Zirkus : Mehr als ein Beruf: Clown bei Roncalli

Abgeschminkt: David Larible beschleicht am Ende der Vorstellung die Melancholie.
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Abgeschminkt: David Larible beschleicht am Ende der Vorstellung die Melancholie.

David Larible gehört weltweit zu den ganz großen Clowns. Noch bis zum 28. September gastiert der Italiener mit dem Kölner Circus Roncalli in Kiel.

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15. September 2008, 04:39 Uhr

Der 11. September 2001 hat sich auch David Larible ins Gedächtnis gebrannt: Kurz nachdem der Clown davon erfuhr, dass Terroristen mit einem Passagierflugzeug die Twin Tower des New Yorker World Trade Centers zum Einsturz gebracht hatten, musste er in die Manege, um die Menschen zum Lachen zu bringen. "Ich hatte wirklich Angst davor", sagt der 51-Jährige. "Aber die Menschen waren einfach nur dankbar dafür, einen Augenblick lang all das Schreckliche vergessen zu können." Auch die Befürchtung, dass das Publikum - geschockt durch die Terroranschläge - nun wegbleiben könnte, bewahrheitete sich nicht: "Im Gegenteil", sagt Larible. "Es kamen sogar mehr Familien als vorher. Es ist einfach so, dass schwere Momente die Menschen wieder stärker zusammenbringen."

Der Italiener, der mit dem Kölner Circus Roncalli noch bis zum 28. September in Kiel gastiert, ist eine internationale Größe. Er hatte unter anderem Engagements am Schweizer Circus Nock, am französischen Circus Bouglione und bei Circus Krone. 1999 erhielt er beim Internationalen Circusfestival in Monte Carlo den begehrten "Goldenen Clown" - der "Oscar" für Artisten.
Sechste Generation beim Zirkus

David Larible kommt aus einer italienischen Artistenfamilie, die bereits in der sechsten Generation beim Zirkus arbeitet. Sein Vater, ein berühmter Trapezkünstler und Jongleur, arbeitet heute als Professor an der italienischen Circus-Akademie. Neben seiner Muttersprache Italienisch spricht Larible fließend Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Englisch und Deutsch.

2001 hatte Larible sogar einen kurzen Auftritt im Film "Oceans Eleven". Auch im deutschen Fernsehen war er häufig zu sehen: In Freddy Quinns Sendung "Circus - Tiere, Clowns und Akrobaten" war er Stammgast, auch bei "Stars in der Manege" wirkte er mit.
Limusine statt Zirkuswagen

Zwölf Jahre lang arbeitete er in den USA für "Ringling Bros. and Barnum & Bailey", den größten Zirkus der Welt. Statt im Zirkuszelt trat er in Stadien auf. Im berühmten Madison Square Garden in New York brachte er 20.000 Menschen zum Lachen."Es war alles sehr glamourös", sagt Larible: Ich wurde jeden Abend in einer großen Limousine abgeholt und trat vor Zehntausenden von Menschen auf. Das war natürlich fantastisch fürs Ego.Aber eines Tages konnte ich kaum noch auf die Bühne gehen, ich musste mich regelrecht zwingen. Ich vermisste einfach dieses Gefühl, dem Auftritt in der Manege entgegenzufiebern - ich wollte wieder unmittelbar in die Gesichter der Menschen blicken können, die voller Erwartungen auf dich warten."
Also kündigte er vorzeitig den Vertrag und kehrte nach Europa zurück. Dass die Entscheidung dann ausgerechnet auf Roncalli fiel, sei kein Zufall gewesen: "Roncalli ist für einen Clown wie Wasser für einen Fisch! Die besten Clowns der Welt sind bei Roncalli aufgetreten, es ist ein Tempel für Clowns!".

Laribles Schwester Eliana, ebenfalls Artistin, ist mit Roncalli-Gründer Bernhard Paul verheiratet. "Bernhard wollte mich schon seit vielen Jahren engagieren", verrät Larible. "Nun witzelt er immer, er hätte erst meine Schwester heiraten müssen, um mich herzulocken. Roncalli ist wirklich der Rolls-Royce - oder sagen wir besser der Ferrari - unter den Zirkussen. Bernhards Konzept, zu den Wurzeln des Zirkus zurückzukehren, ist einfach unglaublich innovativ."
Überall zuhause

Als typisches Zirkuskind kann sich der Clown, der mit der mexikanischen Trapezkünstlerin America Olvera Jimenez verheiratet ist, kein anderes Leben mehr vorstellen: "Zirkus ist mehr als ein Beruf. Es ist ein ganz bestimmter Way of Life. Du bist alle drei Wochen woanders, aber du fühlst dich überall zuhause - schon deswegen, weil du in deinem eigenen Wohnwagen reist."

Kein Wunder, dass auch Sohn David Pierre (10) und Tochter Shirley (19) Artisten werden möchten. Seine Hausaufgaben erhält David Pierre per E-Mail von einer amerikanischen Privatschule. "Es gibt nichts Besseres für ein Kind als in einem Zirkus aufzuwachsen", sagt der sympathische Familienvater. "Du bist zusammen mit Kindern unterschiedlichster Nationalität, Religion, Kultur und Hautfarbe. Es ist egal, wie du aussiehst oder woher du kommst - entscheidend ist, was du kannst."
Dummer August

In der Manege tritt Larible als klassischer "Dummer August" auf, der sich gegen Weißclown Gensi durchsetzen muss. "Der Weißclown ist der Präsident, der dumme August das Volk. Das ist das Prinzip. Ich sage immer: Egal wie wichtig und prominent du auch sein magst: Du hast immer einen Weißclown über dir - und das macht dein Leben miserabel!" Eine besondere Stärke Laribles ist es, das Publikum in seine Späße einzubeziehen: Egal ob er ganz normale Zuschauer dramatische Opernarien aufführen lässt oder mit ihnen spontan ein Orchester zusammenstellt - am Ende bleibt kein Auge trocken. "Ich habe schon in der Schule alle unterhalten", gesteht Larible. "Der Direktor musste sich oft biegen vor Lachen. Er meinte: David, ich habe noch nie so etwas Lustiges gehört, aber du musst jetzt trotzdem raus vor die Tür!".

Dennoch gibt es auch für den professionellen Spaßmacher Momente, in denen er traurig ist und es ihm schwerfällt aufzutreten: "Ich schaue mir dann einfach durch den Vorhang die erwartungsvollen Gesichter im Publikum an. Und dann versuche ich, alles zu geben. Es kann sein, dass du an einem Tag nur 60 Prozent geben kannst. Aber wenn du in der Garderobe sitzt und dich abschminkst, musst du sagen können: Du hast alles von diesen 60 Prozent gegeben!"

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