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Homosexualität und zweite Ehe : Lehrschreiben: Was Papst Franziskus über die Liebe sagt

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Die katholische Kirche hat sich auf höchster Ebene mit den Themen Homosexualität und zweiter Ehe befasst. Die Reaktionen auf das Papst-Schreiben.

Rom | Papst Franziskus macht wiederverheirateten Geschiedenen in seinem mit Spannung erwarteten Schreiben zu Ehe und Familie vage Hoffnungen auf eine Teilnahme an der Kommunion. Er plädiert an das Gewissen der einzelnen Pfarrer und Priester, die Entscheidung je nach Einzelfall abzuwägen. „Es ist nur möglich, eine neue Ermutigung auszudrücken zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle“, schreibt er in dem am Freitag vorgestellten Dokument.

Die Vorgaben der katholischen Kirche beeinflussen das Leben von Millionen Menschen. Die Lehren sehen Scheidung, Verhütung und Homosexualität als schuldbehaftet an, was Gläubige in ihrer persönlichen Freiheit vor einen moralischen Konflikt stellt.
Bischofssynode

Die Bischofssynode ist ein Beratungsorgan des Papstes. Dieses wurde 1965 von Papst Paul VI. zum Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils eingerichtet.

In der Regel finden Synoden alle drei Jahre statt, daneben kann es auch außerordentliche Versammlungen geben. Die „Ordentliche Generalversammlung“ kommt zu gesamtkirchlichen Fragen zusammen. Mit aktuellen Fragen befasst sich die „Außerordentliche Generalversammlung“, an der die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen teilnehmen. Zu Fragen von regionaler Bedeutung gibt es die „Sonderversammlung“.

Die Bischofssynode ist im Unterschied zu einem allgemeinen Konzil nicht entscheidungsbefugt. „Die Synode unterstützt den Papst bei der Bewahrung der Einheit der Gesamtkirche durch gegenseitige Information und Beratung in Bezug auf Glaube, Sitte und Disziplin“, erläutert die Deutsche Bischofskonferenz.

Die Versammlung untersteht dem Papst direkt, der das Thema der Beratung bestimmt. Sie wird von ihm selbst oder einem Delegierten geleitet. Nach den meisten Synoden der Vergangenheit veröffentlichte der Vatikan ein sogenanntes postsynodales Schreiben, in dem der gesamten Kirche die Schlussfolgerungen und Entscheidungen des Papstes mitgeteilt werden.

Das fast 200 Seiten lange Dokument mit dem Titel „Amoris Laetitia - über die Liebe in der Familie“ wurde am Mittag in Rom veröffentlicht. In dem Text fasst der Argentinier die Ergebnisse der Bischofssynoden aus den vergangenen Jahren mit seinen eigenen Schlussfolgerungen zusammen. Im Zentrum steht die Liebe mit all ihren Facetten. Auf das zweite Streitthema - den Umgang mit Homosexuellen - geht Franziskus ebenso wie die Synodenväter so gut wie gar nicht ein.

Die Reaktionen auf die Veröffentlichung des Dokuments:

Berlins Erzbischof Heiner Koch

Erzbischof Heiner Koch hat das päpstliche Schreiben als mitreißend gelobt. „Die Freude des Papstes steckt an“, teilte Koch am Freitag mit. Er verstehe das Schreiben als große Einladung an die Kirche vor Ort, sich noch mehr zu engagieren für Ehe und Familie, „aber auch in der Zuwendung zu wiederverheirateten Geschiedenen und Alleinerziehenden“.

Koch erklärte zudem: „Ich kann verstehen, wenn es auch im Erzbistum Berlin Menschen gibt, die sich mehr erwartet hatten in Bezug auf wiederverheiratet Geschiedene, auf konfessionsverschiedene Ehen aber auch auf gleichgeschlechtliche Paare, und die jetzt enttäuscht sind.“. Zugleich „werden andere schwere Bedenken äußern“ gegen die angedeutete Möglichkeit, wiederverheiratete Geschiedene unter bestimmten Voraussetzungen zu den Sakramenten zuzulassen.

„Dieser Weg bedeutet für uns als Ortskirche von Berlin eine hohe Verantwortung und Sensibilität“, schrieb Koch, der selbst an der Bischofssynode zu Ehe und Familie in Rom im Herbst teilgenommen hatte.

Theologe Magnus Striet

Nach Ansicht des Theologen Magnus Striet ist das Dokument ein Plädoyer für die freie Gewissensentscheidung der Menschen. „Die Konsequenz ist ein anderes Verständnis von Kirche“, sagte Striet. „Das Ideal einer lebenslangen Ehe bleibt, aber Ambivalenzen und Brüche werden nicht einfach verurteilt.“ Ob wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion zugelassen werden, bleibe offen, sagte Striet.

„Am Ende muss auch hier das Gewissen entscheiden. Gut möglich, dass die Ortskirchen unterschiedliche Wege gehen, was der Papst auch ausdrücklich billigt. Hierzulande läuft dies auf eine Billigung der Praxis hinaus.“ Striet lehrt an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Freiburg. Er gehört zu den Mitunterzeichnern des reformkatholischen Aufrufs „Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch“.

Sicht der deutschen Bischöfe

Das päpstliche Schreiben „Amoris Laetitia“ hat aus Sicht der deutschen Bischöfe weitreichende Konsequenzen für den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen in der katholischen Kirche. Seelsorger müssten nun „in jedem einzelnen Fall die besondere Lebenssituation der Betroffenen“ betrachten und könnten dann über eine Zulassung zur Kommunion entscheiden, teilte die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) am Freitag mit.

„Nur im Blick auf die jeweilige Lebensgeschichte und Realität lässt sich gemeinsam mit den betroffenen Personen klären, ob und wie in ihrer Situation Schuld vorliegt, die einem Empfang der Eucharistie entgegensteht.“ Unterschrieben wurde die Erklärung vom DBK-Vorsitzenden Kardinal Reinhard Marx aus München, vom Berliner Erzbischof Heiner Koch und vom Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode. Sie hatten im vergangenen Herbst in Rom an der vorbereitenden Synode zum Thema Ehe und Familie teilgenommen.

Reformbewegung „Wir sind Kirche“

Die Reformbewegung „Wir sind Kirche“ sieht in dem Dokument „Amoris Laetitia“ eine neue Weichenstellung für die katholische Kirche. „Das ist wirklich ein Epochenwandel“, sagte der Sprecher von „Wir sind Kirche“, Christian Weisner. „Die Veränderungen sind tiefgreifender und auf Dauer angesetzt. Es ist ein Mentalitätswechsel.“ Der Papst zeige damit, „dass die Kirche auf die Menschen zugeht und nicht nur Verbotsschilder aufstellt“.

„Es ist sehr gut, dass in der Frage des Kommunionsempfangs die Ampel auf Grün oder zumindest auf Gelb geschaltet wurde“, sagte Weisner. Nun seien die deutschen Bischöfe gefragt, „damit es in Deutschland der Situation angepasste Regelungen gibt und die Menschen nicht allein auf ihren Ortspfarrer angewiesen sind und sich ihre Kommunion in der Nachbargemeinde erschleichen müssen“.

Homosexuelle Menschen könnten vom Schreiben des Papstes aber mehr erwartet haben, sagte Weisner. „Am ehesten enttäuscht werden die homosexuellen Menschen sein, weil sie nur in indirekter Weise erwähnt werden und homosexuelle Lebensgemeinschaften leider nicht anerkannt sind.“

Wiener Erzbischof Christoph Schönborn

Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn hat das Papst-Schreiben als „wunderschönen Text“ bezeichnet, der darauf abziele, alle Gläubigen - und nicht nur Verheiratete - einzuschließen. „Etwas in der Sprache der Kirche hat sich verändert“, sagte Schönborn am Freitag bei der Präsentation des sogenannten postsynodalen Schreibens in Rom. Franziskus habe einen Ton gewählt, der voller Achtung und Respekt für alle Menschen sei und ihnen Mut mache. „Es ist eine Freude, wie der Papst über Ehe und Familie schreibt, ich habe den Text voller Dankbarkeit und Emotion gelesen.“

Theologe Wolfgang Beinert

Der Theologe Wolfgang Beinert sieht in dem neuen Schreiben von Papst Franziskus einen Schritt zu einer grundlegenden Reform der katholischen Kirche. „Die Fassade bleibt, aber es entsteht etwas ganz Neues. Es ist ein wirkliches Reformschreiben“, sagte Prof.

Beinert, ein Schüler von Benedikt XVI, sagt: „Wer erwartet hat, dass sich das Kirchenrecht ändert, der wird schwer enttäuscht sein.“ Aber Franziskus betone das Gewissen der einzelnen Gläubigen und verändere damit vieles.„Er höhlt den legalistischen, kasuistischen Geist des Kirchenrechts von innen her aus. Das ist so, wie wenn man ein Haus innen entkernt und neu baut, aber außen die Fassade lässt“, erklärte Beinert.

Beinert war einst Assistent von Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt, und übernahm wie dieser einen Dogmatik-Lehrstuhl an der Regensburger Universität. Der mittlerweile emeritierte Theologie-Professor hielt auch nach dem Wechsel Ratzingers nach Rom engen Kontakt zu ihm.

Auch in den sozialen Netzwerken reagiert die Netzgemeinde auf das veröffentlichte Schreiben.

In dem Dokument spricht der 79-Jährige auch Themen wie Leidenschaft, Zärtlichkeit und Erotik an, die bisher in der katholischen Kirche meist ausgespart wurden. Klare Vorgaben zum Umgang mit Homosexuellen oder Geschiedenen macht er jedoch nicht. Wegen der zahllosen Unterschiede konkreter Situationen sei es klar, „dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte“.

Die Reformbewegung „Wir sind Kirche“ sprach im Vorfeld von „einer Nagelprobe für die Reformfähigkeit der gesamten Kirche“. Das Schreiben könne „ein erster, aber hoffentlich wegweisender Schritt sein, die jahrhundertealte Fixierung der katholischen Lehre auf eine rechtlich rigorose Sexualmoral zu verändern“.

Für Franziskus endet mit dem Papier ein Weg, den er vor mehr als zwei Jahren mit der Befragung von Laien in aller Welt zu Themen rund um Ehe und Familie begonnen hatte. Erstmalig in der Kirchengeschichte hatten sich dann im Herbst 2014 und 2015 zwei Synoden aufeinander aufbauend mit diesem Thema beschäftigt.

Das Dokument wurde im Vatikan unter anderem vom Wiener Erzbischof Christoph Schönborn präsentiert. Ob die Wahl seiner Person auch etwas mit dem Inhalt des Dokuments zu tun habe, sei reine Spekulation, heißt es in Kirchenkreisen. Der 71-Jährige hatte in der Frage der Sakramenten-Disziplin einen eher pragmatischen Ansatz verfolgt.

Das Schreiben des Papstes zu den Themen Ehe und Familie ist der vorläufige Schlusspunkt. Im Jahr 2013 hatte Franziskus mit einem ersten Fragebogen die Diskussion innerhalb der katholischen Kirche angestoßen. Ein Überblick:

Chronologie: Die Diskussion über Familienthemen in der katholischen Kirche
November 2013 Papst Franziskus lässt an Katholiken in aller Welt einen Fragebogen zu „heiklen“ Familienthemen verschicken. Die Gläubigen sollen ihre Meinung zur Haltung der Kirche bei Fragen wie Verhütung und Homosexualität äußern und damit die geplante Synode vorbereiten.
Oktober 2014 Die vom Papst einberufene Sonderbischofssynode zu Familienthemen tagt in Rom. Rund 200 Bischöfe und Laien aus aller Welt diskutieren zwei Wochen lang über Themen wie Homosexualität und Scheidung. Das Abschlussdokument bereitet die Synode 2015 vor.
Dezember 2014 Zur Vorbereitung auf die nächste Synode verschickt der Vatikan erneut weltweit einen Fragebogen an Katholiken. Mit der zweiten Frageaktion sollen die bisherigen Ergebnisse vertieft werden.
Oktober 2015 Bei dem zweiten Bischofstreffen zum Thema Familie und Ehe beraten 300 Teilnehmer aus aller Welt über die Streitthemen. Nach kontroversen Diskussionen, Konflikten und Spannungen schlägt das Abschlussdokument eine vorsichtige Öffnung der Kirche vor.
April 2016 Ein halbes Jahr nach der Synode endet mit dem Schreiben von Papst Franziskus der von ihm initiierte Diskussionsprozess. Gläubige und Kirchenmänner aus aller Welt durften zweieinhalb Jahre lang mitreden - die Schlüsse aus der Debatte zieht nun der Papst.

 

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erstellt am 08.Apr.2016 | 12:06 Uhr

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