zur Navigation springen

Kunst : Leuchtende Bilder: Ronald B. Kitaj in Hamburg

vom

Der amerikanische Maler Ronald B. Kitaj gehört mit David Hockney, Lucian Freud und anderen Künstlern zu den zentralen Vertretern der «Londoner Schule».

shz.de von
erstellt am 24.Jul.2013 | 09:11 Uhr

In den 1960er Jahren formulierten sie mit einer farbintensiven, figürlichen Malweise Alternativen zur vorherrschenden Stilrichtung der Abstraktion.

Die Hamburger Kunsthalle zeigt bis zum 27. Oktober die erste Retrospektive nach seinem Tod vor sechs Jahren. Zu sehen sind rund 140 Gemälde und Druckgrafiken aus allen Schaffensperioden - von den frühen collageartigen Werken über die der Pop Art nahen Malerei der 60er bis zu den sinnlichen Pastellen der späteren Jahre. Die Ausstellung war zuvor schon im Jüdischen Museum in Berlin und in London zu sehen.

Kitaj (1932-2007) nannte sich selbst einmal einen «Montagekünstler». Seine leuchtenden, großflächigen Bilder sind voll von kunsthistorischen, politischen und biografischen Anspielungen. «Für Kitaj war Kunst ein Medium emotionaler und intellektueller Auseinandersetzung. Er war ein leidenschaftlicher Büchersammler und fand Themen und Motive in der Kunstgeschichte, in der Literatur und im Film, die er fragmentarisch in seinen Bildern in neue, oft biografische Zusammenhänge stellte», sagte der Direktor der Hamburger Kunsthalle, Hubertus Gaßner, am Donnerstag. Einen Schwerpunkt bilden Bezüge zu den Philosophen Walter Benjamin und Aby Warburg sowie zum Komponisten Gustav Mahler, die Kitaj stark beeinflussten.

So setzt sich Kitaj in dem Gemälde «Reflections on Violence» (1962) mit der Ausrottung der Indianer durch die Weißen auseinander: In der Mitte sind er selbst und ein Indianer-Häuptling zu sehen, daneben ein Aufsatz über Gewalt von Walter Benjamin und historische Bezüge zur Schlacht am Little Bighorn 1876. Das Gemälde «Ermordung Rosa Luxemburg» (1960) setzt die Ermordung der Arbeiterführerin 1919 in Zusammenhang mit der preußischen Geschichte. Das Bild «Juan de la Cruz» (1967) bezieht sich auf den spanischen Mystiker, zeigt aber einen schwarzen Soldaten auf dem Weg zu seinem Einsatz in Vietnam. «Er ist sozusagen Opfer und Täter zugleich», erläutert Kurator Eckhart Gillen, der 2009 Kitajs Nachlass sichten durfte.

Geboren in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio, wuchs Kitaj im links-intellektuellen Milieu seines Elternhauses auf. Seine Mutter war Tochter russisch-jüdischer Einwanderer, sein Stiefvater floh vor den Nazis aus Wien in die USA. Mit 17 Jahren fuhr er als Matrose zur See. Danach begann er ein Kunststudium in New York, das er in Wien, Oxford und London fortsetzte. 1963 hatte Kitaj seine erste Einzelausstellung in London, 1964 nahm er an der Documenta und der Biennale in Venedig teil. Von den 70er Jahren an pendelte er zwischen England und den USA. Als eine Retrospektive in der Londoner Tate Gallery 1995 auf negative Kritiken stößt und seine zweite Frau unerwartet stirbt, zieht er sich nach Los Angeles zurück. «Sein großes Leitthema war die Frage nach der Identität in der Moderne», sagte Gaßner. Aus der intensiven Auseinandersetzung mit Intellektuellen wie Sigmund Freud, Franz Kafka und Walter Benjamin sowie dem Bewusstsein des eigenen Jüdisch-Seins habe Kitaj die Idee einer Kunst des Diasporismus entwickelt, die das Leben des heimatlosen Menschen im 20. Jahrhundert thematisiert und diesem Verlust eine Heimat im Kunstschaffen entgegensetzen soll: «Ganz und gar Amerikaner, im Herzen Jude, zur London School gehörig, verbringe ich meine Jahre weit entfernt von den Ländern, an denen mein Herz hängt (...) In der Diaspora habe ich erfahren, dass man frei ist, alles zu wagen; an vielen anderen Orten kann man das nicht.»

Hamburger Kunsthalle

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen