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Erinnerung : Liebe und Trauma - Jana Hensels «Keinland»

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Jana Hensel erzählt in ihrem ersten Roman «Keinland» von einer großen Liebe, bei der die Liebe allein nicht reicht. Es gelingt der Autorin von «Zonenkinder» dabei vor allem, die Traumata der ehemals Liebenden darzustellen und den Einfluss auf ihr Leben zu unterstreichen.

shz.de von
erstellt am 01.Aug.2017 | 12:19 Uhr

Die Nachwendejahre kommen ihr manchmal wie «Albtraumjahre» vor, an die sie nicht gerne erinnert werde, schrieb die 1976 in Leipzig geborene Journalistin und Autorin Jana Hensel in ihren Erinnerungen an Helmut Kohl im Juni 2017 in der «Zeit».

Indessen lässt sie ihre Romanfigur Nadja, eine ebenfalls aus der DDR stammende Journalistin Mitte 30, gerade diese Jahre in ihrem literarischen Debüt «Keinland» wieder und wieder thematisieren: «Diese ersten Jahre danach, als nichts mehr war wie zuvor, ich werde sie nicht los, alles löschte sich auf.»

Wie Hensels kontrovers aufgenommener Bestseller «Zonenkinder» ist auch «Keinland» ein Erinnerungsbuch, doch in dem Roman geht es nicht nur um Kindheitserinnerungen, es geht vor allem um die Erinnerung an eine zerbrochene Liebe, die zwischen Berlin und Tel Aviv spielt und die unter der Last der Vergangenheit leidet.

Nadja denkt an die vergangenen Monate mit Martin zurück, einem in Deutschland geborenen Juden, der in «das ihn heilende Land» Israel gezogen ist, damit sie nichts vergisst und noch einmal bei ihm sein kann. Und genau wie Erinnerungen keiner Chronologie folgen und eine Assoziation die nächste hervorrufen kann, schreibt Hensel diesen Roman: mit vielen Zeitsprüngen und Abschweifungen, mit einigen Sätzen, die sich immer wieder wiederholen, weil sie sich Nadja ins Gedächtnis eingebrannt haben. Das macht den Erinnerungsprozess sehr authentisch, kann für den Leser aber zur Herausforderung werden, nicht den Faden zu verlieren.

Das Buch beginnt mit einer Fahrradfahrt durch Berlin, genauer gesagt dem ehemaligen Ostberlin, auf der Nadja bereits zahlreiche Erinnerungen hochkommen. Martin taucht zunächst als Abwesender auf, als der, der gegangen ist. Der, der denkt, «dass die Leute nie begreifen werden, was mit seinen Leuten passiert ist». Doch warum der Holocaust (im Buch heruntergebrochen auf: «Dass meine Leute seine Leute in den Tod geschickt haben, Kinder, Frauen, Männer, Alte, Kinder, Frauen, Männer, Alte, Kinder, Frauen, Männer, Alte, immer wieder und wieder, immer mehr und immer mehr») für ihn noch so präsent ist, wird erst mit seinem Alter deutlich. Martin ist um die 50 und damit Sohn, nicht Enkel, Auschwitz-Überlebender. Er gehört der sogenannten Zweiten Generation der Holocaust-Überlebenden an. Sie erbten die Traumata und verdrängten Schuldgefühle ihrer Eltern. Und so wie Nadja sich nicht von den Nachwendejahren lösen kann, wird Martin «alle diese Geschichten» nicht los, die er von seinen Eltern schon beim Frühstück zu hören bekam.

Diese beiden - wenn auch aus sehr verschiedenen Gründen - traumatisierten Menschen, treffen und verlieben sich in Tel Aviv, nachdem Nadja eine Reportage über Länder schreiben sollte, in denen es Mauern gab und Martin ein Interview dazu vehement ablehnte. Sie fährt trotzdem Hals über Kopf nach Israel und ihre gemeinsame Geschichte zwischen Deutschland und Nahost beginnt. Und auch wenn es so scheint, als sei sie diejenige, die mehr liebt und die ständig auf ihn, seine Anrufe und SMS wartet, hat sie noch ganz andere Gründe, nicht loszulassen.

In jeder Liebesbeziehung geht es auch darum, aus einem «Ich» und einem «Du», ein «Wir» entstehen zu lassen. Für dieses «Wir» benutzt Jana Hensel die Metapher des Landes: «Lass uns ein neues Land gründen, habe ich zu Martin gesagt. Ein schmales, ein kleines, ein fast unsichtbares Land. Unser Land.» Doch zwischen Nadja und Martin überwiegt das Trennende - zum Beispiel Pauschalisierungen wie «meine Leute» versus «deine Leute» sowie Vorwürfe und Vergleiche ihrer Traumata. Beide haben gar keinen emotionalen Raum für den Schmerz des Anderen. So sagt Martin, als konkurrierten die Wunden ihrer Vergangenheit: «Ich weiß, du findest, deine Leute laufen herum und sehen unter der neuen Farbe wie Tote aus. Aber das ist mir egal. Meine Leute sind wirklich tot. Sie laufen nirgends mehr herum. Sie sind irgendwo als Aschehaufen in den Wolken aufgegangen. Ich kann dich verstehen. Aber du verstehst mich nicht.»

Wem solche Sätze mehr als 70 Jahre nach dem Holocaust nun zu übertrieben vorkommen, dem sei das Buch «Gläserne Facetten» der israelischen Autorin Nava Semel, die selbst der Zweiten Generation angehört, zu empfehlen. Mit poetischer Kraft erzählt sie in zehn Geschichten, wie die traumatischen Erlebnisse der Holocaust-Überlebenden in ihren Nachkommen fortwirken.

Jana Hensels «Keinland» ist weit mehr als ein Liebesroman. Es gelingt ihr in ihrem literarischen Debüt, eine Sensibilität für die Prägungen zweier sehr unterschiedlicher Generationen zu schaffen, die beide gewissermaßen Randfiguren der deutschen Gesellschaft sind. Es mag an ihrer Biografie liegen, dass die Autorin den tiefen Einschnitt, den das Ende der DDR für Nadja bedeutete, auch wenn sie nicht viel aus diesem untergegangenen Land vermisst, eindrücklicher und authentischer schildert. Einen Einschnitt, den die Autorin bereits in «Zonenkinder» anschaulich beschrieben hat, der in «Keinland» aber persönlicher und weniger vereinnahmend vermittelt wird.

- Jana Hensel: Keinland. Wallstein Verlag, Göttingen, 196 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-8353-3067-2.

Jana Hensel Keinland

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