Mit viel Humor gewürzt : Melancholisch und charmant: «Die Melodie meines Lebens»

Antoine Laurain und «Die Melodie meines Lebens». Hoffmann und Campe Verlag
Antoine Laurain und «Die Melodie meines Lebens». Hoffmann und Campe Verlag

Alain bekommt einen Plattenvertrag für seine Band Hologrammes - nur leider drei Jahrzehnte zu spät. Damit beginnt für ihn eine aufregende Reise in die Vergangenheit zu den verschwundenen Bandmitgliedern

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02. Januar 2018, 16:45 Uhr

«Was wäre wenn?» - Diese Frage hat sich wahrscheinlich jeder schon einmal gestellt. Welche Macht hat das Schicksal, der Zufall in unserem Leben? Und wo stünden wir, wenn an einem entscheidenden Punkt in unserer Biografie die Dinge anders gelaufen wären?

Diese fast schon existentiellen Fragen greift Antoine Laurain in seinem neuen Roman «Die Melodie meines Lebens» anhand der Geschichte einer Musikband auf. Das macht er gewohnt charmant, wenn auch mit melancholischem Unterton.

Die Bücher des französischen Meisters romantischer Komödien sind seit einiger Zeit auch bei uns sehr beliebt: «Liebe mit zwei Unbekannten» und «Der Hut des Präsidenten» wurden auf Anhieb Bestseller. Laurains Spezialität sind Humor, vor allem eine spezielle Situationskomik, ein raffinierter Aufbau mit diversen Überraschungsmomenten und liebevoll entwickelte Charaktere. Einiges davon findet sich auch wieder in dem neuen Roman, doch ist er eindeutig breiter angelegt, versucht er doch auch, eine Art Gesellschaftspanorama zu entwickeln.

Im Mittelpunkt steht der Arzt Alain. Eines Tages bekommt er einen merkwürdigen Brief. Alain glaubt seinen Augen nicht zu trauen, denn das Schreiben ist 33 Jahre alt! Darin bietet die Plattenfirma Polydor der Musikgruppe Hologrammes einen Plattenvertrag an. Dumm gelaufen, denn die New-Wave-Band, in der Alain einst Gitarrist war, hatte von ihrem Glück nie etwas erfahren und sich wegen Erfolglosigkeit aufgelöst.

Alain gerät ins Träumen. Was wäre gewesen, wenn sie das Schreiben damals erreicht hätte, wären sie berühmt und reich geworden? Elektrisiert macht er sich auf die Suche nach der damaligen Aufnahme und den anderen Bandmitgliedern. Und das findet er vor: Einen arroganten und verbitterten Künstler, einen melancholischen, an der Moderne verzweifelnden Antiquar, einen Thailand-Auswanderer und einen rechtsradikalen Parteiführer. Und schließlich ist da noch Bérangère, die Sängerin, in die Alain damals verliebt war, die sich dann aber leider für den schillernden JBM entschied. Dieser ist inzwischen zu einem Internet-Guru aufgestiegen und bewirbt sich sogar um das Präsidentenamt.

Die Begegnungen mit den ehemaligen Bandmitgliedern sind ernüchternd, wenn nicht gar verstörend. Einige kann Alain schon äußerlich kaum noch wiedererkennen, andere haben sich in ihrer Persönlichkeit so bizarr entwickelt, dass es kaum vorstellbar scheint, dass sie in ihrer Jugend zusammen in einer Band spielten.

Laurain versucht sich hier in einer Art Gesellschaftsporträt. Das ist aber nur zum Teil gelungen. Denn die meisten Figuren sind stark überzogen. Das gilt ganz besonders für Sébastien Vaugan, der zu einer mussolinihaften Karikatur der militanten, nationalen Rechten geraten ist.

JBM wiederum erscheint als eine Mischung zwischen Steve Jobs und Emanuel Macron. Wer wollte in dem brillanten Außenseiter, der an den alten Parteieliten vorbei ganz unkonventionell und dank seines Charismas zum Präsidentenkandidaten aufsteigt, nicht Parallelen zum derzeitigen Präsidenten sehen? Doch auch diese Figur wirkt eher wie ein Abziehbild.

Überzeugender ist der melancholische, in die Vergangenheit verliebte Antiquar Pierre, der so tragisch an den Herausforderungen der Gegenwart scheitert. Die nicht ganz stimmige, schematische Figurenzeichnung ist also ein Manko dieses Romans. Trotzdem kann man ihn wegen vieler gelungener humorvoller Passagen und der geschickt gesetzten Überraschungsmomente mit Gewinn lesen. Zur Belohnung wartet eine gewagte Auflösung.

- Antoine Laurain: Die Melodie meines Lebens, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 256 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-455-60052-0.

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