Ambient-Musik : Max Richter: «Schlaf ist ein Akt des Vertrauens»

Max Richter will die Menschen mit seiner Musik in einen anderen Zustand versetzen. /Deutsche Grammophon
Max Richter will die Menschen mit seiner Musik in einen anderen Zustand versetzen. /Deutsche Grammophon

Max Richters Musik kann einlullen, reine Schlaflieder komponieren will der Brite aber nicht. Nach seinem Schlafkonzert in New York ist er wieder in Europa unterwegs. Betten werden in den Konzertsälen dort diesmal nicht aufgestellt - beruhigend wirken dürften seine Stücke trotzdem.

shz.de von
01. Juni 2018, 10:08 Uhr

Max Richter schläft in der Regel ziemlich gut - keineswegs selbstverständlich für einen Musiker und Komponisten, der weltweit Konzerte spielt und Dutzende Soundtracks für Film und Fernsehen geschrieben hat.

Sein Ambient-Werk «Sleep» und seine minimalistischen Avantgarde-Kompositionen laden dazu ein, innerlich abzuschalten. Mit der Deutschen Presse-Agentur spricht er über Musik als sein Labor, die Fesseln des digitalen Alltags und Zuschauer, die bei seinem achtstündigen Schlafkonzert «Sleep» auch mal schnarchen.

Frage: Wie kamen Sie darauf, ein Schlafkonzert zu schreiben?

Antwort: Als ich die Musik 2014 schrieb, hielt ich es für unmöglich, sie live aufzuführen. Bei der Aufnahme haben wir herausgefunden, dass es zwar schwierig werden dürfte, aber möglich. Jedes Stück Musik ist eine Entdeckungsreise.

Frage: Wie spielt man ein achtstündiges Konzert von 22:30 Uhr bis 6:30 Uhr, teils mehrere Abende hintereinander?

Antwort: Es ist eine große Herausforderung, ich habe 250 Seiten Klaviernoten vor mir. Vermutlich ist es wie ein Marathon, man muss sehr fit sein. Ich stelle meine innere Uhr so um, dass es Morgen ist, wenn ich auf die Bühne gehe.

Frage: Die verlassen Sie dann acht Stunden lang auch kaum.

Antwort: Ich mache zwei oder drei kurze, zehnminütige Pausen. Man wird einfach steif oder sehr hungrig, rein körperliche Dinge. Die Streicher bekommen etwas mehr Auszeit, für sie ist es unglaublich anstrengend.

Frage: Was wollen Sie mit dieser Musik bewirken?

Antwort: Das Stück ist eine Einladung, eine Pause zu machen, uns von unserem mit Daten übersättigten Universum zu trennen und den kreativen Raum dieser Musik-Performance zu nutzen, um uns wieder mit dem Rest unseres Leben zu verbinden. Das Leben, das nicht am Bildschirm und in sozialen Medien und dem ganzen anderen Zeug stattfindet.

Frage: Kann Musik diese Aufgabe denn leisten?

Antwort: Ich denke, Kunst kann das. Ein Gemälde kann dich in einen anderen Zustand versetzen. «Sleep» ist so ein Projekt. Es ist auch ein Experiment, um zu sehen, wie Musik und Geist in diesem Konzept über Nacht zusammen existieren. Für mich ist es eine Art Labor.

Frage: Wollen Sie an Schlaflosigkeit leidende Menschen therapieren?

Antwort: Es ist keine Schlaftablette. Die Musik soll einen nicht zum Einschlafen bringen. Es ist ein Stück, das uns die Nacht über begleiten soll.

Frage: Warum können Menschen heute so schlecht abschalten?

Antwort: Wir durchleben eine sehr intensive Zeit, die von gewaltigen technologischen Veränderungen angetrieben wird. Das beherrschende Modell dreht sich um Produktion und Konsum, in wenigen Jahren sind sehr digitale Leben entstanden. Es ist eine herausfordernde Lage, die unsere Fähigkeit, uns auszuruhen, zersetzt hat. Ein Teil unseres Gehirns denkt immer: Was passiert auf Twitter oder Facebook? Sollte ich meine E-Mails noch einmal checken, bevor ich schlafen gehe?

Frage: Sind Sie frustriert, wenn jemand in Ihrem Schlafkonzert durchgehend Fotos macht oder am Handy oder Laptop hängt?

Antwort: Auf gewisse Weise ist das enttäuschend. Aber ein Teil von «Sleep» ist auch, den Auftritt selbst zu demokratisieren. Bei klassischer Musik sind wir ein sehr kodifiziertes und strenges Set an Gepflogenheiten gewohnt. Ich würde nicht vorschreiben, wie die Menschen das Konzert erleben.

Frage: Kommt es auch mal zu störenden Zwischenfällen?

Antwort: Die Menschen schnarchen, reden im Schlaf oder wandern umher, und das ist in Ordnung. Besorgniserregende Zwischenfälle gab es bisher nicht.

Frage: Wie privat ist Schlaf, wie sehr verbindet er?

Antwort: Die Performance weckt eine Art Gemeinschaftsgefühl. Schlaf ist normalerweise sehr privat und intim, (das Konzert) ist ein sehr grundsätzlicher Akt des Vertrauens. Man hat das Gefühl, gemeinsam auf eine Reise zu gehen, das ist im Saal auf sehr eindrucksvolle Weise zu spüren. Wir sind sozusagen gemeinsam durch die Nacht gereist.

ZUR PERSON: Der im niedersächsischen Hameln geborene Max Richter zog mit seinen Eltern als kleiner Junge nach Großbritannien. Er hörte viel klassische Musik, neben Kompositionen von Philip Glass aber auch die Beatles, Pink Floyd und The Clash. Die Band Kraftwerk inspirierte ihn, seine eigenen Instrumente zu bauen. Er veröffentlichte rund 40 Soundtracks, darunter für die Filme «Waltz With Bashir», «Die Fremde», «Lore» sowie für Volker Schlöndorffs Roman-Verfilmung «Rückkehr nach Montauk». Zu seinen bekanntesten Alben zählen neben «Sleep» die Vivaldi-Neuauflage «The Four Seasons - Recomposed» und «The Blue Notebooks».

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