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Kunstverein Hamburg : „Malerei, böse“: Die dunklen Seiten der Malerei

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Kunstverein in Hamburg bringt fünf Maler zusammen, deren Werke gängige Vorstellungen von Schönheit unterlaufen.

shz.de von
erstellt am 24.Okt.2015 | 10:22 Uhr

Hamburg | Die Malerei hat es nicht einfach. Zumindest unter Kunstprofis oder denjenigen, die sich dafür halten, steht sie unter Generalverdacht. Rein marktgängig, unfähig zur Innovation, der Komplexität des digitalen Zeitalters nicht gewachsen. So lauten einige der Totschlagargumente. Kuratoren, die etwas auf sich hielten, mieden Malerei lange Zeit wie der Teufel das Weihwasser.

Doch diese rigide Haltung scheint wieder aufzuweichen. Okwui Enwezor etwa präsentiert ausgerechnet Georg Baselitz, einen der Veteranen des Mediums, auf der diesjährigen Biennale Venedig als Schlussakkord im Arsenale. Zeit also, das viel gescholtene Medium einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Im Kunstverein in Hamburg werden derzeit unter dem Titel „Malerei, böse“ fünf aktuelle Malerei-Positionen zusammengeführt. Die Fragestellung von Kunstvereinsdirektorin Bettina Steinbrügge lautet: Wie machen sich Künstler den Vertrauensvorschuss, den das als leicht zugänglich geltende Medium bei den Betrachtern hat, zunutze, um subversive Inhalte zu transportieren, Erwartungshaltungen zu unterlaufen oder Wertvorstellungen in Frage zu stellen?

Vorn: Martin Eder -  Licht ins Dunkel, 2015, Hinten: Martin Eder -  Vor keiner Macht zu Sinken.
Vorn: Martin Eder - Licht ins Dunkel, 2015, Hinten: Martin Eder - Vor keiner Macht zu Sinken.

Der wohl bekannteste und gleichzeitig umstrittenste Teilnehmer der Schau ist der Berliner Martin Eder (47). Kunstsammler scharen sich um seine Gemälde, die fast altmeisterlich gemalt, stylishe junge Frauen von heute in Ritterrüstungen und Heiligenpose zeigen. Das Ganze abgemischt mit etwas Fantasy und Heavy Metal.

Bernhard Martin: Das Innenleben neu möblieren, 2015

Bernhard Martin: Das Innenleben neu möblieren, 2015

Foto: Kunstverein Hamburg: Malerei, böse. Foto: Fred Dott
 

Der Kitsch-Verdacht, mit dem Eders Bilder gern belegt werden, trifft auch den Berliner Bernhard Martin (49). Er wolle Bilder mit „benutzerfreundlicher Oberfläche und benutzerfeindlichem Inhalt“ schaffen, behauptet der Künstler. Dennoch darf vermutet werden, dass seine mit effekthascherischen Maltechniken versehenen Porträts von Busenwundern und Partyhengsten von den Leuten gekauft werden, die sie angeblich bloßstellen sollen.

Die Britin Dawn Mellor (45) repräsentiert so etwas wie die schlecht erzogene Gegenthese zu ihrer Landsmännin Elizabeth Peyton, deren schwärmerische Celebrity-Gemälde die Idole der Künstlerin eher verklären als sie bloßzustellen. Auch bei Mellor begegnen uns Pop-Ikonen. Bette Davies, Helen Mirren oder Billie Holiday etwa tauchen bei ihr als finster dreinschauende, derangierte Zimmermädchen mit dunklen Ringen unter den Augen auf. Den Megastar Madonna richtet sie auf ihrem 2007 entstandenen Monumentalgemälde „Strike A Pose“ regelrecht hin.

Malerei von Lydia Balke.

Malerei von Lydia Balke.

Foto: Kunstverein Hamburg: Malerei, böse. Foto: Fred Dott
 

Die jüngste Teilnehmerin, die 1987 in Dresden geborene Hamburgerin Lydia Balke, steht dem in nichts nach. Ihre realistisch gemalten Porträts von notorischen Serienmördern dürften zarter besaiteten Gemütern das Blut in den Adern gefrieren lassen. Eines ihrer Gemälde zeigt überlebensgroß den US-amerikanischen Serienmörder Jeffrey L. Dahmer. Er trägt ein gerafftes, weißes Hochzeitskleid, in dessen Faltenwurf Gesichter zu erkennen sind. Sind es die seiner Opfer?

Birgit Brenner, die 1964 geborene Berlinerin, ist die einzige Teilnehmerin dieser Ausstellung, die es wagt, ihre eigene Verwundbarkeit zu thematisieren. Ihre sensiblen, bis auf eine Ausnahme kleinformatigen Assemblagen aus Sperrholz, Pappe, Acryllack und Kleber wirken fragil und provisorisch. Sie stellen unbequeme Fragen etwa nach der Legitimität von privaten Konsumbedürfnissen in einer von Krieg, Gewalt und Fluchtbewegungen gekennzeichneten Zeit.

Fazit: Nicht die Malerei an sich ist böse, sondern oft genug das, was sie uns zu zeigen versucht.

Ausstellung: „Malerei, böse“ im Kunstverein in Hamburg bis 10. Januar 2016, geöffnet von Di-So 12 bis 18 Uhr, Klosterwall 23. Telefon: 040  322  157.



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