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Kirchen-Reformator : Martin Luther als Nationalheiliger: Auf einem (zu) hohen Sockel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Martin Luther ist ein deutscher Nationalheiliger – doch mittlerweile ist der Mythos vom idealistischen Reformator einer realistischeren Einschätzung gewichen.

<p>Martin Schulte ist Leiter der Kulturredaktion des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags.</p> von
erstellt am 18.Jan.2016 | 08:00 Uhr

Hamburg | Ein Mann nagelt 95 Thesen an die Tür einer Kirche – und verändert damit alles. Die Kirche, die sich in der Folge spaltet, die Politik, die Gesellschaft, ja sogar die Kunst. Wer war dieser Mann, warum hat er das getan und vor allem: Hat er uns heute noch etwas zu sagen?

Die Kirche hat über Jahrhunderte Deutschland geprägt und in vielen Bereichen von der Justiz über die Politik bis hin zur Kunst bestimmt. Trotz schwindender Anhängerschaft sind sowohl die protestantischen als auch die katholischen Ideen noch immer Basis für die Gesellschaft.

Es beginnt schon mit dem Namen: Ein Reformator namens Luder? Das Luder-Jahr 2017? Davor bewahrte der Mann, der den protestantischen Glauben begründete, die Nachwelt noch selbst. Er änderte seinen Namen von Luder in Luther. Trotzdem bleibt die Frage: Was war das eigentlich für ein Mann, der im Jahr 1517 seine Thesen zur Reformation der Kirche veröffentlichte? Und lassen sich Luthers Leistungen und seine persönliche Situation überhaupt aus der heutigen Zeit objektiv beurteilen?

Der Historiker Heinz Schilling schreibt in seiner Biografie „Martin Luther – Rebell in einer Zeit des Umbruchs“ (C.H. Beck), dass sich jede Generation anlässlich der Reformationsjubiläen ihren eigenen Luther geschaffen habe: „1617 am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges den kämpferischen Luther, 1717 in der Säkularität der Aufklärung eher den zahmen, weltoffenen Luther; 1817 und 1917 den nationalen Luther als Heros religiöser Tiefe der Deutschen. Mit der historischen Gestalt hatte all das nur noch wenig zu tun.“ Der Autor versucht nicht, eine neue Deutung der historischen Figur zu entwickeln, vielmehr umschreibt er mit großer Genauigkeit die Lebensumstände des Mannes, dessen Persönlichkeit weit weniger Teil der öffentlichen Rezeption ist als seine historischen Errungenschaften. Schilling prüft den Sockel, auf dem das Denkmal des Reformators errichtet wurde.

Luther hat die Welt verändert, das ist unbestritten. Gestritten wird aber darüber, welchen Anteil an den Veränderungen er wirklich hatte. Denn die Welt, auch das macht Schilling deutlich, war mehr als bereit für diese Veränderungen. „Es ist unbestreitbar, dass Luther selbst bereits das Produkt eines langfristig angelegten Umbruchs war“, schreibt Schilling. Er vergleicht Luther mit einem Dominostein, der eine Kette von historischen Ereignissen in Gang setzt und dabei nicht annähernd die Tragweite dieser Entwicklungen erfasst – und auch gar nicht erfassen kann. Zu diffus waren die politischen und kirchlichen Machtverhältnisse.

Interessant ist aber nicht nur der Blick auf Luthers historische Verdienste, sondern gerade auch der auf den Menschen Luther. Ein komplizierter Charakter war der berühmte Theologe, und das ist, glaubt man den Quellen, noch freundlich umschrieben. Als Beleg taugt sicherlich Luthers Hass auf die Juden. So empfiehlt er in seiner 1543 erschienenen Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“, dass „man ihre Synagoga oder Schulen mit Feuer anstecke“. Eine Empfehlung, die von den Nationalsozialisten in der Nacht zu Luthers Geburtstag, vom 9. auf den 10. November 1938, während der Novemberpogrome umgesetzt wird.

Erst im vergangenen Jahr, 472 Jahre nach Veröffentlichung von Luthers Hetzschrift, hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) während ihrer Synode in Bremen einen Textentwurf vorgelegt, der sich von Luthers Judenfeindlichkeit distanziert. „Im Vorfeld des Reformationsjubiläums können wir an dieser Schuldgeschichte nicht vorbeigehen“ heißt es darin. Besser spät als nie, wie Kritiker der manchmal etwas naiven Luther-Huldigung in der EKD urteilten.

Dabei gäbe es bei Luther einiges mehr, was einer Relativierung bedürfte. In den Türken und ihrem Propheten Mohammed sah er „das unerträgliche Rasen des Satans“ und empfahl den Christen während der Belagerung Wiens durch ebenjene Türken, sie sollten „morden, rauben und Schaden tun, so viel sie immer vermögen.“ Auch im Bauernkrieg ermuntert Luther die Landesfürsten, die „armen Leute zu schlagen, zu stechen und zu würgen“. Schilling nennt Luthers Aussagen „ungeheuerlich“ und weist zu Recht auf die „sprachliche Brutalität“ Luthers hin. Immerhin bereute dieser seine Äußerungen über die aufständischen Bauern später, auch weil er dafür reichlich Kritik einstecken musste. Luther verpasste sich für kommende kriegerische Auseinandersetzungen einen Maulkorb.

Über seine politischen Äußerungen hinaus war Luther für seine unflätige Sprache und seine Flüche berüchtigt, auch wenn ausgerechnet das viel zitierte „Warum rülpset und furzet ihr nicht?“ wohl nie von ihm geäußert wurde.

Ohnehin ist vieles von dem, was Luther an Aussagen und Taten zugeschrieben wurde, aus heutiger Sicht nicht haltbar. So war es nicht Luther selbst, der seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg nagelte, sondern vermutlich, wie damals üblich, der Hausmeister der Universität. Das Bild des Hammer schwingenden Luther, so eindrucksvoll es auch gewesen sein könnte, ist ein reines Fantasieprodukt der Nachwelt.

Die Quellenlage bei Luther ist kompliziert, viele Schriften hat der Reformator selbst Jahre später aus seiner Erinnerung – und wohl entsprechend idealisiert – verfasst, ein anderer Teil entstammt den subjektiv gefärbten Aufzeichnungen der sogenannten Tischgespräche durch seine Schüler.

Gut belegt ist dagegen Luthers Erscheinen beim Wormser Reichstag im Jahr 1521, wo über ihn gerichtet wurde, für damalige Verhältnisse ein echtes Medienereignis – und dementsprechend häufig dokumentiert. Und doch nimmt Schilling in seiner angenehm neutralen Luther-Biografie gerade im Bezug auf die Ereignisse rund um den Wormser Reichstag die wohl wichtigste Korrektur vor. Kaiser Karl V. forderte Luther auf, seine kritischen Schriften über den Papst und die römische Kirche zu widerrufen, was schließlich in Luthers trotzigem Widerspruch mündete: „Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir, Amen.“ Berühmte Worte, auch wenn Luther sie nie so gesprochen hat. Vielmehr waren es die Lektoren in Luthers Wittenberger Druckwerkstatt, die seine Rede auf diesen Spruch verkürzten. Ein erfolgreicher Slogan, der sich über die Jahrhunderte nicht nur im protestantischen Selbstverständnis gehalten hat.

Schilling belegt in seinem Buch, dass auch der junge Kaiser Karl V. als Gegenspieler Luthers die Veränderungen in Europa mit in Gang gesetzt hat und damit auch zu einem wichtigen Reformator wurde. Trotz des ausgeprägten Willens zum Machterhalt ging es dem tiefgläubigen Kaiser auch um sein persönliches Seelenheil, verbunden mit der Einsicht, dass Veränderungen in der Kirche notwendig waren: „So drängte er die widerstrebenden Päpste unermüdlich zur Beseitigung der Missstände in der Kirche“, schreibt Schilling, der Karl V. und Luther trotz der inhaltlichen Differenzen und widerstrebender Interessen Seite an Seite stellt. Für beide habe demnach gegolten: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir.“

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