#MeToo-Bewegung : Machtstrukturen in Hollywood: Das Ende des alten Systems

Im Zentrum der Vorwürfe: Harvey Weinstein.
Im Zentrum der Vorwürfe: Harvey Weinstein.

Wie die Debatte um sexuelle Übergriffe die Verleihung von Golden Globes und Oscars verändern wird.

shz.de von
03. Januar 2018, 19:59 Uhr

Auf dem roten Teppich bei der Golden-Globe-Gala könnte es Anfang Januar ungewöhnlich düster zugehen. Schwarze Abendkleider, statt Glitter und Farbe, werden am 7. Januar wohl den Ton angeben, verlautete es aus Hollywood. Nicht aus modischen Gründen, sondern in Zeiten der #MeToo-Bewegung als Protest gegen sexuellen Missbrauch. Nominierte Schauspielerinnen und viele weibliche Stars, die auf der Bühne Auszeichnungen überreichen, wollten damit ein Zeichen setzen, brachten das Branchenblatt „Hollywood Reporter“ und das „People“-Magazin vorab in Erfahrung.

Die Weinstein-Affäre wirbelt die bevorstehende Preis-Saison kräftig durcheinander. Die Lawine von Vorwürfen wegen sexuellen Missbrauchs gegen den einst mächtigen Filmmogul Harvey Weinstein riss in den vergangenen Monaten Dutzende Filmschaffende mit in die Schlagzeilen.

Männern wie Kevin Spacey, Dustin Hoffman, Brett Ratner und Jeffrey Tambor werden Übergriffe und Machtmissbrauch vorgeworfen. Sie werden sich auf dem roten Teppich wohl nicht blicken lassen. Weinstein wies über sein Sprecher-Team mehrfach Vorwürfe von „nicht einvernehmlichem Sex“ zurück.

Normalerweise würde Weinstein jetzt die Werbekampagnen für Preisanwärter anheizen, nun ist der oscarprämierte Produzent die Persona non grata schlechthin. Sein rasanter Absturz und die weltweite Debatte über Sexismus lässt Frauen im Filmgeschäft hoffen, dass Hollywoods alte Machtstrukturen endlich aufbrechen.

Bei der Verleihung der SAG-Awards (Screen Actors Guild Awards, am 21. Januar) setzen die Veranstalter erstmals komplett auf Frauen-Power. Alle 13 Preise, die Hollywoods Schauspielverband vergibt, sollen auf der Gala-Bühne von weiblichen Stars überreicht werden. Auch die Moderation übernimmt eine Frau, Schauspielerin Kristen Bell. In Hollywood habe man immer schon über Gleichberechtigung geredet, sagte Bell kürzlich der „New York Times“. „Jetzt sind Mega-Scheinwerfer darauf gerichtet, und hinten geht das Feuerwerk ab.“

Schon bei den Golden-Globe-Nominierungen Mitte Dezember waren Auswirkungen zu spüren: Kevin Spacey etwa musste seine Preis-Hoffnungen für „Alles Geld der Welt“ begraben. Spacey, der in dem Entführungsdrama den Ölmilliardär Jean Paul Getty spielte, wurde von Christopher Plummer ersetzt. Regisseur Ridley Scott schnitt kurzfristig alle Szenen mit Spacey aus dem bereits fertigen Film heraus, nachdem Vorwürfe sexueller Belästigung gegen den „House of Cards“-Star bekannt geworden waren.

Der Schauspieler nehme sich „die nötige Zeit für eine Analyse und Behandlung“, hatte sein Sprecher Anfang November übermittelt. Zuvor hatte Spacey über soziale Medien eine recht vage Entschuldigung formuliert, in der er „unangemessenes betrunkenes Verhalten“ einräumte und sich gleichzeitig als schwul outete. Die Globe-Juroren würdigten „Alles Geld der Welt“ mit drei Nominierungen – für Plummer als bester Nebendarsteller, Michelle Williams in einer Drama-Hauptrolle und für Regisseur Scott.

Bis zur Oscar-Vergabe sind es noch etwa zwei Monate, der Weinstein-Skandal wird bis dahin kaum vom Tisch sein. Er werde das auf der Oscar-Bühne wohl ansprechen, sagt Show-Moderator Jimmy Kimmel.

Längst zerbricht sich die Oscar-Akademie über einen Anstandskodex für ihre mehr als 8000 Mitglieder den Kopf. Weinstein war im Oktober von dem ehrwürdigen Verband gefeuert worden, er wird nicht mehr über künftige Oscar-Gewinner abstimmen. Anfang Dezember gab die Academy eine „Verhaltens“-Erklärung heraus. In dem Verband gebe es keinen Platz für Menschen, „die ihren Status, Macht oder Einfluss“ dazu missbrauchen, die Regeln des Anstands zu verletzen, hieß es unter anderem.

Ob nach dem Rauswurf Weinsteins vor der Oscar-Verleihung noch andere Köpfe rollen werden, bleibt abzuwarten. Bestimmt würde die Akademie nun schneller handeln. Weinsteins Ruf war in der Branche über Jahre Gesprächsstoff, auch Anlass für Witze. So flachste etwa der Schauspieler Seth MacFarlane („Family Guy“) 2013 bei der Verkündung der Oscar-Nominierungen für die besten Nebendarstellerinnen: „Herzlichen Glückwunsch. Diese fünf Damen müssen nun nicht mehr so tun, als ob sie Harvey Weinstein attraktiv finden.“ Ein Witz nur, aber einer, der das ganze Dilemma des Schweigekartells um sexuelle Übergriffe und Machtspiele in Hollywood offenbarte.

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