Geheimkommando «Dau» : Kunstprojekt will Mauer in Berlin bauen

In Berlin soll wieder eine Mauer gebaut werden - für ein Kunstprojekt.
In Berlin soll wieder eine Mauer gebaut werden - für ein Kunstprojekt.

Eigentlich haben die Berliner genug von der Mauer. Aber ein Megaevent will die Kulturszene dann doch nicht verpassen. Die Pläne eines russischen Filmemachers sorgen für Wirbel.

shz.de von
24. August 2018, 14:39 Uhr

Fast 30 Jahre nach dem Fall der Mauer soll in Berlin wieder ein Betonwall die Menschen in hüben und drüben teilen.

In einem geheimnisumwitterten Kunstprojekt will der russische Filmemacher Ilya Khrzhanovsky (43) im Oktober ein ganzes Häuserkarree am Boulevard Unter den Linden einriegeln und dort eine Diktatur nachspielen.

Am Dienstag (28. August) wollen die Verantwortlichen die Pläne erstmals vorstellen, aber schon vorher schlagen die Wellen hoch. Denn nach allem, was bisher durchgesickert ist, handelt es sich bei «Dau» um ein Projekt von ganz neuen Dimensionen. Künstler wie der Filmemacher Tom Tykwer («Lola rennt»), Performerin Marina Abramović und Streetart-Legende Banksy sind beteiligt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sprach gleich von einem «Weltereignis».

Herzstück, so viel verrät die Einladung für Dienstag, ist die Premiere von 13 (!) Filmen, drei Serien und einer digitalen Filmplattform, die Khrzhanovsky seit 2008 geschaffen hat. In einer eigens nachgebauten Stadt in der Ukraine ließ er für zwei Jahre den stalinistischen Überwachungsstaat wiederauferstehen - bis hin zu Details wie kratzender Unterwäsche und Kohlsuppe.

Für viele der bis zu 400 Menschen, die dort lebten und arbeiteten, sei die Kulisse nach und nach zur Realität geworden, schreibt das Kunstmagazin «Monopol», das den Filmemacher schon länger begleitet. Den Namen «Dau» hat das Projekt von dem sowjetischen Atomphysiker Lew Landau (1908-1968), um dessen Institut es vor allem geht.

Unter dem Titel «Dau Freiheit» soll die Zeitreise nun in Berlin weitergehen. Laut Bezirksamt haben die Berliner Festspiele als Veranstalter dafür ein gewaltiges Areal rund um das edle Kronprinzenpalais beantragt - einschließlich Staatsoper, Bauakademie und Schinkelplatz.

Dort entstehe eine «Stadt in der Stadt, die ein Leben nach anderen Regeln zeigt und erfahrbar macht», hieß es von den Festspielen kryptisch. Auf der Homepage DAU, für die man sich registrieren lassen muss, verspricht ein vorgeschalteter Trailer: «Sie entscheiden selbst, wie weit Sie gehen.»

Für die neue «Mauerstadt» sind Medienberichten zufolge strenge Kontrollen geplant. Nur angestammte Bewohner erhielten einen Dauerausweis, Besucher müssten wie in einem Erlebnispark Eintritt zahlen. Nach einem Start Mitte Oktober soll dann am 9. November, dem Tag des Mauerfalls, auch die Fake-Mauer wieder fallen. Weitere Stationen sind Paris (November 2018) und London (Anfang 2019).

Freilich: Ob es in Berlin so weit kommt, ist noch nicht ausgemacht. Das Projekt war schon einmal abgeblasen worden. Im vergangenen Jahr hatte es eigentlich zur Eröffnung der umstrittenen Intendanz von Chris Dercon an der Volksbühne laufen sollen. Nach Angaben von Insidern war Khrzhanovsky damals aber noch nicht mit der Bearbeitung seiner 700 Stunden Filmmaterial fertig.

Auch jetzt scheint noch nicht alles in trockenen Tüchern. Zudem steht ein Hindernislauf bei den Behörden bevor. Straßen- und Grünflächenamt, Bauamt und Denkmalschutz, Polizei und Feuerwehr müssen zustimmen. Bis zum 30. August sollen jetzt erst einmal die dringendsten Fragen und mögliche Probleme benannt werden, teilte das Bezirksamt mit.

Zumindest Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller hat den Initiatoren schon mal seinen Segen erteilt. «Unter dem Strich» finde er die Sache gut, erklärte der SPD-Politiker diese Woche - auch wenn er von vornherein kritische Diskussionen erwartet habe.

Die dürften sich vor allem darum drehen, wer hinter dem Megaprojekt steckt und woher das Geld kommt. Berliner Beteiligte dürfen keine Auskunft geben, zum Teil mussten sie Schweigeerklärungen unterschreiben. Nach einer Recherche des «Tagesspiegels» steht hinter «Dau» die in London ansässige Stiftung Phenomen Trust, die von dem russischen IT-Unternehmer und Multimillionär Sergei Adoniev gegründet wurde.

Ob es am Dienstag genauere Auskünfte gibt? Fest steht vorerst nur, dass Khrzhanovsky selbst nicht kommt. Er äußere sich nie in der Öffentlichkeit, hieß es.

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