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Kultur

15. Dezember 2017 | 21:04 Uhr

Listiges Brecht-Spekatakel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

shz.de von
erstellt am 12.Okt.2014 | 16:14 Uhr

Lampenschirme über Lampenschirme: Auf der Bühne des Kieler Schauspielhauses geschieht Erhellung. Bert Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ nimmt Fahrt auf. Volker Schmalöer zeigt es als schillernd-deftiges, listig durchdachtes Spektakel. Ein vermeintlich typischer Brecht, der mit live gespielter Musik nach Paul Dessau noch typischer wird. Das Premierenpublikum war hingerissen.

Brechts nimmermüde Fingerzeige auf die Kluft zwischen denen da oben und denen da unten sind ein wenig aus der Mode gekommen. Zumindest die „political correctness“ hat Herren und Knechte abgeschafft. Und so kann man denn Brechts 1940 entstandenes und 1948 uraufgeführtes Volksstück entspannt als ein historisches betrachten – oder? Schmalöer tut uns diesen Gefallen nicht. Dass er die Spur bis in die Gegenwart verfolgt, macht schon das Programmheft deutlich. Dort findet sich unter der Überschrift „Bei Hopfen und Malz verloren“ ein Beitrag des Kabarettisten und Mediziners Eckhart von Hirschhausen. Im Heft wie auf der Bühne geht es um die Wirkung von Alkohol. „Das Tragikomische am Rausch sind für mich drei Teufelskreise, drei Strudel, in denen der Alkoholkranke schnell droht, sich zu verlieren: Durst, Sorgen und Humor und vermeintliche Attraktivität“, ist formuliert, was Schmalöer auf die Bühne bringt: Eine Droge sorgt für verändertes Verhalten. Beim tyrannischen Schinder Puntila weckt sie den Drang, sich mit seinen Bediensteten zu verbrüdern. „Und jetzt steh ich da, ein Mensch bin ich geworden, trinkt ihr auch, werdets auch Menschen, verzagt nicht“, sagt er, doch ein gesunder Zustand ist das nicht. Der Volksmund weiß, dass Alkohol keine Lösung ist. Auch Imanuel Humm trägt als Puntila eine kranke Blässe zur Schau.

In Kiel entfaltet die deftige Posse ihre Facetten und mit Humm und Felix Zimmer als Knecht Matti beginnt das Stück auf einer neuen, aktuellen Ebene zu funktionieren. Zum wirklichen Sympathieträger lässt Humm nämlich auch den besoffenen Puntila so wenig verkommen, wie er den nüchternen zum Kotzbrocken degenerieren lässt. Zimmer schenkt seinem Matti Schattierungen zwischen Standesbewusstsein und Schlitzohrigkeit. Es menschelt, das tut dem Stück gut. Die Kieler bereiten einen beschämend erkenntnisreichen Abend.

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