreckt der Autor nicht vor den dunklen Seiten der bosnischen und kroatischen Geschichte, etwa dem Massaker von Srebrenica, zurück.

Jergovic folgt jedem noch so kleinen, teils plötzlich auftauchenden Erzählstrang und erzeugt einen Roman in miteinander eng verwobenen Abschnitten - ganz gemäß dem mündlichen, von Assoziationen geleiteten Erzählen. Glatt geschliffen ist in diesem Werk wenig - leicht zu verfolgen ist die Geschichte dadurch ebenfalls nicht. Doch der Leser kann das Abwägen vieler Ideen und den Weg hin zur Einordnung des Erzählten mitverfolgen - auch ein amüsanter Einblick in die Gedankenwelt des Autors.

Jergovic lebt seit 1993 in Kroatien. Doch einer von ihnen - den Kroaten - werden, das könne er nicht, schreibt er. Als dort sein Werk 2013 erschien, fielen die Kritiken sehr unterschiedlich aus. Nicht zuletzt, weil Jergovic sich immer schon sehr kritisch mit der kroatischen Kultur beschäftigte. In den 1990er Jahren sei es ein Land des Hasses gewesen, die Fahne demütige eher die Verlierer als dass sie die Sieger ehre - Jergovics Kritik im Roman ist meist offenherzig und unübersehbar.

Dabei leitet ihn eine klare Idee: Jergovic schreibt auch in «Die unerhörte Geschichte meiner Familie» gegen jede Form von Intoleranz, Hass und Faschismus an - dafür ist er gelobt worden. «Ich finde es furchtbar, mir anzuhören, dass die Moslems aus dem Osten angeblich unsere europäischen Identitäten in Gefahr bringen», sagt der Autor. Die Geschichte seiner Familie ist ein hautnahes Argument, um diese Ansicht zu untermauern. 

- Miljenko Jergovic: Die unerhörte Geschichte meiner Familie, Schöffling & Co., Frankfurt/Main, 1144 Seiten, 34,00 Euro, ISBN 978-3-89561-396-8.

Die unerhörte Geschichte meiner Familie

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erstellt am 30.Mai.2017 | 15:13 Uhr

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